Italienische GP-Talente: Die Durststrecke ist beendet

Von Günther Wiesinger
Moto3

Nach einigen mageren Jahren sind bei den Italienern wieder erfolgreiche GP-Zeiten angebrochen. Mit Bagnaia kommt ein neuer Star in die MotoGP, auch Bezzecchi, Marini & Co. sind Versprechen für die Zukunft.

Es ist noch nicht lange her, da erblickten die Italiener keinen einzigen Fahrer in der Top-Ten der kleinsten WM-Klasse. Und es ist nicht zu glauben: Seit 2004 (Dovizioso auf Honda) steht Italien in der kleinen Kategorie (125 ccm/Moto3) ohne Titelgewinn da. 14 lange Jahre. Auch Marco «Bezz» Bezzecchi konnte diesen Schönheitsfehler nicht aus der Welt schaffen. Der KTM-Pilot aus dem PrüstelGP-Team muss nach Platz 5 beim Malaysia-GP sogar um den zweiten WM-Rang bangen. Nach dem Japan-GP trennte ihn nur ein Punkt vor dem Spanier Jorge Martin, der seit einer Woche Weltmeister ist.

Fahrer aus der Schweiz, aus Frankreich, Ungarn, Südafrika, Deutschland, England und vor allem Spanien sind seit 2004 in der kleinen Klasse Weltmeister geworden, aber kein Italiener!

Schon in der GP-Weltmeisterschaft 2017 griffen die Italiener wieder auf breiter Front an. Romano Fenati wurde nach fünf Siegen Vizeweltmeister.

In der Moto3-Klasse existieren heute mehr italienische Teams als italienische Topfahrer, das war vor vier, fünf Jahren noch ganz anders.


In der Moto3-WM zählten in den letzten Jahren Fahrer wie Bulega, Bastianini, Fenati, Antonelli, Migno, Di Giannantonio, Bezzecchi und Foggia zu den Favoriten.


In der Leichtgewichtsklasse hat Italien aber seit 2004 (Andrea Dovizoso auf Honda) keinen Weltmeistertitel mehr erobert.

Übrigens: 2004 war ein guter 125-ccm-Jahrgang. «Dovi» gewann die WM damals vor Barberá, Roberto Locatelli, Lorenzo und Stoner. Von den Top-5 wurden drei weitere Fahrer später Weltmeister.


In der Moto2-Klasse 2017 galten Franco Morbidelli und Lorenzo Baldassarri als Titelanwärter, «Franky» setzte sich gegen Tom Lüthi durch. In dieser Saison dominierte Bagnaia, mit Baldassarri, Marini und Pasini kamen weitere Moto2-GP-Sieger aus Italien.


In der MotoGP-Klasse sorgten die Italiener Rossi, Dovizioso, Iannone und Petrucci für Begeisterung. Aber auch in der MotoGP hat seit 2009 kein Italiener einen Titel gewonnen – damals triumphierte Rossi zum letzten Mal.

Und als Morbidelli 2017 den ersten Moto2-WM-Titel nach Italien entführte, waren bereits neun Jahre ohne italienischen Titelgewinn in der mittleren Klasse verstrichen. Marco Simoncelli hatte 2008 auf Gilera die 250er-WM gewonnen.

Die mageren Jahre


Es ist noch nicht lange er, da herrschte in Italien noch Tristesse am GP-Himmel. Wer erinnert sich an 2010 und 2011? Damals kam in der 125er-WM kein Italiener unter die Top-Ten der Gesamtwertung.

Noch schlimmer: Simone Grotzkyi beendete diese beiden Jahre in der 125er-WM als bester Italiener auf dem 15. und 16. WM-Rang.


Auch am Saisonende 2013 fiel die Bilanz traurig aus, die italienischen MotoGP-Fans hatten damals schon eine ganze Weile nicht mehr viel zu lachen. Sogar der große Valentino Rossi hat von Oktober 2010 (Sieg in Sepang auf Yamaha) bis Ende Juni 2013 in Assen kein MotoGP-Rennen gewonnen!


In der neuen Moto3-Klasse blieb Italien 2012 nach dem Jerez-Sieg von Romano Fenati am 29. März sieglos. Es siegten Fahrer wie Cortese, Viñales, Salom, Kent – und sogar Louis Rossi. 
2013 erlebten wir in der Moto3-Nachwuchsklasse keinen einzigen Italiener-Erfolg. 2014 gewann Fenati in Argentinien, der erste Italo-Triumph nach zwei Jahren! Fenati (KTM) siegte dann auch in Jerez, Mugello und Aragón, es war der Beginn eines deutlichen Aufschwungs. Italienische Teams wie Gresini, SKY VR46, Marinelli Snipers, das San Carlo Team Italia, Platinum Bay Real Estate, Leopard Racing und zuletzt die SIC58 Squadra hielten Ausschau nach Talenten aus Italien, auch Mahindra Racing und Peugeot förderten die Talente in der CIV frühzeitig, Rossi setzte ein VR46-Team in der spanischen CEV Repsol-Meisterschaft ein und bildete heue Talente aus.

Inzwischen sind die mageren Moto3-Jahre für Italien vorbei. In der WM 2016 landeten Bastianini, Bagnaia, Di Giannantonio, Bulega, Locatelli und Fenati auf den Rängen 2, 4, 6, 7, 9 und 10. Also sechs Italiener in den Top-10! Bagnaia gewann damals zwei WM-Rennen, Bastianini eines, Fenati auch eines. Aber einen Moto3-WM-Titel haben die «Azzurri» trotzdem noch nie gewonnen.

In der Moto2-WM war aus italienischer Sicht eine Weile lang auch nicht viel los. Andrea «The Maniac» Iannone gewann zwar in den Jahren 2010 bis 2012 acht Moto2-WM-Läufe, für den Gesamtsieg kam er jedoch nie in Betracht. In der MotoGP-WM war damals aus italienischer Sicht mit Ausnahme von Rossi und Dovizioso auch nicht viel zu sehen.

2018 gewann ausser Dovizioso kein Italiener ein MotoGP-Rennen. Die MotoGP-Stars versetzten die Tifosi früher viel öfter in Ekstase. Rossi gewann zum Beispiel in Mugello von 2002 bis 2008 sieben Mal hintereinander; 2003 erkämpften Biaggi und Capirossi hinter ihm die Plätze 2 und 3, 2005 war es genau so – mit Melandri an vierter Position!

Dann kamen ein paar dürre Jahre, denn Rossi fuhr 2011 und 2012 auf Ducati. Bei den Roten gelangen ihm 2012 insgesamt nur drei Podestplätze. 2013 bei der Rückkehr zu Yamaha hat er bei 18 Rennen immerhin sechs Top-3-Ergebnisse geschafft.

Die Nachwuchssorgen der Italiener manifestierten sich in erster Linie in den WM-Kategorien Moto3 und Moto2. Die jungen Fenati, Antonelli, Tonucci und Co. standen 2013 mit ihren Honda gegen die übermächtigen KTM auf verlorenem Posten. Das zeigte sich an den WM-Positionen: 10. Fenati. 16. Antonelli. 26. Tonucci.

125 ccm/Moto3: 14 Jahre ohne Titelgewinn

Früher gewannen die Italiener (und Sanmarinesen) in der 125-ccm-Klasse einen Titel nach dem andern. Gresini (1985 und 1987), Cadalora (1986), Capirossi (1990 und 1991), Gramigni (1992), Rossi (1979), Locatelli (2000), Poggiali (2001), Dovizioso (2004) – seitdem ist Feierabend.
 Seit 14 Jahren herrscht Funkstille.

Auch in der Moto2-WM sah es 2013 nicht viel besser aus. Simone Corsi feierte mit Rang 2 auf dem Sachsenring das beste italienische Ergebnis in der ganzen Saison 2013. In der Moto2-WM kam kein Italiener in der Gesamtwertung in die Top-Ten, dafür brausten vier Spanier und zwei Schweizer in die ersten Zehn!

Die triste Azzurri-Moto2-Bilanz im Jahr 2013: 11. Corsi. 14. De Angelis. 16. Pasini, wobei wir den aus San Marino kommenden De Angelis ausnahmsweise als Italiener durchgehen lassen.

Schwer zu glauben: In der Moto2-WM fuhren damals nur zwei echte Italiener mit! In der Moto2-Klasse traten in Mugello und Misano nicht einmal italienische Wildcard-Fahrer an.

In der mittleren Klasse räumten die Italiener früher serienweise Weltmeistertitel ab. Cadalora (1991 und 1992), Biaggi (1994, 1995, 1996 und 1997), Capirossi (1998), Rossi (1999), Melandri (2002), Poggiali (2003) und Simoncelli (2009) hießen die Triumphatoren.

Aber seit 2008 (Simoncelli/GIlera/250 ccm) gingen die italienischen GP-Fahrer in der Mittelgewichtsklasse bei den Titelgewinnen leer aus – wie Rossi in der MotoGP. In der Moto2-WM hat bis 2017 (Morbidelli) nie ein Italiener den Titel abgeräumt.

Kein Rückenwind durch Aprilia

Eines ist klar: Die Italiener profitierten in ihrer glorreichen Phase zur Zweitakt-Zeit (125 und 250 ccm) von der Dominanz von Aprilia.

Italienische Fahrer wurden von vielen Teams und Fahrern aus Italien bevorzugt, später betrieb die Piaggio Group sogar mit Gilera ein siegreiches 250-ccm-Werksteam, dadurch wurden weitere italienische Piloten begünstigt – wie Marco Simoncelli. Und Piaggio übernahm dann auch noch die Marke Derbi.

So kamen begabte Nachwuchsfahrer früh zu erstklassigem Material. Roberto Locatelli gelang zum Beispiel gleich bei seinem WM-Debüt als Wildcard-Fahrer die Pole-Position. Anderseits: Marcellino Lucchi gewann als Aprilia-Testfahrer mit 42 Jahren noch seinen ersten Grand Prix (250 ccm).


Der italienische Nachwuchs hat sein Wellental durchschritten, jetzt ist ein neuer Höhenflug zu beobachten.

Italien hat seit 2017 wieder in allen die Klassen WM-Kandidaten am Start. In diesem Jahr hat Dovizioso drei Rennen gewonnen, Bagnaia acht, Baldassari eines, Pasini eines, Marini eines, Bezzecchi drei, Di Giannantonio zwei, Bastianini eines, Dalla Porta einbes – macht 21 GP-Erfolge! An der Schlagkraft der Italiener wird sich auch 2019 nichts ändern.

siehe auch

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Covid-19: Gedanken zu Lehren aus der Vergangenheit

Von Günther Wiesinger
Wer bis jetzt noch kein Verständnis für die rigorosen Maßnahmen der Regierungen und Behörden zur Covid-19-Eindämmung aufbringt, hat den Ernst der Lage nicht begriffen.
» weiterlesen
 

TV-Programm

Do. 19.03., 11:30, ORF Sport+
Formula E Street Racers
Do. 19.03., 12:35, ORF Sport+
Formel 1
Do. 19.03., 12:35, ORF Sport+
Formel 1 Grand Prix von Österreich, 1. Heimsieg von Niki Lauda 1984, Highlights
Do. 19.03., 13:00, Motorvision TV
Nordschleife
Do. 19.03., 15:10, Motorvision TV
Classic Ride
Do. 19.03., 15:35, Sky Action
Rush - Alles für den Sieg
Do. 19.03., 16:00, Sky Sport 1
Formel 1: Großer Preis von Bahrain
Do. 19.03., 16:00, Sky Sport HD
Formel 1: Großer Preis von Bahrain
Do. 19.03., 18:30, Sport1
SPORT1 News Live
Do. 19.03., 18:50, Motorvision TV
Super Cars
» zum TV-Programm
108