Hamilton/Ferrari nach Foul gegen Lawson ohne Strafe: «Fahrer sind hilflos»
Ferrari-Superstar Lewis Hamilton musste nach dem zweiten Baku-Training bei den Rennkommissaren vorsprechen: Liam Lawson behindert. Wie sich Hamilton verteidigt – und mit einem Verweis davonkommt.
Lewis Hamiltons Foul gegen den Racing Bulls-Fahrer Liam Lawson hat keine gravierenden Folgen: Der englische Ferrari-Superstar konnte bei den Rennkommissaren glaubhaft darlegen, dass ihm nicht die ganze Schuld an der brenzligen Situation zugeschoben werden kann.
Der siebenfache Formel-1-Champion war im zweiten Training in verhaltener Fahrt vor Liam Lawson zu sehen, der mit vollem Karacho angeschossen kann. Der Neuseeländer bremste, wich aus und schnaufte am Funk: «Fast wäre ich in ihn reingeknallt! Oh mein Gott, das ist so gefährlich!»
Hamilton verteidigte sich so, auch bei der Rennleitung: «Mit diesen Autos ist es so schwierig, die Abstände richtig einzuschätzen, wir Fahrer sind da zum Teil hilflos. Ich lag ungefähr vier Sekunden vor Lawson vor der letzten Kurve, aber offenbar war das nicht genug für die folgende Gerade.»
«Wir haben darüber diskutiert, und ich bin sicher, dass wir das in der Fahrerbesprechung am Donnerstag-Abend noch ansprechen werden. Mit den Regeln, welche die FIA uns dieses Jahr gegeben hat, gibt es am Wochenende keine Daten oder Simulationen, die uns sagen: Okay, wenn du in die letzte Kurve kommst, Vollgas gibst und 500 PS weniger hast als das Auto hinter dir auf dieser Runde, dann ist das der Abstand, den du brauchst, bevor er dich einholt. Sie sagen dir nicht, mit welcher Geschwindigkeit er aufholt.»
«Ich bin mit Vollgas in die letzte Kurve gegangen. Ich konnte Lawson sehen, aber ich dachte, der Abstand reicht. Doch als ich Vollgas gab, da war es, als ob das Auto einfach abgestorben wäre, und Liam hat den Abstand massiv aufgeholt. Und das kann jedem von uns passieren.»
«Es würde uns helfen, wenn wir klarere Richtlinien erhielten, denn keiner der Fahrer will Ärger bekommen. Keiner von ihnen versucht, irgendjemandem in die Quere zu kommen. Unser einziges Ziel ist es, aus dem Weg zu gehen und gleichzeitig unsere Runde zu fahren. Und ich denke, wir werden im Fahrerbriefing darüber sprechen, was wir da besser tun könnten.»
«Ich habe ihnen gesagt, was wir tun sollten: Wenn wir eine schnelle Runde fahren, ziehen wir am Ausgang der letzten Kurve die maximale Leistung. Wenn man dann durch die 19 kommt, wird das zurückgesetzt, und dann hat man hier etwas mehr Leistung. Und es sollte einfach niemanden geben, der jemals langsam durch 18 und 19 fährt. Man sollte also, selbst wenn man auf einer langsamen Runde ist, trotzdem mit Vollgas und voller Leistung durch 18 und 19 fahren müssen.»
Der betroffene Liam Lawson findet: «Es liegt an den Regeln, dass es immer wieder zu solchen Szenen kommt. Wenn seine Antriebseinheit da keine elektrische Leistung mehr abgibt, meine aber schon, dann haben wir in Baku ratz-fatz einen Tempo-Unterschied von 60, 70, 80 km/h. Hamilton konnte da nicht viel machen, es war einfach Pech.»
Die Regelhüter Gerd Ennser (Deutschland), Loic Bacquelaine (Belgien), Derek Warwick (Grossbritannien) und Danil Solomin (Aserbaidschan) zeigten Nachsicht: Sie brummten Hamilton einen Verweis auf, den zweiten der Saison (nach einem Vergehen unter gelben Flagge in Silverstone).
Formel-1-Piloten können maximal vier solcher Verweise sammeln, bei einem fünften gibt es automatisch eine Strafe von zehn Rängen zurück in der Startaufstellung.
In der Urteilsbegründung steht zu lesen: «HAM befand sich auf einer Auslaufrunde, während LAW sich auf einer fliegenden Runde näherte. HAM war von seinem Team zwei Mal darüber informiert worden, dass LAW sich nähert.»
«Die Wettbewerbshinweise des Rennleiters verlangen, dass Fahrzeuge auf Aufwärm- oder langsamen Runden von der Kurve 16-Ausfahrt bis zur Kurve 18-Einfahrt ganz links bleiben, sie verlangen ferner von den Teams und Fahrern, ihre Abstände vor Kurve 18 so zu managen, dass sie vom Scheitelpunkt der Kurve 18 bis zum Scheitelpunkt der Kurve 19 fahren können, ohne ein Fahrzeug auf einer Wertungsrunde zu behindern.»
«HAM blieb zwischen Kurve 16 und Kurve 18 nicht ganz links. Bei der Annäherung an Kurve 19, während LAW von hinten aufschloss, blieb HAM auf der Ideallinie, was LAW dazu zwang, vom Gas zu gehen und leicht zu bremsen. Die Stewards stellen daher fest, dass HAM die FIA-Anweisungen nicht befolgte und LAW unnötig behinderte.»
«Die übliche Strafe für eine Behinderung während des freien Trainings ist eine Verwarnung, sofern sie nicht gefährlich oder vorsätzlich erfolgt. In diesem Fall lag keine Absicht vor, aber angesichts der Streckenführung und der schnellen Kurven sowie der spezifischen Anweisungen des Rennleiters war die Behinderung nach Auffassung der Stewards schwerwiegend.»
«Die Stewards berücksichtigten zudem die Schwierigkeit, die Energieabgabe von Kurve 16 bis Kurve 19 und bis zum Ende der Runde zu steuern. Darüber hinaus erwähnten beide Fahrer während der Anhörung, dass der Geschwindigkeitsunterschied zwischen den beiden Fahrzeugen in diesem speziellen Abschnitt erheblich ist, wenn ein Fahrer keine Energie mehr abgeben kann.»
«Unter Berücksichtigung dieser Umstände verhängen die Stewards lediglich einen Verweis.»
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