Editorial

Vorschau MotoGP-WM: Warum alle Prognosen sinnlos sind

Von - 09.03.2018 06:58

Wer jetzt schlaue Prognosen über den Ausgang der MotoGP-WM abgibt, kann sich im besten Fall blamieren. Die Gründe für diese Behauptung sind triftig und zahlreich.

Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.

Niemand weiß genau, von wem diese pfiffige und wahrheitsgetreue Aussage stammt, entweder vom Kabarettisten Karl Valentin oder vom Schriftsteller Mark Twain.

Aber sie kommt mir jedes Jahr in den Sinn, wenn die mutmaßlichen Experten schlau über die Favoriten für alle möglichen Motorsport-Rennserien fachsimpeln, ungefähr so, als würden Eunuchen Expertisen über die Vorzüge gewisser Beischlaftechniken verfassen.

Ich habe es schon lange aufgegeben, schlaue Vorhersagen über den Ausgang irgendwelcher Meisterschaften zu treffen.

Denn vor der 500-ccm-Saison 1982 habe ich gewissenhaft dargelegt, warum die ersten Zehn der Tabelle von 1981 für den Titelgewinn in Frage kommen.

Und schließlich hat Franco Uncini auf der privaten Gallina-Suzuki die Weltmeisterschaft gewonnen – als Zwölfter des Vorjahres.

Später sind auch in der 125-ccm-Klasse Fahrer wie Haruchika Aoki (1995) und Mike di Meglio (2008) quasi aus dem Nichts Weltmeister geworden. Sie waren in den jeweiligen Jahren davor in der WM auf den Gesamträngen 12 und 17 eingetroffen.

Oder blicken wir auf eine andere Sportart. Wer hätte im Oktober 1996, als Lance Armstrong mit Hodenkrebs darniederlag, seine späteren sieben Tour-de-France-Sieg prophezeit?

Naja, inzwischen hat sich das relativiert. Der Texaner hat jetzt laut Statistik genauso viele TdF-Gesamtsiege erobert wie Sie und ich.

Zurück zum Thema. Nach menschlichem Ermessen werden Marc Márquez, Andrea Dovizioso, Valentino Rossi, Maverick Viñales und vielleicht Dani Pedrosa und Jorge Lorenzo den MotoGP-WM-Titel 2018 unter sich ausmachen.

Wobei ich mich bei Pedrosa frage, warum ihm bei Repsol-Honda in diesem Jahr ausgerechnet das Gelingen soll, was er in den 13 Jahren vorher nie geschafft hat?

Dann noch eher der Franzose Johann Zarco auf der privaten Tech3-Yamaha. Er war mit der 2016-Maschine (so viel zum technischen Fortschritt) bei den tests in Buriram und Doha Zweiter udn Erster.

Und ob Lorenzo im zweiten Jahr bei Ducati die gewünschte Steigerung vom sechsten auf den ersten WM-Rang schafft, wage ich auch zu bezweifeln.

Ich halte nicht viel von kühnen Prognosen, sie scheitern meist kläglich.

Wer nach dem Valencia-GP im November die meisten Punkte hat, darf sich feiern lassen. Das behaupte ich jetzt mal; mehr hellseherische Frivolität ist nicht angebracht.
Lassen wir uns einfach überraschen.

Wer hätte vor einem Jahr gewettet, dass Dovizioso in der Saison 2017 sechs MotoGP-Siege erbeuten wurde? Nachdem vorher siebeneinhalb Jahre und 2653 Tage brauchte, um nach dem Debütsieg in Donington (auf Repsol-Honda) ein zweites Mal das Punktemaximum sicherzustellen.

Und dann gewann er 2017 innerhalb von acht Tagen auf der Ducati in Mugello und Barcelona und lieferte Superstar Márquez in Spielberg und Motegi fabelhafte Duelle – die beide mit Triumphen endeten.

Was mich am meisten belustigt: Ich sehe ja noch ein, dass von den zwölf MotoGP-Werkspiloten der Hersteller Honda, Yamaha, Ducati, Suzuki, KTM und Aprilia immerhin zehn unter die ersten Fünf der WM fahren wollen, nur Redding und Smith haben sich dahingehend nicht ganz konkret geäußert. Die hoch bezahlten Stars der Werke müssen ja so reden, sie werden bezahlt dafür.

Aber die Platzverhältnisse in den Top-5 werden beengt sein. Denn es wollen auch Crutchlow, Zarco, Petrucci, Miller, Bautista und ein paar weitere in die Top-5 preschen.

Der Optimusmus ist weit verbreitet, nicht immer ist er absolut berechtigt. Aprilia Racing landete in der MotoGP-WM 2017 mit Aleix Espargaró und Sam Lowes an 15. und 25. Position, in der Marken-WM wurde die Italiener Letzte. Trotzdem sagt Piaggio-Group-Präsident Roberto Colaninno vor dem MotoGP-Saisonstart: «Wir können ja nicht von der Nummer 1 reden. Aber bald werden wir fliegen.»

Und Aprilia-Renndirektor Romano Albesiano nach Platz 15 beim Katar-Test vor einer Woche: «Bei uns ist alles perfekt.»

Wir werden sehen.

Es ist bei den Tests lange genug getarnt, geblufft, getäuscht und Zweckoptimismus verbreitet worden.

«When the flag drops, the bullshit stops», sagen die Engländer.

Mein unvergesslicher Freund und Kollege Dieter Stappert hat diesen Satz ein bisschen leger auf Deutsch übersetzt. «Wird die Flagge hochgerissen, wird nicht mehr herumgeschissen.»

Höchste Zeit, dass es in der MotoGP-WM am 18. und in der Formel 1 am 25. März losgeht.

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Spielberg-GP 2017: Andrea Dovizioso (04) gegen Marc Márquez © Weisse Spielberg-GP 2017: Andrea Dovizioso (04) gegen Marc Márquez
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