Nach Aprilias Vierfach-Triumph: Sterlacchini nennt Sorgen im WM-Endspurt
Vier Aprilias vorn, Marc Marquez nur Sechster: Mandalika zeigte die Stärke der RS-GP. Technikdirektor Fabiano Sterlacchini spricht über interne Leitlinien und zwei Strecken, die ihm Sorgen bereiten.
Der Grand-Prix von Indonesien in Mandalika wurde für Aprilia zu einem historischen MotoGP-Erfolg:
Für Aprilia-Technikdirektor Fabiano Sterlacchini zeigte das Ergebnis, wie wertvoll vier konkurrenzfähige Fahrer im Titelkampf sein können. Gleichzeitig warnte er davor, die Kräfteverhältnisse von Indonesien auf den gesamten WM-Endspurt zu übertragen.
«Es hängt von Strecke zu Strecke ab. Wir haben während der Saison deutlich gesehen, dass Ducati auf einigen Strecken etwas mehr hat und wir auf anderen. Natürlich ist es ein gutes Problem, vier starke Fahrer zu haben. Es ist gut, vor der Aufgabe zu stehen, diese Situation zu managen», kommentierte der Italiener.
Aprilias heißestes WM-Eisen nur Dritter
Martin musste sich im Grand Prix zunächst nach vorne arbeiten, während Bezzecchi und Fernandez an der Spitze das Tempo bestimmten. Sterlacchini vermutet, dass der Spanier dabei bewusst die Balance zwischen Angriff und Risiko suchte.
«Nach dem Start und der ersten Kurve musste er einen Rückstand aufholen, nachdem er Positionen verloren hatte. Ich kann natürlich nicht in Jorges Kopf schauen, aber ich glaube, dass er versucht hat, mit möglichst wenig Risiko das Maximum herauszuholen. Meiner Meinung nach lag es vor allem an der ersten Rennphase. Als er aufgeholt hatte, waren seine Rundenzeiten mehr oder weniger mit denen der beiden Fahrer an der Spitze vergleichbar», analysierte der Aprilia-Ingenieur das Rennen des WM-Führenden.
Keine Stallorder, aber «Vorgaben und Leitlinien»
Neben Martin hält auch Bezzecchi seine Titelhoffnungen am Leben. Nach seinem Sieg liegt der Italiener 46 Punkte zurück. Die Frage, wie Aprilia seine Fahrer im weiteren Saisonverlauf gegeneinander fahren lässt, gewinnt damit an Bedeutung. Eine feste Rangordnung beschrieb Sterlacchini nicht. Intern wird allerdings bereits darüber gesprochen, wie sich unnötige Konflikte vermeiden lassen.
«Unser Chef Massimo (Rivola) hat bereits erklärt, dass sie im Moment vollkommen frei fahren dürfen. Natürlich beginnen wir untereinander darüber zu sprechen, gewisse Vorgaben und Leitlinien festzulegen, um Probleme zu vermeiden», so Sterlacchini. «Leider haben wir beim Unfall gestern gesehen, dass solche Dinge zum Rennsport gehören. Selbst wenn man versucht, die Rollen, Möglichkeiten und Risiken klarzustellen, kann manchmal trotzdem etwas passieren.»
Im Sprint waren Fernandez und Bezzecchi bereits in der ersten Kurve nach einer Kettenreaktion gestürzt. Am Sonntag antworteten sie mit den ersten beiden Plätzen. Für Sterlacchini ist die Stärke aller vier Aprilia-Piloten ein Vorteil, den der Hersteller durch weitere Entwicklungsarbeit absichern will.
Die große Frage ist aber, ob Martin mental stark genug ist, um Marquez den Titel abzujagen. «Es ist schwierig zu sagen, wer im mentalen Duell stärker ist. Das kann sich von Rennen zu Rennen ändern. In einem solchen Kampf ist wichtig, bis zum letzten Blutstropfen niemals aufzugeben und nichts unversucht zu lassen», hielt Sterlacchini fest.
Auf welchen Strecken ist Ducat im Vorteil?
Aprilia lässt nichts unversucht, um sich in der finalen 1000er-Saison gegen die Konkurrenz aus Borgo Panigale zu behaupteten. «Wie ihr gesehen habt, haben wir zuletzt auch Weiterentwicklungen für das Motorrad gebracht. Wir arbeiten Tag für Tag mit allen unseren Fahrern daran, das maximale Potenzial auszuschöpfen. Heute haben wir alle Motorräder vor Marc platziert und uns damit beim Punktegewinn einen zusätzlichen Vorteil verschafft. Eine besondere Strategie gibt es darüber hinaus nicht: Wir müssen bei jeder Veranstaltung und in jeder Session das Maximum herausholen», schilderte der Aprilia-Technikdirektor.
Sollte Katar stattfinden, wonach es aktuell aussieht, dann stehen noch fünf Rennwochenenden bevor: Phillip Island, Sepang, Lusail, Portimao und Valencia. Welche Strecken Aprilia dabei entgegenkommen werden, lässt sich nach Ansicht des Technikdirektors nicht immer zuverlässig vorhersagen. Als Beispiel nannte er Spielberg.
«Manchmal ist das schwer zu sagen – nicht, weil ich es nicht sagen möchte. Wir hatten zum Beispiel erwartet, in Spielberg eher Schadensbegrenzung betreiben zu müssen. Dann hatten wir dort aber ein wirklich gutes Wochenende.» Bei zwei der verbleibenden Aufgaben ist Sterlacchini dennoch vorsichtig. Aprilia arbeitet deshalb gezielt daran, möglichst gut vorbereitet anzureisen.
«Ehrlich gesagt bin ich etwas besorgt. Wir gehen die Rennen Schritt für Schritt an. Wir arbeiten daran, in Sepang so gut wie möglich vorbereitet zu sein. Dann kommt natürlich Katar. Diese beiden Strecken bereiten uns etwas mehr Sorgen. Auf den anderen Strecken glauben wir, ziemlich konkurrenzfähig zu sein. Valencia ist wahrscheinlich ausgeglichen, weil Marc in den Linkskurven normalerweise extrem stark ist.»
Raul Fernandez hat «großes Potenzial»
Eine wichtige Rolle könnte im Endspurt auch Fernandez spielen. Der Trackhouse-Pilot bestätigte in Mandalika sein starkes Tempo über das gesamte Wochenende und wurde trotz zweier gebrochener Finger Zweiter. Sterlacchini sieht in ihm zugleich einen Fahrer, dessen Entwicklung über die laufende Saison hinaus wichtig ist.
«Raul ist ein wichtiger Bestandteil unseres Projekts. Er bleibt auch im kommenden Jahr bei uns. Deshalb investieren wir Zeit in ihn, weil wir glauben, dass er sehr großes Potenzial hat.»
Bei der Arbeit mit den vier Fahrern geht es dem Technikdirektor auch darum, ihre unterschiedlichen Stärken nutzbar zu machen.
«Ich mache diesen Job nicht erst seit einem Jahr. Im Idealfall würde man die Qualitäten jedes einzelnen Fahrers in einem Fahrer vereinen. Die stärksten Fahrer zeichnen sich normalerweise dadurch aus, dass sie all diese Eigenschaften zusammenbringen: Strategie, Cleverness, Talent und die Bereitschaft, hart zu arbeiten.»
«Wir versuchen, das durch die individuelle Arbeit mit jedem Fahrer auszugleichen. Die positiven Eigenschaften sollen sich gewissermaßen wie ein Virus übertragen, damit jeder sein Gesamtpaket verbessert.»
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