Südamerikanischer Heißsporn und Ulknudel Carlos Lavado ist 70
Am heutigen 25. Mai tritt auch Carlos Lavado dem Club der 70-Jährigen bei. Der Venezolaner war zweimal Motorrad-Weltmeister, blieb aber nicht nur wegen seiner Erfolge in Erinnerung.
Carlos Lavado Jones wurde am 25. Mai 1956 in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, geboren. Nach seiner Schulausbildung begann der kleine schwarze Lockenkopf ein Maschinenbau-Studium, brach dieses jedoch 1976 nach drei Semestern ab.
Nachdem sein Landsmann Johnny Cecotto 1975 Weltmeister der 350-ccm-Klasse geworden war, reifte in Carlos Lavado der Entschluss, ebenfalls Rennfahrer zu werden. Obwohl Johnny Cecotto nur exakt vier Monate vor ihm ebenfalls in Caracas geboren wurde und damit nur geringfügig älter war, wurde er zu Lavados großem Vorbild. Über einen Freund kam Carlos Lavado sogar persönlich mit ihm in Kontakt.
Ohne jegliche Vorkenntnisse im Motorradrennsport bestritt Lavado zunächst nationale Rennen mit unterlegenem Material. Bereits nach vier Einsätzen erhielt er vom venezolanischen Yamaha-Importeur Venemotos für den WM-Auftakt 1978 in San Carlos eine konkurrenzfähige 250er zur Verfügung gestellt.
Rasantes WM-Debüt: Bestzeit und Führungsrunden
Bei seinem Heimspiel übertraf das Naturtalent sämtliche Erwartungen – vermutlich sogar seine eigenen. Lavado sicherte sich auf Anhieb die schnellste Trainingszeit. Im Rennen führte er einige Runden und wurde letztlich hinter Kenny Roberts, der seine internationale Karriere damals noch in den kleineren Hubraumklassen begann, sensationell Zweiter.
Möglicherweise verlief dieser Einstieg jedoch etwas zu rasant, denn es blieb in jenem Jahr sein einziges Spitzenresultat und zugleich seine einzige Fahrt in die Punkte. Stattdessen machte sich Lavado schnell einen Namen als spektakulärer Sturzpilot.
Beim WM-Auftakt 1979 in San Carlos lieferte Carlos Lavado erneut eine Glanzleistung ab, diesmal in der 350-ccm-Klasse. Nach 29 Rennrunden und einer Fahrzeit von mehr als eineinhalb Stunden überquerte er mit der schnellsten Rennrunde über 15 Sekunden vor dem vierfachen Weltmeister Walter Villa aus Italien als Sieger die Ziellinie und feierte damit seinen ersten Grand-Prix-Sieg. Allerdings blieb auch das – ähnlich wie im Vorjahr – das einzige zählbare Resultat der Saison.
1980 brachte Lavado etwas mehr Konstanz in seine Leistungen. Zwar gelang ihm in der 350er-Klasse mit Platz 5 im niederländischen Assen nur ein nennenswertes Resultat, doch in der Viertelliterklasse lief es deutlich besser. Nach einem neunten Platz im spanischen Jarama, Rang 7 in Le Castellet und Platz 4 im jugoslawischen Rijeka feierte er erneut in Assen den zweiten GP-Sieg seiner Karriere. Dabei fuhr er wieder die schnellste Rennrunde. Danach war es mit der Konstanz allerdings erneut vorbei, weshalb er die Saison mit 29 Punkten als WM-Sechster abschloss.
1981 stand Carlos Lavado in der ersten Saisonhälfte der 250-ccm-Klasse dreimal als Zweiter und zweimal als Dritter auf dem Podest. Gegen Toni Mang war jedoch kein Kraut gewachsen. Der Deutsche wurde mit der seit 1978 dominierenden Kawasaki dank zehn von zwölf möglichen Saisonsiegen erneut Weltmeister. Lavado belegte Gesamtrang 4. Während Toni Mang auch in der 350er-Klasse dominierte, erreichte Lavado dort drei Podestplätze und WM-Rang 5.
Schmerzhafte Erfahrung in Misano
Das Jahr 1982 wurde schließlich zu einem entscheidenden Kapitel in Lavados Karriere. Nachdem er in Buenos Aires das 350er-Rennen und im spanischen Jarama den 250er-Lauf gewonnen hatte, übertrieb er es in Misano erneut. Diesmal endete der Sturz jedoch mit mehreren Arm- und Beinbrüchen, die ihn für einige Wochen ans Krankenbett fesselten.
Während der Franzose Jean-Louis Tournadre mit nur einem Sieg beim Saisonauftakt und anschließend sieben Podestplätzen Weltmeister der 250-ccm-Klasse wurde, ging Toni Mang mit ebenfalls nur einem Saisonsieg und fünf weiteren Podestplätzen als letzter 350er-Weltmeister in die Geschichte ein, denn danach wurde die Klasse eingestellt.
Voller Fokus auf die 250er-WM
1983 konzentrierte sich Carlos Lavado nach dem Wegfall der 350er-Kategorie vollständig auf die Viertelliterklasse. Mit Platz 7 im südafrikanischen Kyalami begann die Saison zunächst eher verhalten, und beim anschließenden Rennen in Le Mans sah er die Zielflagge nicht. Danach gewann er jedoch in Monza und Hockenheim und sammelte in Jarama sowie auf dem Salzburgring mit zwei siebten Plätzen wichtige Punkte. In Rijeka und Assen folgten zwei weitere Siege, womit sich Lavado plötzlich große Chancen auf den WM-Titel ausrechnen durfte.
In Spa begnügte er sich anschließend mit Rang 3 direkt hinter seinem Titelrivalen Christian Sarron. Beim vorletzten Rennen in Silverstone konnte Lavado den Titel bereits vorzeitig perfekt machen – und genau das gelang ihm mit Platz 4, erneut unmittelbar hinter dem Franzosen. Beim Saisonfinale im schwedischen Anderstorp stand er als Dritter nochmals auf dem Podium.
1984 gelang Carlos Lavado als amtierendem Weltmeister nur ein einziger Grand-Prix-Sieg, erneut in Assen. Dazu kamen vier weitere Podestplätze. Das war letztlich etwas zu wenig, um Christian Sarron im Titelkampf ernsthaft gefährden zu können. Mit WM-Rang 3 musste sich Lavado dennoch keineswegs verstecken.
1985 revolutionierte Honda mit der RS 250 RW die 250-ccm-Klasse und dominierte mit Freddie Spencer sowie Toni Mang die Saison. Vor diesem Hintergrund war Lavados erneuter dritter WM-Endrang mit seiner mittlerweile unterlegenen Yamaha aller Ehren wert. Dabei kämpfte der Venezolaner wie ein Löwe, gewann den zweiten Saisonlauf in Jarama sowie das Finale in Misano und stand dazwischen viermal als Zweiter hinter «Fast Freddie» Spencer auf dem Podest. Am Ende war er klar «best of the rest».
Offenbar hatte Lavado inzwischen gelernt, dass die Brechstange nicht immer der richtige Weg war. Als Freddie Spencer 1986 immer häufiger von Verletzungen ausgebremst wurde und Toni Mang ebenfalls nicht ganz die Stärke der Vorjahre erreichte, lief Lavado noch einmal zu großer Form auf. Mit sechs Saisonsiegen – in Jarama, am Nürburgring, auf dem Salzburgring, in Assen, Le Castellet und Anderstorp – sicherte er sich vorzeitig seinen zweiten WM-Titel.
Zwischendurch ließ er allerdings in Misano nach einem weiteren seiner zahlreichen Stürze wichtige Punkte liegen. Selbst beim Saisonfinale in Misano, als er bereits als Weltmeister feststand, übertrieb es der temperamentvolle Südamerikaner nochmals unnötigerweise, nachdem er erneut die schnellste Rennrunde gefahren war.
Aggressiver Fahrstil mit großem Unterhaltungsfaktor
Nicht selten sorgte Lavado mit seinem aggressiven Fahrstil für Diskussionen im Fahrerlager. Manche Kollegen empfanden seine Manöver als zu riskant. Gleichzeitig war der Venezolaner aber ein echter Spaßmacher, dem kaum jemand lange böse sein konnte. Lavado war ein Charakterkopf und eine große Bereicherung für den Grand-Prix-Sport.
Ein Jahr nach seinem zweiten WM-Titel begann Carlos Lavados schleichender sportlicher Abstieg. In Rijeka gelang ihm 1987 lediglich noch ein GP-Sieg – sein insgesamt 19. und zugleich letzter Erfolg, mit dem er immerhin WM-Rang 10 erreichte. Beim Saisonfinale 1988 im brasilianischen Goiânia fuhr er als Zweiter noch einmal aufs Podest und verbesserte sich damit gerade noch auf den zehnten Gesamtrang.
Bis einschließlich 1988 war Carlos Lavado Yamaha stets treu geblieben. Für 1989 wechselte er jedoch erstmals die Marke und fuhr in einem Privatteam eine Aprilia. Die Saison beendete er als WM-17.
Ein Jahr später belegte er erneut Gesamtrang 17. Die meisten Punkte sammelte er dabei in Spa-Francorchamps, wo er mit Platz 4 das Podest nur knapp verpasste.
Zwar stürzte Lavado inzwischen deutlich seltener, doch mit Platzierungen im erweiterten Vorderfeld kam er 1991 auf einer Production-Yamaha sowie 1992 im neu eingestiegenen Gilera-Team nicht über die WM-Endränge 14 und 19 hinaus.
Danach beendete Carlos Lavado seine Karriere. In insgesamt 137 Grand Prix erzielte er 19 Siege, 42 Podestplätze, 22 Pole-Positions sowie 13 schnellste Rennrunden.
Auch nach seinem Rücktritt blieb Carlos Lavado dem Motorradsport eng verbunden und arbeitete in unterschiedlichen Bereichen – unter anderem als Betreuer, Berater und Funktionär.
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