Aprilia schlug auf der Insel zurück? Die Wahrheit ist: Aprilia war nie weg
Vor vier Wochen reiste Aprilia mit einem schwer angeschlagenen Marco Bezzecchi aus Deutschland in die Sommerpause. In der Zentrale des englischen Rennsports kam die Antwort: Wir sind gemeinsam stark!
Seit dem Doppelsieg mit Marco Bezzecchi an der Spitze beim Heim-Event in Mugello war für die Einheit aus Noale etliches schiefgegangen. Das galt insbesondere für Bezzecchi, der die WM-Tabelle schon beim zweiten Event in Brasilien angeführt und nach vier Nullnummern in Serie bis auf Rang 4 abgerutscht war. Schlimmer noch: Marc Marquez hatte im positiven Sinne zurück in die Spur gefunden und lag mit dem Beginn der Sommerpause bereits wieder vor dem Widersacher aus Rimini.
Als Marc Marquez in Sachsen zweimal als Sieger über die Linie fuhr, da schien für so manchen die WM bereits zugunsten des amtierenden Champions gelaufen – untermauert auch von der Tatsache, dass beim Sprint auf dem Sachsenring nicht ein Aprilia-Pilot zur Siegerehrung geladen war. Doch im Jubel über das endgültige Marquez-Comeback wurde auch übersehen, dass die drei verbliebenen Aprilia-Racer (Bezzecchi befand sich bereits auf der Reise in Richtung OP-Tisch) auf den Plätzen 4, 5 und 6 einliefen. Zudem reichte es über die lange Distanz in Deutschland wieder zu Rang 2 (Ogura) und 3 (Fernandez).
Tiefstapler Martin war der große Sieger des Silverstone-GP
Zwar war der nach Italien auf 40 Punkte angewachsene Vorsprung bei den Konstrukteuren vor dem Silverstone-GP auf überschaubare 11 Zähler zurückgegangen, doch vom Einknicken von Aprilia zu sprechen, wäre falsch. Auch wenn die Piloten, mit Jorge Martin an der Spitze, eine andere Sicht an die Öffentlichkeit trugen. Martin verkündete vor dem FP1 in England, dass er sich im Gemenge der Top-5 (mit Marc Marquez und Fabio Di Giannantonio) am schlechtesten aufgestellt sieht. Das Resultat: zweimal Platz 2 – niemand sammelte mehr Punkte auf der Insel als der angeblich wackelnde Tabellenführer. Jorge Martin verließ Silverstone als klarer Sieger, denn wieder einmal gelang es keinem anderen Fahrer, Konstanz und Speed besser zu verbinden.
Überboten wurde der Auftritt nur noch vom eigenen Teamkollegen. Dass Marco Bezzecchi zweimal auf dem Podest ankommt – und in beiden Rennen sämtliche Ducati-Athleten hinter sich ließ, damit waren gleich zwei Botschaften überbracht. Erstens: Marco Bezzecchi steht Marc Marquez in nichts nach, wenn es um den unbedingten Willen geht, alles für den Sport und Platz 1 zu unternehmen. Und zweitens – Blick auf die zu vergebenden Titel – die noch stärkere Nachricht in Richtung: Wir sind gemeinsam stark! Alle vier Aprilia-Piloten standen beim ersten Event der zweiten Saisonhälfte mindestens einmal auf dem Podest.
Die RS-GP-Piloten fahren auf einer Linie
Zwischen Martin, Bezzecchi, Ogura und Fernandez sind keine gravierenden Leistungsunterschiede auszumachen. Und selbst wenn es einmal nicht ganz an die Spitze reicht, wie in Sachsen, dann ist man geschlossen zweite Kraft. Komplette Aussetzer auf der Piste, nicht gemeint sind Stürze, Fehlanzeige.
Die RS-GP-Piloten arbeiten mit einer Ausgeglichenheit, von der man in Bologna nur träumen kann. Schnell sind die Desmosedici-Piloten auch, die Frage ist aber, wer. Zuletzt war es wieder einmal Alex Marquez, der über das gesamte Wochenende die beste Paarung mit der GP26 einging. Fabio Di Giannantonio, vor dem Sachsenring WM-Dritter und aussichtsreichster Desmo-Treiber, konnte in England zu keiner Zeit um einen Podestplatz kämpfen und kam dennoch in beiden Rennen vor Marc Marquez an.
Enger WM-Kampf unter Fahrern und Italo-Werken
Das Ergebnis der uneinheitlichen Leistung: Reha-Pilot Marco Bezzecchi zog auf der kerngesunden Aprilia auch in der WM-Tabelle wieder an Marc Marquez vorbei. Damit werden die ersten drei Positionen in der Fahrer-WM erst einmal wieder von Aprilia-Athleten besetzt. Doch von einer Ducati-Krise zu sprechen, wäre genauso falsch wie von einem Aprilia-Comeback, denn Aprilia war nie weg von der Spitze.
Das letzte Aufeinandertreffen auf englischem Boden hat allen Betrachtern die völlig neue Dimension der MotoGP-Schlacht 2026 vor Augen geführt. Denn es geht in gleichem Maße und damit anders als in den Jahren zuvor um die Frage nach dem besten Piloten auf dem besten Motorrad. Die Bediener der ausgefeilten Prototypen rangeln in gleichem Maße um Siege wie die Hersteller aus Italien. Die Vermarkter der MotoGP reiben sich die Hände – nie war es spannender.
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