Wegbegleiter über Bulegas GP-Karriere: «Er war damals noch nicht bereit»
Nicolo Bulegas Karriere hat im Superbike-WM-Paddock neuen Schwung aufgebaut. VR46-Teammanager Pablo Nieto erklärt, warum der Italiener heute ein völlig anderer Fahrer ist als in der Moto2-WM.
Nicolo Bulega schreibt in der Superbike-WM derzeit Geschichte. Der Ducati-Werkspilot gewann bislang alle 21 Saisonrennen und ist auf dem besten Weg zum ersten WM-Titel seiner Karriere. Gleichzeitig gilt der Italiener als aussichtsreichster Kandidat für einen Wechsel in die MotoGP zur Saison 2027 und steht bei VR46 praktisch als Teamkollege von Fermin Aldeguer fest.
Eine offizielle Bestätigung wird erwartet. Als offizieller Ducati-Testfahrer arbeitet Bulega bereits an der neuen 850er-Maschine, die 2027 debütieren wird. Sollte der Wechsel tatsächlich erfolgen, würde Ducati in der Superbike-WM seinen derzeit überragenden Fahrer verlieren. Einen Fahrer, der als gescheiterter Moto2-Pilot in die Supersport-WM wechselte und innerhalb der Aruba-Familie neu aufgebaut wurde.
Wegbegleiter Nieto bestätigt Bulegas starke Entwicklung
Für VR46-Teammanager Pablo Nieto käme eine Rückkehr Bulegas in die Königsklasse jedenfalls nicht überraschend. Nieto kennt den Italiener wie kaum ein anderer. Gemeinsam gewann man die Spanische Meisterschaft, anschließend betreute das VR46-Team Bulega in der Moto3 und Moto2. Schon damals erkannte Nieto dessen außergewöhnliches Talent.
«Wir haben mit Nicolo gearbeitet, als er noch sehr jung war», erinnerte sich Nieto im exklusiven Gespräch mit SPEEDWEEK.com. «Wir haben extra für ihn ein Team für die Spanische Meisterschaft aufgebaut und er gewann den Titel mit uns. Danach kam er mit uns in die Moto3. Wir kannten sein großes Talent schon damals.»
Dennoch verlief Bulegas Karriere in den Grand-Prix-Klassen zunächst enttäuschend. Nach einigen starken Ansätzen blieb der große Durchbruch aus, ehe er in der Supersport-WM einen Neustart wagte und sich anschließend zu einem der stärksten Superbike-Piloten der Welt entwickelte.
«Ich glaube, dass er damals für dieses Niveau einfach noch nicht bereit war», sagte Nieto. «In der Superbike-WM hat er inzwischen einen riesigen Schritt gemacht. Das Talent war schon immer da. Heute ist er ein sehr guter Fahrer.»
Der enorme Erwartungsdruck brachte Bulega vom Kurs ab
Bulega selbst betont regelmäßig, dass er heute ein anderer Mensch und Fahrer sei als während seiner Zeit in der Moto2. Damals litt er unter dem enormen Erwartungsdruck. Nieto hält diese Entwicklung für nachvollziehbar.
«Das kann gut sein», sagte er mit Blick auf die hohen Erwartungen, die Bulega bereits als Teenager begleiteten. «Ich erinnere mich, dass er in seinen ersten beiden Rennen bereits um das Podium kämpfte. Dadurch entstehen automatisch hohe Erwartungen. Manchmal machen auch wir den Fehler, junge Fahrer sofort zum nächsten großen Star zu erklären.»
Gerade deshalb mahnt Nieto zu mehr Geduld im Umgang mit jungen Talenten. «Wir müssen bei Nachwuchsfahrern ruhig bleiben. In diesem Fahrerlager ist es extrem schwierig, etwas Großes zu erreichen. Am Ende kämpfen immer nur wenige Fahrer um den WM-Titel. Aber Nicolo hat das Potenzial für große Erfolge. Vielleicht schafft er es eines Tages auch hier.»
Parallelen erkennt Nieto zu Fabio Quartararo. Auch der Franzose galt früh als Ausnahmetalent, blieb in den kleineren Grand-Prix-Klassen jedoch hinter den Erwartungen zurück und entwickelte sich erst in der MotoGP zum Weltmeister.
«So etwas passiert manchmal», erklärte Nieto. «Auch Quartararo hatte keine überragende Moto2-Saison. In der Moto3 war er unglaublich schnell, doch erst in der MotoGP konnte er sein volles Potenzial ausschöpfen. Das hängt auch von den Eigenschaften eines Fahrers ab. Manche fühlen sich auf einem großen Motorrad einfach wohler.» Als weiteres Beispiel nannte er Jack Miller, der direkt von der Moto3 in die MotoGP wechselte.
Ob Bulega eine zweite Chance in der MotoGP verdient hat, beantwortete Nieto mit vorsichtigem Optimismus. «Das ist eine schwierige Frage. Das Niveau in der MotoGP wird jedes Jahr höher. Fast alle Fahrer waren Weltmeister oder zumindest unter den Top-3 in den kleineren Klassen. Deshalb wird es sehr schwierig. Aber wenn du hart arbeitest und ein Talent wie Nicolo hast – warum nicht?»
Vieles spricht derzeit dafür, dass Bulega 2027 tatsächlich den Sprung zurück in die MotoGP wagt. Für Ducati wäre das einerseits ein Gewinn für das MotoGP-Projekt, andererseits würde die Superbike-Mannschaft ihren mit Abstand erfolgreichsten Fahrer verlieren. Angesichts seiner historischen Dominanz und seiner beeindruckenden Entwicklung dürfte es für die Italiener alles andere als einfach werden, einen gleichwertigen Nachfolger zu finden.
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