Tom Kristensen (Audi): Urteil zu Hamilton, Leclerc, McLaren und Verstappen
Audi-Markenbotschafter Tom Kristensen (59) stellt im Exklusiv-Gespräch mit SPEEDWEEK.com sein Sommerzeugnis aus für die GP-Sieger Hamilton, Leclerc, Norris, Piastri und Verstappen.
Vor der Sommerpause hat sich der Däne Tom Kristensen Zeit genommen, um mit SPEEDWEEK.com zahlreiche Aspekte der Königsklasse zu beleuchten. Im zweiten Teil unseres Interviews spricht der neunfache Le Mans-Sieger über die Ferrari-Stars Lewis Hamilton und Charles Leclerc, über das McLaren-Duo Lando Norris und Oscar Piastri sowie über Red Bull Racing-Champion Max Verstappen.
Tom, Lewis Hamilton kommt mit dem 2026er Ferrari erheblich besser zurecht als 2025 mit dem Flügelwagen-Ferrari. Warum ist das so? Ja, ich finde auch – Hamilton hat mit dieser Rennwagengeneration seinen alten Schmiss wiedergefunden. Lewis ist ein aussergewöhnlicher Formel-1-Pilot, er hat eine naturgegebene Aggressivität, er verlangt viel von seinem Wagen und kann blitzschnell auf neue Gegebenheiten reagieren.
Ich würde ich nicht als Kontrollfahrer bezeichnen, sondern eher als Instinkt-Piloten. Er lauert gewissermassen auf die Rückmeldungen des Autos und setzt das dann optimal um. Mit den Flügelwagen ging das so nicht. Da hatten die Piloten viel Abtrieb, aber der konnte auf einmal abreissen, und dann bist du selbst als herausragender Fahrer machtlos.
Um die so genannten Wing-Cars gefügiger oder berechenbarer zu machen, musste zum Teil eine Abstimmung gewählt werden, die einfach keine schnellen Rundenzeiten erlaubt. Die 2026er Rennwagen-Generation kommt den Qualitäten von Lewis Hamilton viel mehr entgegen, und das zeigt sich in seinen Leistungen.
Wie erklärst du dir die grossen Probleme von Charles Leclerc im ersten Teil der Saison? Das fand auch ich merkwürdig. Ich war in Silverstone und habe mich am Freitagabend mit Leclerc unterhalten. Da sagte er mir, dass er mit dem Auto im Sprint-Qualifying nicht so happy gewesen sei, aber bereits wisse, dass der Wagen im GP-Qualifying besser liegen werde.
Aus seinen Worten entnehme ich: In Silverstone hat Leclerc einen Weg gefunden, um sich besser einbringen zu können. Das Energie-Management auf der englischen Traditionsbahn erwies sich als so schwierig wie das zu befürchten war. Das hatte allerdings zur Folge, dass Charles dazu gezwungen war, sich mit dem Thema noch intensiver zu beschäftigen. Ich wittere, da hat es Klick gemacht.
Aber es ist nicht nur die Antriebseinheit. Leclerc hat zusammen mit seinen Renningenieuren auch eine Abstimmung gefunden, mit der er besser zurechtkommt. Ich höre, dass es hier nur um Details gegangen sei, ohne aber – Hand aufs Herz – sagen zu können, was genau bei Ferrari da getan worden ist. Diese Kombination von beidem, Set-up und Antriebseinheit, hat offensichtlich viel gebracht.
Welchen Eindruck hast du von McLaren? Wir konnten schon in Belgien einen Fortschritt erkennen bei McLaren, danach kam der Sieg in Ungarn. Gleichzeitig schienen die jüngsten Verbesserungen von Spa die Lücke zur Spitze verringert zu haben.
Ich schätze, der Rückstand im ersten Teil der Saison geht zurück auf den Entwicklungsfahrplan von McLaren sowie auf Nachteile beim Umgang mit der Antriebseinheit von Mercedes, das haben sie teilweise ja auch so gesagt – dass sie nicht im Detail verstehen, was Mercedes im Werksrennstall da mit dem Motor anders und besser macht.
McLaren hat mit dem Sieg in Ungarn gezeigt, dass sie im Kommen sind, und das eröffnet einige interessante Perspektiven für den weiteren WM-Verlauf. Derzeit profitiert Kimi Antonelli von einem beträchtlichen Vorsprung. Aber wenn wir in die Lage kommen, dass auf einmal zwei oder drei Autos vor Kimi ins Ziel fahren, dann kann das alles anders aussehen.
Wo steht für dich Red Bull Racing mit Max Verstappen? Sie waren am Anfang der Saison weit weg von der Spitze, und die Leistungen waren inkonstant. Doch die Fortschritte an den vergangenen paar GP-Wochenenden sind offensichtlich.
Die Situation von Max ist nicht einfach. Jeder kann sehen, wie er alles aus diesem Wagen quetscht, aber diese zwei Vorfälle mit Heckflügel-Defekten, in der Quali zum Österreich-GP und im WM-Lauf von Silverstone, so etwas geht dir als Fahrer unter die Haut.
Das ist für einen Piloten das frustrierendste Gefühl von allen, wenn der Wagen ohne jede Vorwarnung schlagartig ausbricht und du nur noch Passagier bist.
Red Bull Racing rückt der Spitze näher. Der WM-Zug 2026 ist natürlich abgedampft, aber die Fortschritte sollten der ganzen Mannschaft Mut schenken.
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