Patrese zu Mercedes: «Als Wolff wäre ich mit Antonelli nicht glücklich»
WM-Leader Kimi Antonelli und GP-Sieger George Russell lieferten sich im Sprint von Kanada ein knallhartes Duell. Der langjährige Formel-1-Fahrer Riccardo Patrese stuft die Situation ein.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die beiden Mercedes-Fahrer Kimi Antonelli und George Russell tüchtig in die Quere geraten, und an diesem Punkt sind wir nun. Es ist so unvermeidlich wie vor zehn Jahren beim Titelduell Lewis Hamilton gegen Nico Rosberg.
Riccardo Patrese hat sich die hitzige Action auf dem Circuit Gilles Villeneuve von Montreal genau angesehen. Der 256-fache GP-Teilnehmer stuft im Portal Vision4Sport die Lage wie folgt ein.
«Ich habe bei Kimi eigentlich keinen Unterschied bemerkt. Er ist immer noch ein sehr netter Junge, sehr höflich, sehr zurückhaltend und sehr kultiviert – wenn er nicht im Auto sitzt.»
«Im Auto hat er genau das richtige Mass an Arroganz, das man als Spitzenfahrer braucht. Letztes Jahr war er noch ein bisschen schüchtern, weil er sich erst in einer solchen Rolle zurechtfinden musste. Dieses Jahr ist er genau in der richtigen Stimmung; manchmal vielleicht sogar ein bisschen zu sehr!»
«Wäre ich Toto Wolff, wäre ich nicht sehr glücklich darüber, was beim Sprintrennen in Kanada passiert ist, denn wegen seiner Aggressivität hätte es zu einem Unfall kommen können mit George Russell.»
Der sechsfache GP-Sieger weiter: «Das ist etwas, das sich von früher unterscheidet. Natürlich hatte Toto danach wahrscheinlich ein Gespräch mit ihm und sagte sinngemäss: ‘Bitte nicht mehr!’ Aber er hat das sicher auf eine sehr sanfte Art und Weise gesagt.»
«Zu meiner Zeit war das ganz anders, besonders bei Leuten wie Williams-Technikchef und -Teilhaber Patrick Head. Ich habe viel riskiert, als ich Nigel Mansell am Ende der Geraden in Mexiko nach einem schlechten Start überholte und den Grand Prix gewann.
Das Überholmanöver war etwas knapp, und danach kam Head auf uns zu, er wollte am liebsten Kopfnüsse verteilen, so wütend war er! Heute sind alle politisch korrekt …»
Kimi Antonelli gegen George Russell: So geht’s weiter
Was nun? Es liegt nicht in der Natur des Vollblut-Racers, es ein wenig gemächlicher anzugehen. Antonelli und Russell werden erneut das gleiche Stücke Asphalt für sich beanspruchen – die Folgen müssen jenem klar sein.
Die Einschätzung von Patrese, dem WM-Zweiten von 1992: «Es ist schwer zu sagen, wie sich die Beziehung zwischen George und Kimi entwickeln wird; das hängt auch vom Charakter der beiden ab.»
«George scheint ein netter Junge und sehr sanftmütig zu sein, aber wenn er das Gefühl hat, dass Kimi zu aggressiv ist, könnte er eines Tages genauso auf Kimi reagieren, oder vielleicht wird er sich darüber aufregen, und dann könnte die Beziehung ein wenig in die Brüche gehen.»
«Für George ist es schwierig. Früher war er die Nummer 2 hinter Lewis Hamilton, und das ergab keine Geschichte. Lewis war die Nummer 1, basta. Aber Russell hat sich gegen Hamilton sehr gut geschlagen.»
«Nun dachte George wohl, dass er – nachdem Hamilton zu Ferrari gezogen war – als neue Nummer 1 keinen Konkurrenten im Team haben würde. Aber jetzt muss er feststellen, dass er doch einen hat. Es wird die ganze Saison über sehr eng zugehen zwischen Kimi und George.»
«Wenn Russell Kimi dominieren würde, was ich nicht erwarte, wird er in guter Stimmung bleiben. Aber wenn er sich aufregt, wird es anders laufen. Bei Mercedes gibt es keine Stallorder. Sie behandeln beide Fahrer gleich.»
«Und Kimi hat den Vorteil, weil er sich in einem Team befindet, das ich nicht als britisch einstufe. Für mich ist das – auch wenn die Technik aus England kommt, ein deutsches Team. Antonelli erkennt die Möglichkeit, dass es keinen Wind gibt, der in Richtung eines Fahrers gegenüber dem anderen weht.»
«In meinem Fall, als Williams so überlegen war wie heute Mercedes, da gab es 1992 wirklich ein Problem – denn ich war in einem englischen Team mit einem englischen Fahrer, Nigel Mansell, und einen Italiener gewinnen zu lassen, kam ihnen nicht in den Sinn.»
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