Kolumne: Brasilien-GP – eine MotoGP-Farce mit Ansage
Einstürzender Asphalt auf der Zielgeraden, Chaos im Grid, falsches Timing: Die MotoGP-Rückkehr nach Brasilien geriet zum peinlichen Improvisationsakt – mit Ansage.
Man erwartet, dass seltsame Dinge passieren, wenn der Grand-Prix-Tross zu neuen Rennstrecken in Südamerika reist. Doch was sich am vergangenen Wochenende beim MotoGP-Comeback in Brasilien abspielte, war selbst für abgebrühte Paddock-Beobachter eine negative Überraschung.
Der Anfang vom Chaos ließ nicht lange auf sich warten. Am Samstag klaffte plötzlich ein Loch im Asphalt – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Massive Regenfälle der Tage zuvor hatten einen Hohlraum unter der noch frischen Asphaltschicht geschaffen, die schließlich einfach einbrach.
Glück im Unglück: Das Loch hatte keinen Sturz eines Fahrers zur Folge, weil es sich nicht auf der Ideallinie befand. Andernfalls wäre das gesamte Rennwochenende wohl vorzeitig beendet worden. Immerhin: Die Reparatur erfolgte schneller als erwartet. Angesichts der Dimension des Schadens auf der Zielgeraden war das durchaus bemerkenswert.
Chaos und hitzige Stimmung im Grid
Doch der Sonntag setzte dem Ganzen die Krone auf. Kurz vor dem Start der MotoGP folgte die nächste Hiobsbotschaft: Die Renndistanz wurde von 31 auf 23 Runden verkürzt. Grund dafür war sich lösender Asphalt in den Kurven 11 und 12 – ein Problem, das die Fahrer auf ihrer Runde in die Startaufstellung meldeten.
Was folgte, war Chaos im Grid. Die Kommunikation kam viel zu kurzfristig, Teams und Fahrer wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Eine kurze Verzögerung hätte gereicht, um allen Beteiligten eine faire Chance zur Anpassung zu geben. Stattdessen hinterließ das
Doch der Umgang mit den Problemen ist nur die halbe Wahrheit. Die viel entscheidendere Frage lautet: Warum kam es überhaupt so weit? Hier hat die MotoGP Sports Entertainment Group (ehemals Dorna) eklatante Fehler gemacht.
Klare Fehler der MotoGP-Verantwortlichen
Der Termin im März war von Beginn an fragwürdig. In Brasilien herrscht zu dieser Zeit Regenzeit – die heftigen Niederschläge in der Woche vor dem Grand Prix waren also keineswegs Pech, sondern vorhersehbar.
Ein Blick in andere Rennserien genügt: Die Formel 1 gastiert seit Jahren im Herbst in Sao Paulo, also außerhalb der regenreichsten Phase. Zudem hätte ein Herbsttermin einen weiteren Vorteil gehabt: deutlich moderatere Temperaturen. Stattdessen mussten Fahrer und Material unter extremen Bedingungen leiden.
Dann drängt sich unweigerlich die Frage auf: War der Druck zu groß, den Grand Prix bereits 2026 durchzudrücken, anstatt ihn erst 2027 mit ausreichender Vorbereitungszeit anzusetzen – inklusive eines Testlaufs durch eine andere Meisterschaft oder eines MotoGP-Tests mit Testpiloten?
Pure Ignoranz: Warum nutzte man nicht die Superbike-WM für eine Probe?
Dabei hätte es eine naheliegende Lösung gegeben. Die Superbike-WM bietet sich als Generalprobe geradezu an. Eine hochklassige Meisterschaft, die zudem ohnehin mehr Übersee-Rennen gebrauchen könnte. Zuletzt bestand der Kalender fast ausschließlich aus europäischen Events. Und das Konzept ist bewährt: In Buriram und Mandalika wurde zunächst mit der Superbike-WM getestet, bevor die MotoGP folgte.
Warum also nicht auch in Brasilien diesen Weg gehen? Ein Testlauf 2026 mit der Superbike-WM hätte mögliche Schwächen der Strecke oder Organisation deutlich früher und vor allem unter weniger öffentlichem Druck aufgedeckt.
Dieser Aspekt wirft ein bezeichnendes Licht auf den Stellenwert der Superbike-WM innerhalb der Strukturen der MotoGP Sports Entertainment Group. Seit Jahren wird die seriennähere Weltmeisterschaft eher stiefmütterlich behandelt – sportlich stark, aber strategisch oft im Schatten der MotoGP. Dass man sie nicht einmal als logische Generalprobe für ein derart sensibles Projekt wie das Brasilien-Comeback nutzt, unterstreicht diese Schieflage eindrucksvoll. Statt die Superbike-WM gezielt aufzuwerten und sinnvoll einzubinden, verzichtete man auf ein bewährtes Instrument zur Risikominimierung – und nahm lieber ein PR-Desaster in der MotoGP in Kauf.
Wenn aus großen Träumen Internet-Spott wird
Die MotoGP schuf sich völlig grundlos ein massives Kommunikationsproblem. Noch vor wenigen Wochen wurde verkündet, dass die Traumstrecke Phillip Island aus dem Kalender fällt – und dann liefert ein neues Event eine derart peinliche Vorstellung. Kein Wunder, dass Fans und Insider im Paddock mit Unverständnis reagieren.
Die Königsklasse macht sich lächerlich. In den sozialen Netzwerken kursieren bereits zahlreiche Memes, die vor allem das Loch vom Samstag aufs Korn nehmen. Die Erkenntnis ist so simpel wie ernüchternd: Die Rückkehr nach Brasilien kam zu früh – und war zu improvisiert.
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