Sebastian Vettel: Der Ferrari-Star am Scheideweg

Von Andreas Reiners
Formel 1
Sebastian Vettel

Sebastian Vettel

Am Wochenende unternimmt Sebastian Vettel den fünften Anlauf, um mit Ferrari den Titel zu holen. SPEEDWEEK.com beantwortet die wichtigsten Fragen zu Vettels Titeljagd.

Der Vergleich liegt diesmal auf der Hand. Und er wird Sebastian Vettel verfolgen. Auf Schritt und Tritt. Die ganze Saison lang, Rennen für Rennen. Keine Frage: Immer wieder wird der Name Michael Schumacher fallen. Der siebenmalige Weltmeister brauchte fünf Jahre, um seinen ersten Titel mit Ferrari zu holen. Der Rest ist Legende, erfolgreiche Formel-1-Historie.

So gesehen steht Vettel trotz seines Vertrags bis 2020 sogar am Scheideweg, denn er geht am Wochenende ebenfalls in seine fünfte Saison mit den Roten. Und der Druck wächst. Doch vielleicht kann ihn der Vergleich mit seinem einstigen Vorbild auch beflügeln?

SPEEDWEEK.com beantwortet die wichtigsten Fragen zur Situation von Sebastian Vettel vor dem Saisonstart der Formel 1 in Australien.

Was kann das Auto?

Eine Menge, so die Hoffnung. Für den frühen Zeitpunkt ziemlich viel, so der Eindruck bei den Testfahrten.

Bis zu einer halben Sekunde betrug der Vorsprung des SF90 auf die Konkurrenz in der ersten Woche der Tests, danach schrumpfte er ein wenig zusammen. Der Vorteil liegt aber trotzdem noch bei Ferrari, so die Einschätzung.

Einen Namen hat Vettels diesmal überraschend matt-rote Göttin noch nicht, aber diese Spielchen sind zweitrangig. Der Bolide zickte bei den Tests noch herum, war angesichts einiger Defekte nicht so zuverlässig wie erhofft. Aber: Das Auto reagiert genau so, wir Ferrari sich das vorgestellt hat. Mit einer guten Balance liegt er in jeder Art Kurve gut, schnell wie langsam.

Oder wie Vettel es sagte: «Ich kann das Auto dahin schmeißen, wo ich will. Ich kann damit spielen und komme damit gut klar. Das ist alles positiv.» Klar ist aber: Um gewinnen zu können, muss das Auto erst einmal das Ziel erreichen.

Wie ist die Stimmung im Team?

«Rote Revolution» bei Ferrari hieß es im Winter, Mattia Binotto gewann den Machtkampf mit Maurizio Arrivabene und ist Vettels neuer Teamchef. Mit dem neuen Mann ist auch prompt eine neue Stimmung eingekehrt. Es herrscht eine ganz neue Atmosphäre, es geht lockerer zu. Ruhiger. Positiver. Versehen mit einem neuen Selbstbewusstsein.

Klar: Wie es unter steigendem Druck aussehen wird, zeigt sich erst im Laufe der Saison. Aber: Dass Binotto den Laden zusammenhält, als Einheit, ist essentiell für die Titeljagd. Ihm wird genau das zugetraut.

Was gibt Technikchef Binotto dem Teamchef Binotto mit auf den Weg? «Dass wir erheblich stärker werden müssen, um Weltmeister zu werden. Wir dürfen uns nie zufriedengeben. Für den Titel reicht es nicht, auf Augenhöhe mit den Anderen zu sein, wir müssen besser sein.»

Wie ist die Hackordnung?

In der vergangenen Saison stellte sich Ferrari beim Thema Teamorder stümperhaft an. Binotto klärte die Fronten gleich zu Beginn: Vettel und sein Teamkollege Charles Leclerc dürfen grundsätzlich frei fahren, Vettel hat aber den Weltmeister-Bonus.

Bedeutet konkret: Die Roten setzen, wenn es hart auf hart kommt, auf den viermaligen Champion. Binotto: «Auf diese Weise sind von Anfang an die Dinge klar, und es gibt weniger Raum für Missverständnisse oder Fehler.» Im Vergleich zu 2018 ist das schon mal eine Baustelle weniger.

Wie ist das Verhältnis zum Teamkollegen?

Nicht so freundschaftlich wie mit Kumpel Kimi Räikkönen. Eher respektvoll-professionell. Charles Leclerc war bei den Tests bei den Zeiten auf Augenhöhe mit Vettel, er kommt aus der Ferrari-Akademie, gilt als kommender Weltmeister. «Charles ist smart, er ist schnell», weiß Binotto: «Wir werden sehr viel Freude an ihm haben.»

Viel wird spekuliert: Wird der Jungstar wie Vorgänger Kimi Räikkönen eine treue Nummer zwei? Macht er den Draufgänger? Bereitet er die Wachablösung vor? Oder endet es sogar so wie zwischen Fernando Alonso und Lewis Hamilton 2007 bei McLaren? Damals beharkten sich beide so sehr, dass am Ende Räikkönen den bis heute letzten Ferrari-Titel holte.

Wer ist der größte Gegner?

Klar: Der ist und bleibt Mercedes mit Lewis Hamilton. Er hat in den letzten fünf Jahren mit Ausnahme von 2016 bewiesen, dass er zur Stelle ist, wenn sich die Chance bietet.

Der 34-Jährige ist fit wie nie, wie er selbst betont. Er kann durch die neue Gewichtsregel nicht nur mehr essen, sondern auch mal ohne schlechtes Gewissen sündigen. Und auch an Muskelmasse zulegen. «Wir sind alle gesünder. Ich fühle mich stärker denn je. Du schläfst auch besser. All das macht dich zu einem glücklicheren Fahrer.»

Dieses Jahr werde «die größte Herausforderung wird, seit ich zu Mercedes gekommen bin». Er stellt aber auch klar: «Ferrari hat in den vergangenen Jahren immer gut angefangen, aber wir konzentrieren uns auf uns selbst, damit sind wir ja zuletzt ganz gut gefahren.»

Man darf gespannt seim, wie Hamilton reagiert, wenn er tatsächlich den Druck von allen Seiten spürt. Also nicht nur von Vettel, sondern auch endlich mal von seinem Mercedes-Teamkollegen Valtteri Bottas.

Wie geht Vettel die Aufgabe an?

So entspannt wie möglich. «Es wäre das Ultimative, wenn ich mit Ferrari die WM gewinne», sagt er: «Es ist mein Ziel, mein Traum.» Doch bleibt er erneut unerfüllt?

Vettel ist in Maranello nicht mehr unantastbar. Er weiß: Wenn er das Auto für den Titel haben sollte, muss er liefern. Stand jetzt sprechen einige Sachen wie das starke Auto, die Hackordnung oder das neu strukturierte und derzeit wesentlich ruhigere Umfeld für Vettel. Ferrari ist für eine erfolgreiche Saison sehr gut aufgestellt. Vettel weiß aber auch: Fehler werden dann keine mehr verziehen.

Druck ist eine nicht zu unterschätzende Komponente in einem Titelkampf. Und den spürt er. Vor allem, wenn ihn 2019 der Name Schumacher auf Schritt und Tritt verfolgt.




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