FIA ändert Regel: Ferrari im Budgetstreit ausgebremst

Von Mathias Brunner
Formel 1
Sebastian Vettel mit seinem Ferrari bei den Formel-1-Wintertests im Februar

Sebastian Vettel mit seinem Ferrari bei den Formel-1-Wintertests im Februar

​Ist das ein Durchbruch, um im Streit wegen der Budgetobergrenze Ferrari in die Knie zu zwingen? Der Autosport-Weltverband FIA hat im Sportkodex die Regel mit der erforderlichen Einstimmungkeit geändert.

Jahrelang sind in der Königsklasse gute Ideen letztlich abgewürgt worden, weil im so genannten Internationalen Sportkodex unter Artikel 18.2.4 für kurzfristige Änderungen (wie heute für Neuerungen ab 2021, M.B.) Einstimmigkeit der Rennställe erforderlich war. Vor dem Hintergrund der Corona-Katastrophe hat der Autosport-Weltverband FIA diesen Artikel nun aber geändert. Neu heisst es jetzt: «In aussergewöhnlichen Situationen oder wenn die FIA eine Änderung als erforderlich erachtet, um das Wohl einer Meisterschaft sicherzustellen, ist Mehrheitsbeschluss der Teilnehmer ausreichend.»

Die FIA hat mit der Regeländerung mehr Macht an sich gerissen, als Schutzmassnahme für den Sport, wenn sich ein Teilnehmer partout querlegt.

Das könnte den Durchbruch bedeuten bei den schwierigen Verhandlungen um die Höhe des kommenden Budgetdeckels. Die meisten Teamchefs haben sich dafür ausgesprochen, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten diese Obergrenze zu senken, Ferrari-Teamchef Mattia Binotto ist dagegen. Er spricht von einer Entwertung der Formel 1, McLaren-CEO Zak Brown schimpft, dass Ferrari die Zeichen der Zeit nicht erkenne.

Der US-Amerikaner sagte: «Wir spielen mit Feuer. Wir müssen in dieser Situation wirklich aufpassen, dass wir keine Teams verlieren. Wenn wir nur noch acht Rennställe haben, dann ist das keine Formel 1 mehr. Der Sport lebt davon, dass wir ein volles Startfeld haben. Aber das ist nicht garantiert, wenn wir es nicht schaffen, die Formel 1 in Sachen Budget tragbar zu machen. Weniger grosse Rennställe könnten sich am Ende die Königsklasse nicht mehr leisten oder sie verlieren das Interesse. Am Ende würden nur die finanziell stabiler aufgestellten Rennställe übrig bleiben, und das funktioniert so nicht.»

Eigentlich war vorgesehen, einen Budgetdeckel von 175 Millionen Dollar pro Saison einzuführen und diese Grenze dann schrittweise zu senken. In diesen 175 Millionen nicht eingeschlossen sind – Aufwand für Marketing, Gehälter der Fahrer, Kosten für kulturelle Posten (etwa den Betrieb alter GP-Rennwagen), Boni, Abschreibungen und Amortisation, Kosten, die mit der Formel 1 nichts zu tun haben, Anmeldegebühr des Teams und Superlizenzgebühr der Fahrer sowie die Gehälter der drei bestbezahlten Angestellten (abgesehen von den Piloten).

Aber 175 Millionen sind vor dem Hintergrund der Coronakrise völlig unrealistisch. Ein erster Kompromiss von 150 Millionen geht Zak Brown ebenfalls zu wenig weit. Der Kalifornier hat sogar 100 Millionen vorgeschlagen. Der jüngste Vorschlag von FIA und FOM (Formula One Management): Budgetdeckel in Höhe von 145 Millionen für 2021, 2022 dann Senkung auf 130 Millionen. Dies entspricht auch jener Zahl, die Formel-1-Sportchef Ross Brawn vor zwei Jahren einmal vorgeschlagen hatte.

Brawn, der frühere Techniker und Teamchef von Benetton, Ferrari, BrawnGP und Mercedes sagt: «Die Coronakrise hat zur Gelegenheit gezwungen, sich die Budgets nochmals gründlich anzusehen. Wir müssen zu einem realistischen und vernünftigen Kostendeckel kommen.»

Ferrari-Teamchef Mattia Binotto sieht das alles anders, wie er im englischen Guardian ausformuliert hat: «Diese 145 Millionen sind eine neue und anspruchsvolle Forderung, gemessen daran, was wir im Juni 2019 vereinbart hatten. Diese Grenze kann nicht erreicht werden ohne weitere, erhebliche Opfer zu erbringen, vor allem in Sachen Personal. Wenn diese Grenze weiter sinkt, so kommen wir in eine Position, an welcher wir uns überlegen müssen, ob wir unsere Renn-DNA nicht auch in anderen Serien einbringen sollen 1.»

«Wir sind uns wohl bewusst, dass die ganze Welt und auch die Formel 1 wegen der Coronakrise schwierige Zeiten durchlaufen. Aber das sollte nicht Anlass zu übereilten, undurchdachten Entscheidungen sein», so Binotto im Guardian. «Wir haben in der Formel 1 alle möglichen Rennställe mit ganz unterschiedlicher Charakteristik. Sie arbeiten in verschiedenen Ländern, mit unterschiedlicher Gesetzgebung. Strukturelle Änderungen durch Kostenkürzungen sind nicht so einfach umzusetzen.»

«Die Formel 1 muss die Spitze des Motorsports bleiben. Sie muss auch für Hersteller attraktiv bleiben und für Geldgeber, die sich in dieser prestigeträchtigen Serie engagieren wollen. Wenn wir weiter die Kosten übermässig verringern, dann riskieren wir, das Niveau dermassen erheblich zu senken, so dass wir uns niedrigeren Formelklassen annähern.»

Zak Brown dazu: «Ich bin ein wenig sprachlos. Es müssen doch alle einsehen, dass wir hier durch die grösste Krise gehen, welche die Menschen in modernen Zeiten je erlebt haben. Du hast Länder, die heruntergefahren sind, ganze Industrien, die stillstehen. Jetzt nicht in Windeseile ein Problem anpacken, das ist ein grosser Fehler. Da erkennt jemand die Tatsachen nicht, wo doch jeder Staatspräsident oder Premierminister oder CEO emsig daran arbeitet, diese ganze Sache mit voller Energie anzupacken.»

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