Vor 70 Jahren: Richard von Frankenberg und das Unfall-Wunder auf der Avus
Er war ein erfolgreicher Rennfahrer der 1950er Jahre, scheute kein Risiko, wurde «Schreckenstein» genannt, vielleicht auch wegen seines Horror-Crashs auf der Avus in Berlin – Richard Frankenberg.
Der junge Mann, der 1922 in Darmstadt zur Welt kam, hatte erstmal einen langen Namen: Richard-Alexander Ruthard Edi Wolf Eberhard von Frankenberg und Ludwigsdorff. Er stammte aus einem alten schlesischen Adelsgeschlecht, verkürzte dann seinen Namen aber auf drei prägnante Worte.
Sein Leben gestaltete sich jedoch ebenfalls sehr vielseitig, wie mir sein Sohn Cypselus von Frankenberg, einer meiner ehemaligen Kollegen in der BMW-Presseabteilung, einmal erzählt hatte.
«Mein Vater war nicht nur drei Mal verheiratet, er hatte auch verschiedene Berufe: Erst studierte er Maschinenbau, war nach dem Krieg bei der BBC in England, arbeitete später als Pressesprecher bei Porsche, war Journalist und Autor mehrerer Fachbücher, moderierte manchmal im Fernsehen. Doch seine wahre Passion lag im Motorsport, in den er wohl 1948 auf einem BMW-Motorrad gestartet war, noch ein Jahr früher, als er überhaupt eine Lizenz für Veranstaltungen besaß.»
«Schon zwei Jahre später fuhr er auf Porsche-Sportwagen erste Rallyes und Rundstreckenrennen, ab 1953 gehörte er zur Werksmannschaft der Zuffenhausener Firma. Meistens bewegte er dabei einen seriennahen Porsche 356 oder später den Typ 550 als Coupé und Spyder, mit dem er unter anderem mehrfach beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans antrat. 1955 holte er sich den Titel des Deutschen Rennsportwagen-Meisters, bekam im gleichen Jahr auch das so genannte Silberne Lorbeerblatt vom damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss verliehen, eine ganz besondere Sportler-Ehrung.»
Noch mehr im Gedächtnis blieb ihm aber sicher ein ganz anderes Erlebnis, am 16. September 1956. Hier startete der schnelle Adlige beim letzten Rennen der Saison auf der Berliner Avus, mit einer Spezialversion des Porsche Spyder 550 A, dem Spyder-Prototyp 645, werksintern «Mickey Mouse» genannt. Sein Beinamen geht zurück auf dessen teils abruptes Fahrverhalten, denn aufgrund des kurzen Radstands konnte dieses Auto sehr schnell vom Unter- in ein Übersteuern geraten.
Dieses kompakte Rennauto wog dank eines leichten Gitterrohrrahmens und einer Magnesium-Karosserie nur 550 Kilogramm, hatte eine Leistung von rund 160 PS aus 1,5 Liter Hubraum, war damals unglaubliche 260 km/h schnell.
Während von Frankenberg, ganz der Profi, ohne Angst in dieses Rennen ging, auf eine Strecke mit zwei langen Autobahn-Geraden bis zur Südkurve sowie einer Steilkurve aus Klinkersteinen am anderen Ende, hatte die Mutter von Wolfgang Graf Berghe von Trips, der ebenfalls hier fuhr, ihren Sohn noch mit einem Brief vor möglichen Gefahren gewarnt: «Übertreibe nichts, ziehe einen breiten Gürtel an, sei in der schrägen Kurve nicht leichtsinnig.»
Zum besseren Verständnis – damals trugen Rennfahrer noch keine professionellen Overalls, gestartet wurde in normaler Alltagskleidung, nur mit einer Helmschale auf dem Kopf, ganz ohne Sicherheitsgurt.
Vielleicht, so wurde später spekuliert, hatte dieser Umstand damals Richard von Frankenberg sogar das Leben gerettet. Zum Unfall selbst, den der bekannte Motorsportjournalist Günther Molter als Augenzeuge so beschrieb: «In der Mitte der Steilkurve, von Frankenberg fuhr ziemlich weit oben, brach sein Auto ohne vorher sichtbare Warnung oder ein Schleudern plötzlich nach rechts aus. Es schoss in einem Winkel von etwa 20 Grad über den schwachen Wulst an der oberen Kurvenkante hinaus, stieg etwa noch zwei Meter hoch und überschlug sich dann in der Luft. Dabei streifte das Auto einen Baum, wobei der Fahrer herausgeschleudert wurde.»
Großer Schrecken bei allen Beteiligten. Während der Porsche nach dem Aufschlag im Fahrerlager lichterloh brannte, musste erst einmal nach von Frankenberg gesucht werden. Schließlich fand ihn ein Porsche-Mitarbeiter im Gebüsch liegend, scheinbar ohne äußere Verletzungen, den Helm immer noch auf dem Kopf. Er hatte unglaubliches Glück gehabt, ohne größeren körperlichen Schaden den Unfall überlebt zu haben, obwohl er wegen schwerer Weichteilverletzungen noch fünf Wochen in einem Berliner Krankenhaus zubringen musste.
Das hielt den schnellen Mann aus Schlesien, der längst im schwäbischen Tübingen wohnte und von dort aus immer zu Porsche nach Zuffenhausen fuhr, um unter anderem das Porsche-Hausmagazin «Christophorus» zu betreuen, nicht vom schnellen Fahren ab.
Bereits im März 1957 war er Fahrer mit in jenem Team, das auf der Hochgeschwindigkeitspiste von Monza mit einem Porsche 356 drei neue Weltrekorde aufstellte. Im gleichen Jahr trat er auch wieder in Le Mans an, diesmal auf dem neuen Porsche Spyder 718, fuhr mehrere Bergrennen. Sein letzter Motorsporteinsatz war 1960 beim Flugplatzrennen in Innsbruck, wo er auf einem Porsche 356 Vierter wurde.
Nun widmete sich der Gentleman-Rennfahrer vorwiegend den Medien, testete Autos, leitete einige Fahrerlehrgänge, wurde Deutschland-weit bekannt durch sein Zitat, dass Unfälle oft dadurch geschähen, weil zu viele Sonntagsfahrer unterwegs seien.
Sein eigener, tödlicher Unfall allerdings geschah an einem Dienstag, dem 13. November 1973. Bei Nieselregen war von Frankenberg in seinem Porsche 911 S von Stuttgart auf der Autobahn Richtung Heilbronn unterwegs, als plötzlich ein Lieferwagen vor ihm ins Schleudern und auf die linke Fahrbahn kam – der Aufprall war bei Tempo 170 unvermeidlich. Nach nur 51 Jahren endete so die Karriere eines Mannes, der bereits zu Lebzeiten seine eigene Legende geschaffen hatte.
Schon gesehen?
Newsletter
Motorsport-News direkt in Ihr Postfach
Verpassen Sie keine Highlights mehr: Der Speedweek Newsletter liefert Ihnen zweimal wöchentlich aktuelle Nachrichten, exklusive Kommentare und alle wichtigen Termine aus der Welt des Motorsports - direkt in Ihr E-Mail-Postfach