MotoGP

Unser Klima: Über Sinn und Unsinn des Rennfahrens

Von - 22.05.2019 14:14

Silverstone bekommt einen neuen Asphalt, damit die Wetterkapriolen kein zweites MotoGP-Rennen gefährden, die Superbike-WM in Imola beugt sich dem Regen. Wo führt die Reise hin?

Man hört immer wieder, dass es in Großbritannien kein Klima gibt. Nur Wetter. Das war aber keine Entschuldigung für die Absage des Britischen Grand Prix im Vorjahr. Es geschah am Renntag, zum Leidwesen von Fans und Organisatoren, weil heftiger Regen die brandneue Streckenoberfläche geflutet hatte und die Drainage nur unzureichende funktionierte.

Kaum hatte Silverstone verkündet, dass sie die komplette Strecke im Juni neu asphaltieren würden, um so die Zukunft des Britischen Grand Prix zu sichern, schon passierte dasselbe bei der Superbike-WM in Imola. Auch wenn sie ziemlich weit voneinander entfernt lagen, wiesen die Zwischenfälle doch eine deprimierende Ähnlichkeit auf.

Es wurde eine Menge diskutiert, aber am Ende setzte sich die Ansicht der Fahrer durch, die Sicherheit ging vor. Das Rennen wurde abgesagt und die durchnässten Zuschauer mussten enttäuscht nach Hause gehen. Im Gegensatz zu Silverstone hatten sie an diesem Sonntag aber wenigstens schon etwas gesehen.

Es war in diesem Jahr übrigens schon der zweite Superbike-WM-Lauf, der dem verrückten Wetter zum Opfer fiel. Ein Schneesturm verhinderte im April einen Start in Assen, auch wenn das Programm am Sonntag fortgesetzt werden konnte.

Ob man es nun Klima oder verrücktes Wetter nennt – wir müssen unsere Schlüsse daraus ziehen. Zum einen stellen wir fest, dass die Bauweise und die Drainage einiger Strecken unzureichend ist. Auf der anderen Seite ist der Klimawandel zu einer derart ernstzunehmenden Bedrohung geworden, dass nicht einmal der beste Ingenieur die Konsequenzen voraussagen könnte.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich... nicht genau in der Mitte, aber in einer Zeit, in der Schülerdemos für den Klimaschutz für Schlagzeilen sorgen und weltweit massive Unterstützung erfahren, fällt sie wohl eher zu Gunsten von Letzterem aus.

Für die Fans von Verbrennungsmotoren ist dieses Thema auf unvermeidbare Weise unangenehm. Und wenn ich Fans sage, dann meine ich Fanatiker. Uns. Leute, die so verrückt nach dem Anblick und den Sound sind, dass wir nicht nur aus Zeitvertreib Rennen fahren und Rennen verfolgen, wir nehmen das Racing sogar richtig ernst. Also ob es tatsächlich wichtig wäre.

Das ist es nicht. Es ist einfach nur Hedonismus, Hooliganismus und heulende Hysterie. Das ist deshalb nicht schlechter, würde man meinen.

Ich habe jahrelang versucht, mich selbst davon zu überzeugen, dass eine tiefere Bedeutung dahinter steckt. Das zwingendste Argument ist dabei, dass durch das Rennfahren wirklich bedeutende Fortschritte erzielt werden können: Dass das Ausreizen der Ingenieurskunst im Wettkampf wertvolle Erkenntnisse ans Licht bringt, wenn es darum geht, fossile Brennstoffe in Speed und Distanz umzuwandeln.

Das mag auf irgendeine Weise wahr gewesen sein, aber das liegt viele Jahre zurück. Wahrscheinlich zuletzt in den 1960er-Jahren, als Pops Honda den Wettkampf dazu nutzte, um die Motoren zu entwickeln und die Ingenieure zu trainieren, während Yamaha und Suzuki mit ihren Zweitaktern dasselbe taten.

Nun sind die qualmenden Zweitakter tot – oder bestenfalls eingeschlafen – während drehzahlhungrige Multiventil-Motoren und zwei obenliegende Nockenwellen seit Jahren auf der Tagesordnung stehen. Fragt einen beliebigen Renningenieur, welche Vorteile von einem heutigen MotoGP-Bike (die zumindest vom Konzept her den Straßensportlern ähnlich sind) abgeleitet werden können – und er wir wehmütig lächeln. Egal ob Design, Metallurgie, Schmierung oder Langlebigkeit, trotz der Regeln, die Spritmengen und die Anzahl der Motoren für eine Saison limitieren – es gibt wirklich gar keine Überschneidungen mehr.

Das Rennfahren ist für die Hersteller eine Kombination aus Publicity und einer Spur an Hedonismus, der unauslöschlich in ihrer DNA verankert ist. Nicht das Rennfahren definiert die moderne Kraftfahrzeugtechnik, sondern die Elektronik – egal ob im Design oder im Motorenmanagement. Und natürlich ist die Elektronik in der MotoGP-WM vom Regelwerk vorgeschrieben. Auch wenn es nicht so wäre, würden sie den Serienfahrzeugen in allen Aspekten, die im richtigen Leben wichtig sind, hinterher hinken.

Es gibt unterschiedliche Wege, um auf diese ungemütlichen Fakten zu reagieren. Den Klimawandel zu leugnen ist der extremste. Das widerspricht zwar den Indizien, aber auf der anderen Seite, rein wissenschaftlich betrachtet, stützen wir unsere These auf einen kurzen Zeitraum, der wir untersuchen konnten. Also könnte man sich selbst davon überzeugen, wenn man wirklich wollte. Sagen wir mal, wenn man sich auf intellektueller Ebene mit Donald Trump versteht.

Selbstgeißelung ist der andere Ausweg, aber das hilft auch keinem. Irgendwo dazwischen liegt eine bessere Vorgehensweise – wenn ich auch sagen muss, dass sie nicht auf den ersten Blick einleuchtend ist.

Nur wenn wir alle zusammen mit dem Rennfahren aufhören, könnten wir einen echten Unterschied machen. Oder indem die Zuschauer nur mehr vor den TV-Geräten dabei sind, weil es in Wahrheit die Menschenmasse und die für den Transport notwendigen Mittel sind, die – zusammen mit dem Verfrachten der ganzen Güter – die Klimabilanz mehr belasten als das eigentliche im Kreis fahren.

In diesem Moment ist ein Stopp aber klar nicht drin. Es bleibt uns also nur übrig, uns mit dem MotoE-Weltcup anzufreunden – der einen Raketenstart hingelegt hat, als alle Motorräder und das gesamte Equipment durch das Feuer beim Jerez-Test Mitte März dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Auch wenn es uns schwer fällt, enthusiastisch zu sein: Im Rahmen des Deutschland-GP nimmt der Weltcup einen neuen Anlauf und wir müssen zumindest versuchen, das stille Spektakel zu genießen.

Angesichts des aktuellen Entwicklungsstands der Elektrofahrzeuge, die noch in den Kinderschuhen stecken, ist es immerhin möglich, dass das Rennfahren zumindest in diesem Bereich einen echten Beitrag leisten kann.

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