Im siebten Jahr steht Honda ohne Referenz da – und beginnt wieder bei null
Mit dem sechsfachen Superbike-Weltmeister Jonathan Rea hat die Honda Racing Corporation die bestmögliche Entwicklungshilfe engagiert. Das Urteil der Nordiren: «Aufholen zur Spitze wird länger dauern.»
Für Honda-Fans in der MotoGP- und Superbike-WM ist es seit Jahren normal, dass es wenig und selten etwas zu feiern gibt. Dabei galt die Honda Racing Corporation, zuständig für alle Werksauftritte des größten Motorradherstellers, einst als schlagkräftigste Rennabteilung.
Seit 2007 wurde bei den Superbikes kein WM-Titel gewonnen, der letzte Rennsieg gelang 2016. Nach einer so langen Durststrecke waren die Hoffnungen groß, dass sich mit der werksseitigen Rückkehr 2020 und der Einführung der CBR1000 mit drei R endlich etwas zum Guten bewegen würde.
Honda stellte alles auf den Kopf
Von der Saison 2025 auf 2026 wurde bei Honda alles auf den Kopf gestellt: neue Stammfahrer, neuer Testfahrer und ein neuer Teammanager – wieder einmal. Als Iker Lecuona und Xavier Vierge im vierten gemeinsamen Jahr mitgeteilt wurde, dass sie für 2026 unerwünscht sind, waren die beiden Spanier nicht amüsiert.
Aus heutiger Sicht hat ihnen Honda damit einen Gefallen getan. Von 2022 bis 2025 haben sie auf der Fireblade zusammen magere drei dritte Plätze erobert. Lecuona zog im Herbst 2025 den Hauptgewinn, dockte für dieses Jahr im Ducati-Werksteam an und hat nach sechs Läufen auf der Panigale V4R mehr Podiumsplätze vorzuweisen als nach 119 Rennen mit Honda. Vierge ging zu Yamaha und fühlt sich auf der Werks-R1 ebenfalls pudelwohl.
Katastrophaler Saisonbeginn
Ihre Nachfolger bei Honda sind Somkiat Chantra und Jake Dixon, zwei Superbike-Rookies. Immerhin: Sie verfügen über eine bessere Moto2-Vita als ihre spanischen Vorgänger. Zeigen konnten sie von ihrem Können noch nichts, denn der Saisonstart war katastrophal: Chantra brach sich in der Vorbereitung bei einem Sturz in Sepang beide Arme, Dixon demolierte während der Tests auf Phillip Island mehrere Knochen in der linken Hand. Deshalb rückten in Australien Ende Februar die Honda-Testfahrer Tetsuta Nagashima und Ryan Vickers als Ersatz aus. Beim Europa-Auftakt in Portimao Ende März war Chantra halb fit zurück, statt dem rekonvaleszenten Dixon fuhr Edeltester Johnny Rea. So ist die Besetzung auch an diesem Wochenende auf dem TT Circuit in Assen.
Für das beste Ergebnis in der laufenden Saison sorgte Nagashima bei Mischverhältnissen im zweiten Hauptrennen auf Phillip Island mit Platz 11. Im Trockenen kam Rea im zweiten Lauf in Portimao als Zwölfter ins Ziel. Es zeichnet sich ab: In den Niederlanden wird es nicht besser, Rea und Chantra beendeten den Freitag in der kombinierten Zeitenliste auf den Positionen 19 und 21.
Auch Jonathan Rea rätselt
Die Frage, wo Honda steht, kann auch Rea nicht beantworten. «Klar ist, dass wir viel Arbeit vor uns haben», sagte der sechsfache Champion beim Treffen mit SPEEDWEEK.com in Assen. «Wir haben viele neue Dinge für die Elektronik bekommen und im Winter bei null begonnen. Ich bin nie Vergleichstests zwischen der Elektronik von 2025 und 2026 gefahren, weiß also nicht, wo Honda letztes Jahr stand.»
Der 39-Jährige spart auch nicht mit Selbstkritik: «Vor dem Portimao-Wochenende fuhr ich nie mehr als sechs Runden am Stück. Ich drehte 25 Runden in Jerez und 25 in Portimao und es war jeweils nass. Ich hatte zwei Operationen hinter mir und schmiss im FP2 mein Motorrad in Kurve 10 in den Zaun. Ich war nicht gut genug für ein Rennwochenende vorbereitet – gemessen an meinen Standards, wenn ich erwarte an der Spitze zu fahren. Mit einem Projekt, das am Anfang steht.»
Verzeihung? Das HRC-Projekt befindet sich im siebten Jahr, da kann schwerlich von einer Anfangsphase die Rede sein. «Ich sehe die Ressourcen und den Einsatz, ich spüre die Ambitionen», holte Johnny etwas aus. «Sie wollen nach vorne kommen, dafür muss das Basisniveau des Motorrads besser werden. Ich erwarte mehr – aber sie sind trotz der Bemühungen bislang nicht vorne angekommen. Deshalb investiert Honda jetzt so viel in das Entwicklungsprogramm. Ich testete vergangene Woche in Portimao und werde das übernächste Woche erneut tun – wir arbeiten sehr hart. Aber es liegt an Honda und HRC, die Richtung vorzugeben.»
Woher sollen wir wissen, ob die bisherigen Rennen gut oder schlecht waren?jonathan rea
«Wenn du den Einsatz, die Arbeit, Ressourcen und das Geld zusammennimmst, dann musst du aus den Informationen die richtigen Schlüsse ziehen», brachte es Rea auf den Punkt. «Es war seltsam, dass Honda nach der vergangenen Saison beide Fahrer verlor, jetzt fehlt die Referenz. Woher sollen wir wissen, ob die bisherigen Rennen gut oder schlecht waren? Wenn Xavi oder Iker noch hier wären, dann könnten sie zu mir sagen, dass ich daheimbleiben und mehr Bier trinken soll. Oder wir würden feststellen, dass wir am 26er-Bike mit dieser Elektronik intensiver arbeiten müssen. Aber jetzt stehen wir ohne Anhaltspunkte da. Manchmal ist es gefährlich, Jahre miteinander zu vergleichen. Aber wahr ist, dass es immer vorwärts geht. Um dort anzukommen, wo Ducati heute ist, müssen wir aufholen. Aber bis wir das geschafft haben – was meinst du, wo die anderen dann stehen? Es gibt viel zu tun, aber deshalb mag ich das Projekt. Vielleicht kann ich ein kleines Zeichen setzen und dabei helfen, eine Richtung zu finden.»
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