History: Jo Gartner – Tod auf der Mulsanne-Geraden

Von Mathias Brunner
Formel 1

​Am 24. Januar wäre der Wiener Jo Gartner 65 Jahre alt geworden. Vermutlich würde er heute ein Leben im Unruhestand führen. Aber das Schicksal meinte es anders: Er kam 1986 in Le Mans ums Leben.

Ich frage mich oft, was aus Rennfahrern geworden wäre, die wir viel zu früh verloren haben. Ob Ayrton Senna vielleicht heute die Geschicke der brasilianischen Regierung leiten würde? Wäre Gilles Villeneuve im Albert-Park von Melbourne in den Boxen, als Markenbotschafter von Ferrari? Würden wir von François Cevert als erstem französischen Formel-1-Champion sprechen, nicht von Alain Prost? Hätte Jochen Rindt in den 70er Jahren mit Bernie Ecclestone die Leitung der Formel 1 übernommen? Wir werden es nie erfahren, das Schicksal wollte es anders. An diesem 24. Januar 2019 wäre der Wiener Jo Gartner 65 Jahre alt geworden. So richtig kann ich ihn mir nicht vorstellen als Rentner, für Müssiggang war sein Geist des Ingenieurs und des Racers viel zu hellwach. Gartner blieb die grosse Formel-1-Karriere versagt. Er hatte sich im Rennstall von Enzo Osella die Seele aus dem Leib gefahren, aber es nützte nichts – für 1986 erhielt er keinen Stammplatz mehr in der Königsklasse.

Gartner wollte den Frust in der Langstrecken-WM abstreifen, im Porsche 962C aus dem Rennstall von Kremer. Um halb drei Uhr früh dieses unglückseligen 1. Juni 1986 kam sein Rennwagen auf der Mulsanne-Geraden von Le Mans bei Höchstgeschwindigkeit von der Bahn ab. Die Unfallursache wurde nie mit Gewissheit bestimmt.

Mein langjähriger Kollege Helmut Zwickl erinnerte sich: «Im Morgengrauen des Sonntags läutete bei mir das Telefon. Die Stimme von Dieter Quester war kaum zu erkennen. Er schluchzte. „Ein Wahnsinn“, stammelte er. „Ich frag’ mich: Hab’ ich das geträumt?“»

«Die Mulsanne-Gerade war damals ein langer, schwarzer Asphaltstrich durch die Föhrenwälder, es gab noch keine Schikane, um die Autos zu bremsen. Quester erzählte: „Unser Auto erreichte dort 349 km/h Spitze. Du denkst ständig – was, wenn ein Reifen platzt? Oder ein Radl bricht oder die Lenkung?“»

«Gartner hatte im Porsche öfters ein Rad verloren. Wie beim 12-Stunden-Rennen von Sebring 1986, das er zusammen mit Hans-Joachim Stuck gewann, in einem 962er von Bob Akin. Gartner fuhr auf drei Rädern über die Ziellinie. Die Amis feierten ihn wie einen Helden.»

«Gartner war gerade dabei, sich in der Sportwagenliga zu etablieren. Alle, von Hans-Joachim Stuck bis Derek Warwick, zollten dem Wiener Lob: Ein guter Mann, ein schneller Mann. Er selber wusste: „Wenn ich in Sebring gewinne oder in einem Sportwagen-WM-Lauf Dritter werde, dann steht darüber nichts in der Zeitung. Ein achter Platz in der Formel 1 löst mehr Echo aus.“»

«Nach dem Imola-GP 1984 sass Jo bei mir im Auto. Wir standen im Stau von 200.000 abreisenden Zuschauern. Er schlief, aber plötzlich erwachte er aus seinen Tagträumen und sagte: „Einmal möchte ich der Alain Prost sein ...“ Ich fragte: „Wieso Prost und nicht Lauda?“ – „Weil der Lauda zu berühmt ist, das würde mich stören.“»

«Zwei Stunden vor dem Todessturz brach Jo Gartner die Hinterradaufhängung seines brandneuen Kremer-Porsche 962C. Augenzeuge Michael Glöckner, Jo Gartners Freund und Leibfotograf: „Ich stand in der Mulsanne und habe gesehen, wie der Jo gezaubert hat, als die Aufhängung brach. Er ist dabei am Ende der Geraden von der Strecke geflogen.“»

Helmut Zwickl: «Gartner schlich mit dem Porsche ganz langsam an die Box, es wurde dreissig Minuten lang repariert. Dann stieg der Südafrikaner Sarel van der Merwe ins Auto, um zwei Nachtschichten zu fahren. Der Dritte im Bunde, der Japaner Kunimitsu Takahashi, war in der Nacht nicht schnell genug.»

«Glöckner meinte: „Jo hatte mit dem neuen Auto viel Ärger. Im Training verbrauchte man drei Motoren. Er betonte immer wieder, dass er im Jahr zuvor sein Auto auf der Mulsanne mit nur einer Hand habe steuern können, jetzt reichten beinahe beide Hände nicht aus, um den Wagen zu kontrollieren.»

«Seine letzten Worte, als er das Auto von van der Merwe übernahm: „Ich freue mich auf Sonntag, 16.00 Uhr, dann ist dieses Rennen aus, und ich werde endlos lange unter der Dusche stehen.“»

«Irgendwann dieser Tage fuhr Glöckner mit Jo im Privatauto über die Mulsanne. Gartner meinte: „Hier darf dir nichts passieren. Wenn du abfliegst, hast du keine Chance.“»

Jo Gartner ist auf dem Döblinger Friedhof von Wien zur letzten Ruhe gebettet. Er wurde nur 32 Jahre alt.

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