Davide Brivio über Ogura: «Er hätte bei Honda viel mehr verdienen können!»
Ai Ogura (Aprilia) zeigt in seiner zweiten MotoGP-Saison regelmäßig starke Leistungen. Zuletzt wurde der Japaner in Le Mans Dritter. Was Trackhouse-Teammanager Davide Brivio über seinen Fahrern sagt.
Aprilia-Pilot Ai Ogura holte in Le Mans seinen ersten Podestplatz in der MotoGP. Der Moto2-Weltmeister von 2024 zeigte zudem bei den ersten fünf Rennwochenenden der Saison 2026 eine beeindruckende Konstanz.
SPEEDWEEK.com-Autor Manuel Pecino befragte Trackhouse-Teammanager Davide Brivio, wie die Zusammenarbeit mit dem Japaner aussieht.
Davide, du hast schon mit vielen japanischen Fahrern zusammengearbeitet, nicht wahr?
Ja! Als ich in der Superbike-WM war, habe ich mit Nagai gearbeitet, dann mit Yoshikawa, dann mit Haga. Als wir in Suzuka waren, kam Tsuda ab und zu vorbei.
Ist Ai Ogura ein typischer Japaner? Falls es so etwas wie einen typischen japanischen Fahrer überhaupt gibt.
Ich würde sagen, Ogura-san ist ein typischer Japaner, was seinen Sinn für Respekt, seine Manieren und solche Werte angeht. Ich denke, Ai ist ein sehr intelligenter Mensch, der es schafft, jedem zuzuhören, um zu verstehen, was für ihn nützlich ist und was er tun muss, um schnell zu fahren.
Er ist ein sehr intelligenter Mensch, der es seit seiner Kindheit gewohnt ist, zu reisen, auch auf eigene Faust. Mit anderen Worten: Er ist selbstständig, sehr unabhängig und in der Lage, alles allein zu bewältigen. Er ist sicherlich japanisch, was Kultur und Verhalten angeht – klug und scharfsinnig.
Woher bezieht Ai seine Inspiration? Wo lernt er, sich zu verbessern?
Meiner Meinung nach hat er ein natürliches Talent, denn er hat zum Beispiel schnell gelernt, mit den Reifen umzugehen – das Gleiche gilt für den Rennsport. Ich glaube, da ist etwas instinktives, etwas natürliches dabei. Außerdem hört er viel zu – er hört auf seine Ingenieure. Wenn sie ihm sagen ‘mach es so, vielleicht ist es so besser‘, geht er auf die Strecke und macht es. Mit anderen Worten: Er ist immer bereit zuzuhören und seine Fahrweise bei Bedarf anzupassen – eine Kurve anders zu nehmen, diese Bremstechnik auszuprobieren … er geht auf die Strecke und probiert es aus.
Er will verstehen, warum etwas Bestimmtes passiert, warum etwas geändert werden muss. Das bedeutet, dass er den Menschen um ihn herum vertraut. Ich glaube, er hat ein gutes Verhältnis zu seinen Technikern, aber das solltest du ihn selbst fragen.
Er ist nicht der Typ Fahrer, der den Technikern vorschreibt, was sie tun sollen; stattdessen erklärt er ihnen, wie sich das Motorrad anfühlt, und lässt sie daran arbeiten, es zu verbessern. Ich muss auch sagen, dass er nicht viele Änderungen am Motorrad verlangt, um ein bestimmtes Gefühl zu bekommen und Niveau zu erreichen. Zuerst muss er an seine Grenzen gehen, und erst dann fängt er an, über das Motorrad zu sprechen.
Manchmal sind es die Techniker, die ihn drängen, ihnen etwas zu sagen.
Ich muss sagen, dass es Matteo Baioco, Aprilias Rennstreckentrainer, war, der mich auf das Potenzial von Ai aufmerksam gemacht hat. Er sagte mir, ich solle auf Ogura achten – nicht nur, weil er schnell war, sondern weil er anhand seiner Kurvenfahrt erkannte, dass sein Fahrstil für die MotoGP geeignet war. Zum Beispiel wie er aus den Kurven herausbeschleunigte, und es gab noch andere Dinge, die ihm klar machten, dass er bereit war.
Ich sehe Ais Stil im Moment als sehr sauber und dennoch modern an. Du hast die Überholmanöver in Austin gesehen – sehr sauber, sehr präzise… mir gefällt wirklich, wie er fährt. Er vermittelt den Eindruck, dass ihm alles ganz natürlich von der Hand geht.
Wie geht er mit GP-Wochenenden um? Ist er sehr aktiv? Verbringt er mehr Zeit in seinem Wohnmobil?
Nein, er hat kein Wohnmobil; er schläft im Hotel. Und an den Wochenenden ist er ganz entspannt. Im Team-Truck haben wir einen Umkleideraum, und dort ist er; er kommt zum Frühstück, Mittag- und Abendessen in den Hospitality-Bereich.
Wie ich dir schon gesagt habe, ist er sehr höflich, sehr zurückhaltend. Abends, wenn wir uns zum Abendessen zusammensetzen, macht es auch viel Spaß. Wir lachen viel, wir scherzen, wir reden über alles. Er ist lustig, da ist er nicht der ruhige Typ.
Warst du überrascht, dass er damals das Angebot von Honda abgelehnt und sich für ein westliches Umfeld entschieden hat?
Ja, ich war überrascht, weil Honda ihn während seiner gesamten Karriere unterstützt hatte, aber diese Entscheidung zeigt meiner Meinung nach seine Einstellung. Die, sich auf die Suche nach einem Motorrad zu machen, mit dem er Ergebnisse erzielen kann. Eine Entscheidung, die mehr von Leidenschaft als etwa von finanziellen Vorteilen getrieben ist. Ich glaube, er hätte bei Honda viel mehr verdienen können als bei uns. Aber Aprilia schien ihm besser zu passen, und er entschied sich für Aprilia. Aber die Sache ist die: Schon in der Moto2 hatte er das Idemitsu-Team verlassen, um zu einem spanischen Team zu wechseln. Er ist jemand, der seine eigenen Entscheidungen trifft.
Schaut er sich die Telemetriedaten der anderen Aprilia-Fahrer an?
Ja. Nun, es sind die Ingenieure, die alles analysieren. Manchmal schaut er sich die Daten der anderen an, aber manchmal sind es die anderen, die sich Oguras Daten ansehen. Es gab einige Situationen, in denen sie nachgeschaut haben, wie es Ai ging. Das ist ein normaler Informationsaustausch. Martin schaut sich an, was Bezzecchi macht, Bezzecchi schaut sich an, was Martin macht; manchmal ist Raul derjenige, der schnell ist, also wird er zum Maßstab.
Ich habe gefragt, weil die Daten von jemandem, der so hyperaggressiv ist wie Jorge Martin, für einen so raffinierten Fahrer wie ihn wahrscheinlich nicht sehr nützlich sind, oder?
Aber zum Beispiel hat sein geschmeidiger Bremsstil zu Beginn des letzten Jahres die anderen inspiriert.
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