MotoGP

Ducati: Der versteckte Teil des Eisbergs

Von - 14.09.2018 17:21

Wie setzt sich der Erfolg von Ducati in der MotoGP-Saison 2018 zusammen? Dall’Igna, Dovizioso, Lorenzo und Pirro, der im großen Interview über seine Aufgabe, die Ducati und Jorge Lorenzo spricht.

Ducati erlebt derzeit einen der erfolgreichsten Momente seit ihrem Einstieg in die MotoGP-WM 2003. In dieser Saison haben sie nicht nur sechs der bisherigen zwölf Rennen gewonnen, sondern ihre zwei Werkspiloten haben gleich viele Siege erreicht. Das ist ein Beweis für das derzeitige Potenzial der Desmosedici. Sie wird im Moment als bestes MotoGP-Bike bewertet.

Und bevor mich jemand an die Stoner-Ära erinnern will, tue ich das nun selbst. Im Gegensatz zu damals gibt es nun nicht mehr zahlreiche Faktoren, durch die ein technischer Vorteil gewonnen werden kann. Es gibt nur einen Reifenhersteller, die Elektronik ist vereinheitlicht und die Motorenentwicklung ist für die gesamte Saison eingefroren. In dieser Situation von maximaler technischer Ausgeglichenheit ist Gigi Dall’Ignas Ducati die Referenz, an der alle anderen gemessen werden.

Gigi Dall’Igna, Jorge Lorenzo und Andrea Dovizioso. Das sind die Namen, die für diesen Erfolg des Herstellers aus Borgo Panigale verantwortlich sind. Offensichtlich steht hinter ihnen eine Legion von Menschen, die das ermöglichen. Obwohl die Siege einer Person zugeschrieben werden, in diesem Fall dem Fahrer, ist Motorradsport auf diesem Level eine Teamangelegenheit. Die Ingenieure hinter den Boxenwänden, die Ingenieure in der Corse-Abteilung in Bologna, Paolo Ciabattis Teamorganisation und Davide Tardozzis eisernes Management in der Box. All das sind die Teile eines nicht sichtbaren Teils des großartigen Eisbergs, der Ducati im Moment ist.

Dieses nicht sichtbare Stück schließt auch eine weitere Gruppe ein, die von fundamentaler Bedeutung ist. Das berühmte Testteam. Diese Gruppe spielte bei den Fortschritten von Dall’Ignas Bikes eine große Rolle. Und auch für die Anpassung von Jorge Lorenzo an die Ducati. Und in dieser Gruppe gibt es einen Namen, der heraussticht: Michele Pirro, der Testfahrer.

Er besitzt einen ruhigen und ernsten Charakter, ist wie ein Laser auf seine Aufgabe konzentriert, ist schnell wie ein MotoGP-Fahrer und wurde 2017 Fünfter beim Misano-GP. Um Pirro beneiden Ducati viele andere Hersteller. Tatsächlich musste Ducati öfter Angebote «neutralisieren», die von anderen Herstellern kamen.

Beim Misano-GP sprach ich mit Michele, wo er einen Wildcard-Einsatz absolvierte, worauf er sich immer sehr freut. Doch diesmal war er noch von seinem heftigen Sturz in Mugello angeschlagen. 


Du musst deine übliche Herangehensweise sicher immer ändern, denn du bist die Tests gewöhnt und nicht die Rennen.

In dieser Hinsicht gibt es zwei unterschiedliche Dinge: den Wettkampf und den Test. Bei einem Test ist es nicht immer sinnvoll, schnell zu fahren. Auf der anderen Seite musst du an einem Rennwochenende immer stark unterwegs sein. Das ist in jeder Runde das Ziel. Bei einem Testtag ist es außerdem wichtig, dasselbe Level über den ganzen Tag zu halten. Bei einem Rennen holst du 40 Minuten lang alles raus. 


Dasselbe gilt wohl für dein Team. Sie sind die Testarbeit gewohnt. Wie kompliziert ist es, in den GP-Modus zu wechseln?

Naja, viele der Leute, die mit mir arbeiten, waren zuvor für ein Rennteam tätig. Auf der anderen Seite ist es für uns sehr erfreulich, auch an Rennen teilnehmen zu können. Wenn wir gute Resultate erzielen, wie der fünfte Platz in Misano 2017, dann ist das sehr zufriedenstellend und eine wahre Freude. Für uns ist es wichtig, denn drei Tage allein auf einer Strecke zu arbeiten, nur du und die Piste für viele Stunden... Arbeiten, testen, bewerten. Nein, das ist nicht einfach.

Ich sprach einmal mit Jorge «Aspar» Martinez über seine Zeit als Testfahrer für Aprilia. Er erklärte, dass für einen Fahrer, der an die Rennen gewohnt ist, ein Job als Testpilot traurig, grau und freudlos ist. Du bist allein auf der Strecke, fährst vier oder fünf Runden, dann der Stopp, eine Stunde fahren und alles wiederholen.

So ist es nicht immer. Es hängt vom Testplan ab. Normalerweise gehst du um 8 oder 9 Uhr auf die Strecke, machst um 13 Uhr eine Pause von eineinhalb oder zwei Stunden. Dann gehst du für vier weitere Stunden auf die Strecke. Um gute Arbeit zu leisten, ist es besonders wichtig, gute Konzentration zu haben und immer konstant zu sein. Es geht nicht darum, in der ersten Stunde ans Limit zu gehen und in der zweiten nur noch 80 Prozent zu schaffen. Wenn du testest, dann sitzt du nie auf derselben Maschine, darum ist es wichtig, immer dasselbe Level abzurufen. Du musst konstant sein, aber auch ein Level finden, das es dir erlaubt, die Dinge als besser oder schlechter bewerten zu können.

Ich stelle mir vor, dass es bei einem Test von neuen Entwicklungsteilen darum geht, so schnell wie möglich zu sein?

Ja, genau. Wir haben einen Reifentest, um die Vorteile zu erkennen. Ein anderer Test findet wiederum für etwas Spezifisches oder eine Kombination statt. In diesen Situationen gehst du mit einem guten Setting ans Maximum. Du willst sehen, ob alles zusammen funktioniert und welche Zeit wir mit diesen Neuerungen fahren können.

Es ist nicht einfach, ein Testfahrer zu sein. Es scheint eine Unterkategorie für den Beruf eines Rennfahrers zu sein.

Ich mache diese Arbeit nun schon sieben Jahre. Ein Jahr machte ich sie als Rennfahrer. Ich denke, es war entscheidend, so jung damit zu beginnen, denn ich denke, dass es für ältere oder bereits zurückgetretene Rennfahrer schwieriger ist, Testfahrer zu sein. Wenn du jung bist, wie in meinem Fall, dann denkst du nur daran, es besser und besser zu machen. Ich sprach in Spielberg mit De Puniet. Er sagte mir, dass er nicht motiviert war, als er für KTM testete. Als ich vor sieben Jahren anfing, wollte ich stark sein. So stark wie die Rennfahrer. Meine Motivation war sehr hoch.

Wie ist es, ganze Tage auf einer Rennstrecke wie Mugello zu fahren?

Es ist anders. Wenn du dort testest, scheint es eine andere Strecke zu sein. Wenn du zum GP kommst und die ganzen Fans siehst, dann fühlt es sich anders an. Wenn du die ganze Strecke für dich hast, sieht sie riesig aus. Es ist ein Job, den du mit Leidenschaft ausüben musst, damit er dir Zufriedenheit schenkt. Der Schlüssel dazu ist die Haltung dazu. Wenn du dich mit dem Team wohlfühlst und gut mit ihnen arbeitest, dann ziehen dich diese langen Tage an der Strecke nicht runter. Dann ist es keine Anstrengung, einen Test zu machen.

Musst du auch Stürze hinnehmen, um deinen Job gut zu machen und das Limit auszutesten?

Überhaupt nicht. Wie der Rest der Fahrer kannst du immer stürzen. Aber ich achte darauf, so wenig wie möglich zu stürzen, denn du kannst dich dabei nicht nur verletzen, sondern auch den Testplan stören. Es ist wichtig, schnell zu sein, ohne zu viel zu riskieren. Ich gehe ans Limit und wenn notwendig ein Risiko ein. Es passiert, aber insgesamt ist das nicht das Ziel eines Tests. Deine Aufgabe ist es, ein Motorrad zu entwickeln, mit dem man über 20 oder 30 Runden schnell sein kann.

Wenn du testest, versuchst du dann die Charakteristiken des Fahrstils der Werksfahrer zu imitieren?

Der Vorteil ist, dass ich im letzten Jahr einige Rennen fuhr. Ich konnte die Probleme von Dovi und Jorge selbst sehen und nicht nur anhand der Daten. Als ich einen Test fuhr, versuchte ich zu verstehen, was die Lösung für Jorges Probleme sein könnte und was Andrea braucht.

Bist du an dem Punkt angelangt, an dem du gesagt hast: «Heute teste ich für Lorenzo und morgen für Dovi?

Nein. Ich glaube, wenn das Bike funktioniert, dann ist es für alle Fahrer ein Fortschritt. Wichtig für dieses Jahr war, dass Lorenzo, Dovizioso und Petrucci mit demselben Bike schnell sind.

Obwohl ihre Fahrstile sich von deinem unterscheiden? Denkst du bei der Entwicklung: «Er fährt so und der macht es auf diese Weise…»

Ja, der Fahrstil ist sehr wichtig, aber worauf ich besonders achte, sind die Dinge, die ein Motorrad schneller machen. Wenn ich etwas finde, das Jorge schneller macht, dann macht das auch mich stark. Denn für Jorge und Dovi zu arbeiten, ließ mich als Fahrer wachsen. Wir drei haben zusammen sehr viele Daten generiert, die uns dabei halfen, das Bike auf dieses hohe Level zu bringen. Jorge, Dovi und ich.

Ist dies der Fortschritt, den sie auch dir zu verdanken haben?

Ja, denn vor vier oder fünf Jahren war nur ein Fahrer stark.

Und wie groß war dein Beitrag dazu?

Wie ich schon sagte, es ist die Arbeit des gesamten Teams. Ich denke, alle Leute bei Ducati haben ihren Anteil daran. Die Menschen sehen bei den Rennen nur die Fahrer oder das Team, aber zuhause gibt es viele Menschen, die zu diesen Resultaten beigetragen haben. Es ist wie bei einem Fußballspieler. Du siehst das Spiel am Sonntag, aber du weißt, dass sie seit Montag für dieses Spiel arbeiten und sich vorbereiten. Ich habe nicht mehr oder weniger Anteil daran als andere. Ich denke nicht, dass es eine Person war, die den Unterschied gemacht hat. Den Unterschied machten Gigi, Paolo und Davide seit ihrer Ankunft. Lass uns sagen, dass mit ihnen das Schiff immer in dieselbe Richtung segelte, was vielleicht zuvor nicht der Fall war. 


Als du vor sieben Jahren zu Ducati kamst, lag deine Motivation darin, dich verdient zu machen und einer ihrer Rennfahrer zu werden. Besteht diese Motivation noch immer oder hast du dich mit deiner Rolle als Testfahrer abgefunden?

Nein, nein… Wenn du diese Motivation nicht hast, dann schaffst du auch meine Resultate bei den GPs nicht. Im letzten Jahr war ich Fünfter und lag im Training unter den Top-4. In allen Rennen lag ich unter den Top-10. Als ich in diesem Jahr nach Mugello kam, hatte ich die Top-5 im Kopf. Ich glaube, dass ich das geschafft hätte. Doch das geht nur durch Motivation. Ich habe noch immer die Motivation und will ein MotoGP-Fahrer sein.

Ist Petrucci in dieser Hinsicht eine Referenz für dich?

Ich denke, Danilo macht das großartig, denn er hat aus allen Chancen, die ihm gegeben wurden, seinen Vorteil gezogen. Er hatte die Chance, eine komplette Saison mit demselben Bike und demselben Team zu fahren. Das hatte ich nie. Er machte es sehr gut und zeigte sein Potenzial. Ich denke, wenn ich dieselbe Chance bekommen hätte, dann wäre ich auch als Fahrer gewachsen. 


2017 und 2018 hast du sehr eng mit Lorenzo zusammengearbeitet. Wie war diese Erfahrung?

Für mich war das eine Ehre und eine großartige Chance, mit einem Weltmeister wie Jorge zu arbeiten. Ich habe auch mit Dovi gearbeitet, sie sind zwei sehr starke Fahrer. Ich weiß, dass Jorge im nächsten Jahr nicht für Ducati fahren wird, aber ich muss sagen, dass er viele gute Dinge hinterlassen wird. Er hat mir persönlich viel gegeben. 


Als Person oder als Fahrer?

Beides. Als Person und als Fahrer. Ich fühle mich als Freund wirklich schlecht, weil er geht. Denn ich denke, er ist einer der stärksten Fahrer. Aber im Leben kommen und gehen Menschen. Es fühlt sich für mich schlecht an, denn es scheint widersprüchlich, wenn man sieht, zu was er in der Lage ist.

Jorge ist dreifacher MotoGP-Weltmeister. Verstehst du, warum er diese drei Titel gewonnen hat?

Ja, ich verstehe es. Komplett. Es ist ganz klar.

Und?

[Pirro lacht.]


Wo liegt seine Stärke? Mental oder purer Speed?

Können. Er hat die Tugend der Beharrlichkeit, seine Ziele erreichen zu wollen. Und das Talent, um auf einem Motorrad schnell zu sein. Er ist ein Dickkopf. Das Schlechteste ist, dass er 2019 nicht mehr bei uns fahren wird. Aber nicht, weil er zurücktritt wie Stoner, sondern weil er eine andere Maschine fahren wird. Ich bin besorgt. Aber wir haben ein starkes Team mit Dovizioso.

Was ist die beste Tugend von Jorge als Fahrer?

Seine Fähigkeit, sich zu verbessern und Probleme zu lösen. Wenn er weiß, was er braucht, um schneller zu sein, dann setzt er das Schritt für Schritt um.

Interessant. Ich dachte, dass Jorge explosiver wäre, aber was du erzählst, klingt sehr analytisch.
Ja, sehr. Jorge analysiert sehr gut. 




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