Gigi Dall’Igna bei Ducati: Vom Scherbenhaufen zu 100 MotoGP-Siegen
In Motegi feierte Ducati den 100. MotoGP-Sieg unter Luigi Dall’Igna. Der Erfolgsarchitekt blickt auf den schwierigen Neubeginn zurück – und erklärt, weshalb die GP15 für ihn bis heute herausragt.
Ausgerechnet beim MotoGP-Heimrennen von Honda und Yamaha erreichte Ducati einen Meilenstein:
Ducati hatte damals den Anschluss an die Spitze verloren. Der letzte Sieg lag drei Jahre zurück, errungen von Casey Stoner 2010 in Australien. Der Versuch, mit Valentino Rossi an die erfolgreiche Vergangenheit anzuknüpfen, war gescheitert. Zwei gemeinsame Jahre hatten keinen Sieg gebracht.
Rossi kehrte zu Yamaha zurück, Ducati blieb mit grundlegenden technischen Problemen und einer offenen Frage zurück: Wie sollte aus dieser Desmosedici wieder ein Siegermotorrad werden?
Auch 2013 brachte keine Wende. Ducati blieb die gesamte Saison ohne Podestplatz. Leistung hatte der Motor reichlich, doch beim Einlenken und in den Kurven verloren die Fahrer zu viel Zeit. Verschiedene Entwicklungsansätze hatten das entscheidende Problem nicht gelöst. Das einstige Weltmeister-Projekt war zu einem sportlichen Scherbenhaufen geworden.
Ducati 2013: Keine Struktur und kein Konzept
Dall’Igna kam von Aprilia und übernahm eine Aufgabe, bei der es um weit mehr ging als einige neue Bauteile. Ducati brauchte eine funktionierende Struktur in der Rennabteilung mit besserer Kommunikation zwischen den einzelnen Bereichen sowie eine klare technische Richtung. Heute steht die Desmosedici für das Gegenteil der damaligen Unsicherheit: Sie ist ein Motorrad, mit dem zahlreiche Fahrer gewinnen können.
«Ich bin stolz auf die Arbeit, die alle Ducati-Mitarbeiter in diesen Jahren geleistet haben. Natürlich bin ich glücklich und stolz. Aber 100 ist eine schöne Zahl, die auch bedeutet, dass ich alt bin», scherzte Dall’Igna am Sonntagabend in Motegi. «Das ist die Kehrseite der Medaille. Der erste Sieg mit Iannone in Österreich war aber sicherlich der wichtigste und derjenige, mit dem ich die schönsten Erinnerungen verbinde.»
Desmosedici GP15: Das Motorrad, das den Weg vorgab
Andrea Iannones Erfolg auf dem Red Bull Ring 2016 beendete Ducatis fast sechsjährige Durststrecke. Andrea Dovizioso machte als Zweiter den Doppelsieg perfekt. Für die Mannschaft war es der Beweis, dass der eingeschlagene Weg zurück an die Spitze führte.
Den entscheidenden technischen Wendepunkt verortet Dall’Igna allerdings ein Jahr früher. Die GP15 war die erste vollständig unter seiner Leitung entwickelte Desmosedici. Sie machte Ducati wieder regelmäßig zum Podestkandidaten und schuf die Grundlage für die späteren Erfolge.
«Ehrlich gesagt war das Motorrad von 2015 das wichtigste, weil uns damit ein wirklicher Schritt gelang. Es war nicht einfach, damals herrschte großer Druck. Deshalb liegt mir dieses Motorrad mehr am Herzen als alle anderen. Natürlich ist auch das Motorrad, mit dem wir den ersten Fahrertitel gewonnen haben, für mich besonders wichtig.»
Dieser Titel folgte 2022 mit Francesco Bagnaia. Zwischen der GP15 und dem WM-Triumph lagen Jahre, in denen Ducati seine Schwächen schrittweise verringerte und zugleich neue technische Wege einschlug. Dovizioso entwickelte sich zum hartnäckigen Titelgegner von Marc Marquez. Später konnten auch die Kundenteams regelmäßig Rennen gewinnen und schließlich um die Weltmeisterschaft kämpfen.
Mit Bagnaia jubelte Dall'Igna am öftesten
Die Statistik der 100 Siege zeigt, wie breit dieser Erfolg inzwischen aufgestellt ist. Insgesamt 14 Fahrer haben dazu beigetragen. Bagnaia führt mit 31 Siegen vor Marc Marquez mit 20 und Dovizioso mit 14. Allein diese drei vereinen 65 Erfolge auf sich. Die übrigen 35 verteilen sich auf elf weitere Fahrer.
Für Dall’Igna ist hinter diesen Zahlen vor allem eines entscheidend: das Wissen, das sich Ducati über die Jahre erarbeitet hat. «Ich denke, das Wichtigste sind die Erkenntnisse, die wir in diesen Jahren gewonnen haben. Wir sind Schritt für Schritt gewachsen. Das war ein wichtiger Teil des Weges bis hierher. Es ist natürlich wichtig für die Marke, aber auch für die Menschen, die an diesem Projekt beteiligt sind. Ich denke, dass wir inzwischen wirklich stark sind. Selbst wenn sich das Reglement künftig ändert, können wir mit dem Wissen, das wir mitnehmen, positiv in die Zukunft schauen.»
Ducati hat in dieser Zeit auch die technische Entwicklung der gesamten MotoGP geprägt. Aerodynamik und die verschiedenen Devices wurden zu zentralen Bestandteilen der Motorräder. Die Konkurrenz musste auf Entwicklungen reagieren, die häufig in Borgo Panigale ihren Ausgang nahmen. «In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Motorrad stärker verändert als in all den Jahren zuvor. Wir haben im Motorsport eine bedeutende Entwicklung vorangetrieben und sind darüber sehr glücklich», sagte Dall’Igna.
Auf den Hinweis, dass Ducati bei vielen dieser Neuerungen die Richtung vorgegeben habe, antwortete er knapp: «Ja, das ist unsere Aufgabe. Ich denke, wir haben unsere Arbeit bestmöglich gemacht.»
850er-Ära: Dall'Igna ist «neugierig»
Doch die nächste große Herausforderung steht bereits bevor. 2027 beginnt mit dem neuen technischen Reglement und dem Wechsel des Reifenausrüsters eine neue MotoGP-Ära. Der bisherige Erfolg bietet dafür eine starke Grundlage, garantiert aber keine Fortsetzung.
Dall’Igna sieht die Entwicklung des neuen Motorrads auf einem guten Weg. «Abgeschlossen ist das Projekt noch nicht, weil im kommenden Monat wichtige Tests anstehen. Aber natürlich nähern wir uns dem Ende der ersten Entwicklungsstufe des Motorrads. Ehrlich gesagt bin ich ziemlich zufrieden. Wir haben sehr gute Fahrer, die das Motorrad gemeinsam mit uns entwickelt haben. Michele und Nicolo haben in diesem Jahr großartige Arbeit geleistet. Deshalb bin ich sehr neugierig darauf, was in Valencia nach dem Rennen passiert.» Gemeint sind Michele Pirro und Nicolo Bulega, die Ducati bei der Vorbereitung auf die neue Ära unterstützen.
Währenddessen fordert Aprilia den Hersteller im aktuellen Titelkampf. Auch die Zugeständnisse für die Konkurrenz im Rahmen des Concession-Systems beeinflussten das Kräfteverhältnis in der jüngeren Vergangenheit. Während Ducati mit großen Limitierungen kämpfte, konnten andere Werke freier Entwickeln und mehr Tests absolvieren.
Dall’Igna wollte daraus jedoch keine größere Debatte machen. «Natürlich hat alles Auswirkungen auf die Saison. Aber ich möchte nicht zu viel über die Concessions sprechen. Sie sind sicherlich wichtig, damit alle anderen aufholen und ihre Motorräder verbessern können. Doch ich möchte darüber nicht zu viel reden.»
Lieber richtet er den Blick auf das, was Ducati selbst geschaffen hat. Aus einem Motorrad, an dem selbst große Champions verzweifelten, wurde eine über viele Jahre erfolgreiche Plattform. Aus der Hoffnung auf einen einzelnen Sieg wurden 100 Grand-Prix-Erfolge. Wie er diese Ära nennen würde? Dall’Igna musste nicht lange überlegen: «Für uns ist es sicherlich eine goldene Ära, weil wir so viele Erfolge erreicht haben. Ich denke, es ist wirklich schwierig, das noch zu übertreffen.»
Ducati-MotoGP-Siege unter der Leitung von Luigi Dall'Igna:
Francesco Bagnaia 31
Marc Marquez 20
Andrea Dovizioso 14
Jorge Martin 8
Enea Bastianini 7
Alex Marquez 4
Jorge Lorenzo 3
Jack Miller 3
Marco Bezzecchi 3
Danilo Petrucci 2
Fabio di Giannantonio 2
Andrea Iannone 1
Johann Zarco 1
Fermin Aldeguer 1
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