Editorial

Audi in der Formel 1: Wunsch als Vater des Gedankens

Von - 16.05.2015 12:03

Dass in absehbarer Zeit eine Marke des VW-Konzerns in der Formel 1 in Erscheinung tritt, ist momentan höchst unwahrscheinlich. Es stellt sich die Frage der Sinnhaftigkeit.

Seit Ferdinand Piech als Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswagen-Gruppe zurückgetreten ist, wird von eifrigen Journalisten der sehnsüchtig erwartete Formel-1-Einstieg des deutschen Weltkonzerns herbei geschrieben.

Eine neue Methode ist das nicht. Schon als der damalige Volkswagen-Vorstandsvorsitzende Bernd Pischetsrieder einmal beim Barcelona-GP im Sauber-Motorhome bei Peter Sauber auf einen Kaffee vorbeischaute, sind die Formel 1 und VW ein ewiges Thema.

Diese Spekulationen wurden auch von VW-Berater Hans Stuck jahrelang am Kochen gehalten, als der ehemalige Formel-1-Pilot einen Formel-1-Einstieg quasi vom Zustandekommen des Weltmotors abhängig machte.

Und jetzt wird vielerorts gemutmasst, Audi ​würde womöglich schon übermorgen in der Formel 1 auftauchen, nur weil Piech zurückgetreten ist und der bei Ferrari entlassene Stefano Domencali für die Audi Group eine Machbarkeitsstudie zum Thema Formel 1 skizziert und vorgetragen hat.

Dabei fiel ihm nichts Gescheiteres ein, als den Kauf von Red Bull Racing zu empfehlen, für 300 Millionen Euro. «Ich weiss nichts davon, ausserdem haben wir keinen Schlussverkauf», zeigte sich Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz verwundert.

Für 300 Millionen war übrigens Caterham zum Verkauf ausgeschrieben, ein Hungerleider-Team, das fünf Jahre lang keinen WM-Punkt kassierte.

Betrachten wir die Situation einmal emotionslos, abseits aller frommen Wünsche der Fans.

Falls die VW-Gruppe die Beteiligung an der Formel 1-WM eines Tages ernsthaft in Erwägung ziehen sollte, müssen zuerst viele Fragen geklärt werden: Machen wir es als Motorenlieferant wie einst Porsche und jetzt Honda? Oder steigen wir mit einem gesamten Fahrzeug ein wie Mercedes und Ferrari? Welcher Konzernmarke soll die Aufgabe aufgebürdet werden? Welcher Spitzenmanager im Hause tut sich diese Mammutaufgabe freiwillig an? Wer will diese Verantwortung tragen?

Der 67-jährige VW-Konzernchef Martin Winterkorn, der in zwei Jahren in den Aufsichtsrat wechseln und sich aus dem operativen Geschäft verabschieden will, gilt als nüchterner Technokrat. Für ihn sind die Märkte in China und Amerika und moderne Antriebslösungen für die Serienfahrzeuge wichtiger als die Formel 1, die vom Kontrahenten Mercedes dominiert wird.

Martin Winterkorn weiss: Das Risiko des Scheiterns ist riesig, wir erleben es bei Formel-1-affinen Herstellern wie Renault und Honda.

Der deutsche Konzern könnte die Formel 1 mit Marken wie Audi, Porsche oder Lamborghini schultern.

Man könnte sogar einen Lamborghini «powered by Audi» (oder Porsche) ins Gefecht schicken.

Aber macht so ein Himmelfahrtskommando betriebswirtschaftlich Sinn? Wie erwähnt: VW hat andere dringende Aufgaben zu lösen.

Und Audi hat auch ohne die Formel 1 im letzten Geschäftsjahr die Stückzahlen auf 1,74 Millionen Fahrzeige erhöht, der Gewinn liegt ohne Formel 1 bei 5 Milliarden, der Umsatz kletterte um 7,8 Prozent auf 53,8 Milliarden.

Bis es bei VW und Audi zu einem Vorstandbeschluss zugunsten der Formel 1 käme und ein Budget abgesegnet wäre, wäre die Saison 2016 vorbei. Dann muss ein Entwicklungszeitraum von zwei bis drei Jahren einkalkuliert werden.

Ein Einstieg wäre also frühestens 2018 oder gar 2019 möglich. Dann haben die heutigen Motorenhersteller mit ihren Antriebseinheiten fünf Jahre Erfahrungsvorsprung.

Der Vertrag zwischen Red Bull Racing und Renault läuft bis Ende 2016. So sehr sich die Österreicher ein Werk als Motorenpartner wünschen: 2018 und 2019 liegen zu weit weg. So lange kann niemand warten.

Audi: Was gegen die Formel 1 spricht

Ich gehe davon aus, dass VW und Audi zuerst einmal die Reglemententwicklung verfolgen und beobachten, wie sich die Formel-1-Preisspirale entwickelt. Werke wie Renault, BMW, Toyota und Ford (Jaguar) sind nicht nach Kurzschlusshandlungen aus der Königsklasse ausgestiegen, sondern wegen nüchterner kaufmännischer Überlegungen.

Die kleinen Teams wie Caterham und Marussia sind bereits finanziell an der Formel 1 gescheitert, Force India und die Enthusiasten Williams und Sauber haben Mühe, die nötigen Budgets aufzutreiben.

Kein Wunder: Sie sollen mit Mercedes und Ferrari und ihren 1000 Beschäftigten Schritt halten.

Natürlich, wir würden uns über einen zusätzlichen deutschen Hersteller in der Formel 1 mächtig freuen.

Aber Audi kann sich auch zurücklehnen und darauf beschränken, jetzt mit dem erfolgreichen FC Ingolstadt in die Fussball-Bundesliga aufzusteigen.

Bei diesem Projekt sind die Kosten überschaubarer, das Zielpublikum ist attraktiv – und die Erfolgsaussichten sind berechenbarer als in der Formel 1. ​

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