Phänomen Jorge Martin oder die sportliche Wiedergeburt des «Martinators»
Kaum ein anderer MotoGP-Pilot schrieb seit 2024 mehr Schlagzeilen als der als Weltmeister zu Aprilia gewechselte Jorge Martin. Endlich geht es wieder um sportliche Leistungen – und den «Martinator».
Unbestritten zählt Spaniens MotoGP-Athlet Jorge Madrid zu den ganz großen Persönlichkeiten der Motorrad-Weltmeisterschaft. Nach dem Grundstein in Form des Moto3-Titels 2018 blieb die Krone in der mittleren WM-Klasse aus – dafür gab es hinter den Kulissen mittleren Stress mit Vertragspartner KTM. Martin knickte die Vereinbarung mit den Österreichern und dockte beim vielversprechenden Pramac-Ducati-Team an.
Fakt ist, die Entscheidung wurde von Erfolg gekrönt. Zwar dauerte es vier Jahre, doch 2024 war das große Jahr des «Martinators» in Pramac. Mit einer überragenden Fahrer- und Teamleistung ging der Titel beim Finale in Barcelona an Madrilenen. Auf dem Weg zum ersten MotoGP-Titel überzeugte Martin in erster Instanz mit Cleverness und fehlerfreien Auftritten.
2025 sah die MotoGP-Welt einen gänzlich anderen Jorge Martin, was unweigerlich auch auf den Jobwechsel zurückzuführen war. Martin sah sich zum beinahe gezwungenen Verlassen seines Erfolgsteams, nachdem Teameigner Paolo Campinoto beschlossen hatten, sich nun langfristig mit Yamaha zu verbinden. Und da Ducati sich gegen den frischen Weltmeister und für Marc Marquez im Lenovo-Werksteam entschieden hatte, blieb als einzige Werksoption der Gang nach Noale.
2025: Eine einzige Katastrophe
Die Geschichte lieferte schon in den ersten Monaten Stoff für ein dickes Buch. Nach Stürzen inklusive einer Welle von Verletzungen war die Beziehung schon Geschichte, als sie noch gar keine Chance auf Wachstum hatte. Die sportliche Bilanz katastrophal: Martin nahm überhaupt nur an sieben der 22 Events teil. Podestplätze: Null, WM-Rang 21 für den Weltmeister. Weiterer Tiefschlag: In Japan holte Martin Teamkollege Bezzecchi vom Motorrad – Vorfall, der sich 2026 in Ungarn wiederholen sollte und der noch massive Auswirkungen in Richtung WM-Titel haben könnte. Fiel der Name «Martin» wurde oft nur noch geschnauft, denn gegrinst.
Im Herbst der Premieren-Saison war längst klar, dass man es hier – im krassen Gegensatz zur neuen Liebesbeziehung von Marco Bezzecchi, die in der Heirat mit deinem Motorrad gipfelte – nur noch mit einer Zweckgemeinschaft zu tun hatte. Ironie des Schicksals: Jorge Martins Manager Albert Valera tat nun das, was man zuvor unbedingt verhindern wollte – konkrete Verhandlungen mit Yamaha zu einem Werksvertrag für 2027 führen.
Bei all dem war nicht zu übersehen, dass Martin, der Noch-Vertragspartner Aprilia, einen sensationellen Job bei der Weiterentwicklung der RS-GP hingelegt hatte. Der Pilot mit der Nummer 89, dessen Rennfahrer-ID «Martinator» ein Jahr so gut wie gar nicht mehr genutzt wurde, machte sich unweigerlich auf den Weg zurück an die Spitze.
Martin auf dem Weg zum Crash-König
In Phase 1 der laufenden Saison hielt sich Martin stets in Podestnähe auf und tankte Vertrauen. In den USA dann der Durchbruch. Im Sprint gelang der erste Sieg seit fast 18 Monaten, der Martin zugleich auch erstmals wieder an die Spitze der Tabelle brachte. Es ging kurios weiter. Denn trotz regelmäßiger Spitzenplatzierungen in den Rennen purzelte Martin wie kaum ein anderer. Allein in Barcelona mussten die Streckenposten die schwarze Aprilia sechs Mal bergen!
Bemerkenswert: Obwohl Jorge Martin phasenweise auf dem Weg zum Crash-König 2026 war, stieg sein Selbstbewusstsein, begünstigt auch durch die Fehler der härtesten Gegner. Marc Marquez patzte in Le Mans, Bezzecchi in Holland und Deutschland. Mit der Sommerpause war klar: Jorge Martin hat die Chance, wieder Weltmeister zu werden.
Endgültig zurückmeldete sich der «Martinator» dann in Österreich zurück. Während die MotoGP-Welt von einem Duell Bezzecchi versus Marquez ausging, stürmte Martin auf Startplatz 1 – um im Sprint ein echtes Meisterstück zu zeigen. Auch wenn der Sieg erst durch den Patzer Acostas ermöglicht wurde, Martins Spielberg-Sprint verdiente sich einen Oscar für den besten Kurzfilm.
In sechs Runden holte sich Martin sechs Gegner im Stile eines Moto3-Agressors und der Präzision eines Uhrmachers. Ein Auftritt, der Jorge Martin nicht zurück an die Spitze der WM-Tabelle brachte. Es war vielmehr eine Wiedergeburt des hungrig wütenden Rennfahrers Jorge Martin – dem «Martinator».
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