Kolumne: Wer wird der letzte MotoGP-Champion der 1000er-Ära?
Nach 15 Jahren geht eine MotoGP-Ära zu Ende: SPEEDWEEK-com-Kolumnist Michael Scott schaut zurück und gibt einen Ausblick auf das, was wir 2026 erwarten können.
Jorge Lorenzo war der erste 1000er-Weltmeister – vor erstaunlichen 15 Jahren. Seine Nachfolger stehen bald wieder Schlange, um herauszufinden, wer der letzte sein wird. Nach der Winterpause beginnen die Testfahrten an den letzten beiden Januartagen mit dem Shakedown-Test in Sepang (für Rookies, Testfahrer und das erfolglose Yamaha-Team). Dann drei Tage später am selben Ort testet das komplette Starterfeld.
Alle Augen richten sich auf die neuen Kräfteverhältnisse im letzten Jahr der großen Boliden. Denn 2027 beginnt eine neue Ära: Die MotoGP-Regeln verkleinern die Motoren (auf 850 cm³) und vereinfachen die Technik (weniger Aerodynamik, keine Ride-Height-Devices).
Marc Marquez der erfolgreichste Pilot der 1000er-Ära
In den 14 Jahren seit Einführung der 1000er hat Marc Marquez die Hälfte aller Titel gewonnen, Jorge Lorenzo und Francesco Bagnaia je zwei, Joan Mir, Fabio Quartararo und Jorge Martin die übrigen. Bemerkenswert: Bis auf Lorenzo fahren alle Weltmeister noch – und kämpfen um die letzte Ehre dieser so beliebten Klasse.
Zeit, Wetten abzuschließen. Und angesichts der Rückkehr zu nahezu unschlagbarer Form im vergangenen Jahr sollte man bei Marc keine guten Wettquoten erwarten. Für mich – und wohl für alle anderen – ist er der klare Favorit. Er hat 2025 nicht jedes Rennen gewonnen, aber in einem direkten Duell wurde er tatsächlich nur einmal geschlagen. Von seinem jüngeren Bruder.
Doch Sport ist unberechenbar, Motorradrennsport erst recht (fragen Sie einfach den Titelverteidiger des Vorjahres, Jorge Martin, der die meiste Saison wegen einer Serie von Stürzen und Verletzungen verpasste. Und Marc übrigens auch, der vor seinem Märchen-Comeback 2025 fünf Jahre in der Wüste verbrachte).
Also: Wer noch?
Betrachtet man die Fakten, dann muss Martin weit oben stehen. Er ist verheerend schnell und extrem entschlossen. Das basiert wegen seiner langen Zwangspause im Vorjahr allerdings mehr auf früheren Leistungen als auf aktueller Form – und weil er kein einziges Rennen wirklich fit auf der Aprilia bestreiten konnte, die er schon beim Kennenlernen in Sepang wegwarf.
Orientiert man sich an Resultaten, wirkt sein Aprilia-Teamkollege Bezzecchi, der sich mit einem starken Saisonendspurt auf Rang drei der Gesamtwertung schob, ziemlich vielversprechend. Ebenso Vizeweltmeister Alex Marquez, der ebenfalls drei Siege holte, als er aus dem Schatten trat. Weniger spektakulär als Bezzecchi, aber konstanter.
Francesco Bagnaia nur ein Außenseiter?
Und können wir wirklich glauben, dass der furchtbare Einbruch des zweifachen Siegers und Doppelweltmeisters Bagnaia weitergeht? (Tatsächlich glaube ich das … aber das ist nur meine Meinung.)
Wählt man mit dem Herzen – und warum nicht? – dann ist es wieder Bagnaia. Er ist ein erwiesenes Talent, und man muss einfach Mitleid mit ihm haben.
Oder einer der KTM-Außenseiter: Pedro Acosta. Der frühere Moto3- und Moto2-Champion ist offensichtlich hochbegabt, wartet aber noch auf seinen ersten MotoGP-Sieg.
Und was ist mit Fabio Quartararo? Talentiert genug für Pole-Positions am Fließband, aber mit einer Yamaha, die im Rennen regelmäßig unterlegen ist. Eine echte sentimentale Wahl – und damit sind wir bei der anderen Seite der Gleichung.
Welche Maschine wird gut genug sein?
Yamaha setzt auf den neuen 1000er-V4 – für genau ein einziges Jahr. Es wäre ein Wunder, wenn er direkt vom Reißbrett konkurrenzfähig wäre. Können Wunder geschehen? In diesem Zusammenhang: wohl kaum.
Die größte Frage betrifft jedoch Ducati. Die Desmosedici war vergangenes Jahr weiterhin das Maß der Dinge – allerdings nicht auf einfache Weise. Die GP25 funktionierte ordentlich für das Genie Marc, brachte aber weder Bagnaia noch Satellitenfahrer Fabio Di Giannantonio einen Fortschritt. Beide waren extrem inkonstant unterwegs. Es war vielmehr die ein Jahr alte GP24, die zuverlässig glänzte – für Alex ebenso wie für den siegreichen Rookie Fermin Aldeguer.
In diesem Jahr wird Aldeguer dafür «belohnt», eine der heiklen GP25 zu bekommen, während Alex und Diggia diesem Schicksal entgehen und gemeinsam mit Marc und Bagnaia auf die GP26 wechseln. Doch können Hausgenie Gigi Dall’Igna und sein Team die im letzten Jahr verlorene Dominanz zurückerobern? Die Konkurrenz wird gespannt beobachten, ob Ducatis 1000er-Schwanengesang die kleinen, aber feinen Fehltritte der GP25 vermeiden kann.
Diese Rivalen müssen ihrerseits eigene Fehltritte vermeiden. Aprilia muss die starke Entwicklung der letzten Saison fortsetzen, als ihr Motorrad sich von einem gelegentlichen Star auf flüssigen, rhythmischen Strecken zu einem potenziellen Sieger auch auf anderen Kursen entwickelte.
KTM muss mehr tun als nur den Status quo zu halten – nach einem Jahr, in dem der Fortschritt klar nicht ausreichte, um mitzuhalten. Man konnte die finanziellen Probleme anführen, die die Existenz des Teams bedrohten, doch dafür wird es in diesem Jahr keine Ausreden geben.
Bleiben die möglichen Überraschungen. Nummer eins: Honda. Das Tempo der Verbesserung im vergangenen Jahr könnte dazu führen, dass der große H in dieser Saison Rennen gewinnt – auch wenn der Gedanke an einen Titel als Klammer um die 1000er-Ära etwas weit hergeholt ist.
Und schließlich womöglich die größte Überraschung von allen: Toprak Razgatlioglu. Er lernt eine neue Klasse auf der komplett neuen V4-Yamaha. Der Türke wird jede Hilfe brauchen, die ihm sein erfahrener Teamkollege Jack Miller geben kann, wenn er den Erwartungen mancher gerecht werden soll.
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