Simon Crafar: Wie ein Horror-Unfall zum Wendepunkt seines Lebens wurde
Nach dem Ende seiner Rennkarriere fiel Simon Crafar in ein tiefes Loch. Ein schwerer Unfall in Rumänien veränderte schließlich sein Leben – und führte ihn auf Umwegen zurück in die MotoGP.
Heute trägt Simon Crafar als Vorsitzender der FIM MotoGP Stewards große Verantwortung im Grand-Prix-Fahrerlager. Der Weg des ehemaligen 500-ccm-GP-Siegers dorthin verlief allerdings alles andere als geradlinig. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere verlor der Neuseeländer zunächst die Orientierung. Ein schwerer Motorradunfall im Jahr 2009 wurde schließlich zum Wendepunkt.
Dabei hatte Crafar ursprünglich konkrete Vorstellungen für seine Zeit nach dem Rennsport. Der technisch interessierte Neuseeländer hatte in seiner Heimat eine Ausbildung zum Motorradmechaniker absolviert und wollte nach seiner Karriere als Fahrwerkstechniker bei Öhlins arbeiten. Tatsächlich erhielt er diese Möglichkeit und fühlte sich in seiner neuen Rolle im Fahrerlager schnell wohl.
Doch das Leben als Techniker hätte bedeutet, weiterhin einen Großteil des Jahres auf Reisen zu verbringen. Gleichzeitig war Crafar gerade Vater geworden. Trotz eines Angebots für ein zweites Jahr entschied er sich gegen diesen Karriereweg. «Mir wurde klar: Wenn ich das unterschreibe, besteht eine gute Chance, dass ich geschieden werde. Meine Frau war ohne Unterstützung zu Hause in Andorra und ich wäre den größten Teil des Jahres unterwegs gewesen», blickte Crafar im Podcast von Crash.net zurück.
Leere nach dem Rennsport-Aus
Stattdessen kehrte Crafar noch einmal als Fahrer zurück und trat in der Britischen Superbike-Meisterschaft an. Rückblickend bezeichnet er diesen Schritt als falsche Entscheidung. Vor allem der endgültige Abschied vom professionellen Rennsport setzte ihm massiv zu.
«Als ich mit dem Rennsport aufhörte, war es brutal. Alles, deine Identität als Sportler, ist plötzlich weg», schilderte Crafar. Ein Freund machte ihn einige Jahre später darauf aufmerksam, dass er zunehmend wütend wirkte. Erst dadurch begann der ehemalige GP-Pilot, seinen Zustand zu hinterfragen. «Mir wurde klar, dass ich glaube, depressiv zu sein.»
Crafar beschrieb die Zeit nach seiner Karriere als völligen Bruch mit seinem bisherigen Leben. Vom Teenageralter bis in seine frühen Dreißiger hatte sich praktisch alles um den Rennsport gedreht. Plötzlich klingelte das Telefon nicht mehr, die gewohnte Aufgabe und damit ein wesentlicher Teil seiner Identität waren verschwunden. «Ich war nicht stolz auf diese Jahre, weil ich von jemandem, der etwas erreichen wollte und vollkommen zielstrebig war, zu jemandem wurde, der im Grunde verloren war.»
Massiver Schicksalsschlag vor 17 Jahren
Der entscheidende Einschnitt folgte 2009. Crafar hatte bereits zweimal an der Red Bull Romaniacs teilgenommen und arbeitete anschließend bei der Vorbereitung der Hard-Enduro-Veranstaltung. Während er auf einem Offroad-Motorrad die Strecke markierte, wurde er von einem entgegenkommenden Auto erfasst.
Sofort war Crafar bewusst, wie ernst die Situation war. «Ich hatte ab der Mitte meiner Brust kein Gefühl mehr. Ich dachte, dass ich nie wieder laufen würde. Das war extrem beängstigend, erschreckend», erinnerte er sich. Die lange Zeit im Krankenhaus zwang ihn dazu, über sein bisheriges Leben nachzudenken.
Besonders der Besuch seiner Frau und seiner Kinder veränderte seine Perspektive. Crafar erkannte, dass er nach dem Karriereende jahrelang versucht hatte, einen Ersatz für den Rennsport zu finden, anstatt sich auf seine Familie zu konzentrieren. Die Angst, nie wieder mit seinen Kindern herumtoben zu können, traf ihn hart.
Elf Monate dauerte es, bis Crafar wieder laufen konnte. «Dieser Unfall war der Wendepunkt, um herauszufinden, was ich tun sollte – nämlich zuerst ein guter Ehemann und ein guter Vater zu sein», fasste der Neuseeländer zusammen.
Neuanfang nach der Reha
Noch im Krankenhaus entstand die Idee für seine nächste berufliche Aufgabe. Crafar entwickelte mit «Motovudu» eine eigene Rennstrecken-Fahrschule. Dort wollte er das Wissen weitergeben, das er sich während seiner Karriere erarbeitet hatte. Das Projekt entwickelte sich zum Erfolg und gab ihm erstmals seit dem Ende seiner aktiven Laufbahn wieder das Gefühl, auf seine Arbeit stolz sein zu können.
Über weitere Umwege führte ihn dieser Weg schließlich zurück in die MotoGP. Promoter Dorna verpflichtete Crafar als Boxengassen-Reporter. Auch dort musste sich der ehemalige Rennfahrer zunächst in eine völlig neue Tätigkeit einarbeiten. Später folgte der nächste Karriereschritt: Seit Beginn der Saison 2025 ist Crafar als Nachfolger von Freddie Spencer Vorsitzender der FIM MotoGP Stewards.
Damit schloss sich für den heute 57-Jährigen ein Kreis. Ausgerechnet jener Unfall, bei dem Crafar zeitweise fürchtete, nie wieder laufen zu können, brachte ihn letztlich auf einen neuen Weg – der ihn viele Jahre später zurück in das MotoGP-Fahrerlager führte.
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