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SARS-Cov-2 in Japan: Angst vor der Kirschblüte
​In unserer Serie lassen wir Journalistenkollegen aus der ganzen Welt zu Wort kommen, wie ihr Land und sie ganz persönlich mit der Corona-Krise umgehen. Dieses Mal: Japan und ein Land in Angst – vor der Kirschblüte.
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Die Worte sehen beim ersten Lesen seltsam aus: Die Welt kämpft gegen den Coronavirus, und Japan sorgt sich wegen der Kirschblüte. Aber die Furcht ist angebracht. Denn bislang haben sich im Land der aufgehenden Sonne 1128 Menschen mit dem Virus infiziert, damit taucht Japan in der Länder-Rangliste der meisten Infektionen auf Platz 25 auf, diese 1128 Fälle sind gemessen an den Vorkommnissen in China (81.171 Fälle, 3277 Tote) niedrig.
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Schon am 27. Februar wurden in Japan alle Schulen des Landes geschlossen, alle grösseren Veranstaltungen wurden abgeblasen. Es gibt keine so drastischen Massnahmen wie derzeit in Europa. Aber Experten warnen vor einer hohen Dunkelziffer, denn getestet wird nicht flächendeckend, sondern nur im Verdachtsfall. Ende März findet in Japan das traditionelle Kirschblütenfest statt; Zeit, um Familie und Freunde zu besuchen und zu feiern. Dabei sollten genau solche Veranstaltungen mit vielen Menschen gemieden werden. Ende Februar waren die Krankheitsfälle in der Präfektur Aichi (wo Toyota zuhause ist) und Hyogo (mit der Metropole Osaka) stark gestiegen. In Sorge beobachten die Japaner, was in Europa passiert. Die Angst vor einer explosiven Verbreitung geht um. Masahiro Owari arbeitet seit rund dreissig Jahren als Fachjournalist in der Formel 1. Er sagt zur Lage in Japan: "Generell ist die Situation nicht so schlimm wie in Teilen von Europa. Am 19. März hat die Regierung bestätigt, dass die Schulen schrittweise wieder aufgehen werden. Sie überlassen die Entscheidung aber den verschiedenen Lokalbehörden." "Auch wenn wir nicht von einem drohenden Kollaps des Gesundheitssystems reden müssen, wie etwa in Italien, so gibt es doch sehr viel Ungewohntes: Das traditionsreiche Sumoringen fand ohne Publikum statt. Das hatte es überhaupt noch nie gegeben. Wir hatten ein zweiwöchiges Turnier, das am 22. März ohne Erkrankungen beendet werden konnte. Die Veranstalter sagten: ‚Gibt es auch nur einen Fall, dann wird sofort abgebrochen.’ Aber die meisten sonstigen Sportanlässe sind verschoben worden." Wieso ist die Kurve der Erkrankungen in Japan so flach? Owari-san findet: "Ich glaube, der grösste Grund dafür ist die Tatsache, dass Japaner an sich schon sehr reinlich sind. Wir waschen auch sonst öfter die Hände und wir gurgeln. Das hat sich auch in den saisonalen Grippefällen gezeigt, die in diesem Jahr deutlich geringer waren. Japaner sind überdies sehr diszipliniert und halten sich pingelig an Vorschriften." "Ich finde, die japanische Regierung hat angemessen schnell und gut reagiert. Das findet auch das Volk. Die Zustimmung der Bürger für Massnahmen der Regierung ist überdurchschnittlich gross. Die Regierung hat Schulen geschlossen, aber der Gouverneur von Tokio sagte: ‚So lange wir nicht mehr Infizierte haben, verhänge ich keine Sperren.’ Gleichzeitig haben auch wir Probleme. Seit Februar gibt es kaum Masken und Desinfektionsmittel zu kaufen." "Das Gesundheitssystem ist sehr solide aufgestellt: Wir haben permanent 12 Spitalbetten für 1000 Menschen, zehn Mal so viele wie in Italien. Gesundheit ist in Japan nicht vom Einkommen abhängig, die Menschen sind grundversichert." "Was weniger gut war: Sehr viele Menschen überschwemmten die Krankenhäuser, weil sie dachten, wie seien infiziert. Ich glaube, viele von ihnen haben sich erst im Spital angesteckt! Ein Teil milde erkrankter Menschen wurde behalten, dadurch wurden Kapazitäten blockiert. Es wäre gescheiter gewesen, diesen Menschen Hausarrest zu geben. Und wenn die Regierung den Leuten früher gesagt hätte, sie sollen zuhause bleiben, hätten wir Erkrankungen und Todesfälle vermeiden können." "Ich glaube, viele Menschen haben den Coronavirus krass unterschätzt. Als ich wie viele meiner Arbeitskollegen im Februar die Formel-1-Wintertests besuchte, hatte ich den Eindruck – die Europäer nahmen das alles nicht ernst genug. Alle japanischen Journalisten und Fotografen fanden das." "März ist in Japan Schulabschluss. Diese Feiern sind alle abgesagt. Das macht viele junge Menschen traurig, sie verlassen die Schule ohne Feier. Im Sommer sollten wir in Tokio die Olympischen Sommerspiele austragen. Wenn das verschoben oder gestrichen werden muss, wir das grosse Auswirkungen haben." "Das Leben der Japaner hat sich im Gegensatz zu den Menschen in China oder Europa kaum geändert. Die Japaner sind zudem Katastrophen-erprobt. Wir hatten 2011 ein schlimmes Erdbeben mit dem anschliessenden Tsunami und der Fukishima-Kernschmelze. Wir haben das verdaut. Das hat den Gedanken gefestigt, dass wir fast alles überwinden können." "Ich glaube nicht, dass die Zahlen so explosionsartig steigen werden wie in Italien. Am 23. März ist bekannt geworden, dass wir die Baseball-Saison am 24. April beginnen. Aber ich halte den Frieden für ein wenig trügerisch. Viele Japaner gingen am vergangenen Wochenende aus, als gäbe es Corona überhaupt nicht. Viele Veranstaltungen haben stattgefunden. In Ballungszentren wie Tokio oder Osaka kann sich die Situation leicht ändern." "Was das alles finanziell für den nationalen Sport bedeutet, ist schwer zu sagen. Der Rennsport hier wir überwiegend von den Werken finanziert, geht es denen nicht mehr gut, dann geht es auch dem Sport nicht mehr gut." Viele Fans wagen sich die Frage fast gar nicht zu stellen: Wann erleben wir einen Formel-1-Saisonstart? Masahiro Owari glaubt: "Ich könnte mir vorstellen – im besten Fall Anfang Juli in Österreich; im schlechtesten Fall nach der ursprünglichen Sommerpause, also im August. Ich fände den Gedanken nicht abwegig, die Saison ins Jahr 2021 zu verlängern."
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