MotoGP

Jan Witteveen: Was läuft bei Aprilia heute schief?

Von - 08.06.2019 10:40

Der ehemalige Aprilia-Renndirektor Jan Witteveen wundert sich über die aktuellen Zustände von Aprilia Racing. Er kritisiert die Strategie der Italiener, den Zeitplan und andere Aspekte.

Jan Witteveen fungierte von 1989 bis 2005 als Renndirektor uns Technical Director bei Aprilia Reparto Corse in Noale. Unter seiner Regie wurden 23 Weltmeistertitel gewonnen. Der Niederländer kritisierte die aktuelle Politik von Aprilia Racing schon vor einigen Jahren, als die Italiener mit einem modifizierten Superbike 2015 mit Marco Melandri und Álvaro Bautista in die MotoGP-WM zurückkehrten. Melandri wirkte damals lustlos, denn er wollte eigentlich die Superbike-WM mit Aprilia gewinnen. Aber Piaggio-Group-Chef Colaninno wollte ihn in der MotoGP-WM sehen und versprach ihm damals, man werde ein Sieger-Motorrad bauen und die MotoGP-WM innerhalb von drei Jahren gewinnen.

Melandri betrieb im ersten Halbjahr 2015 eine Art von Arbeitsverweigerung und wurde im August beim Indy-GP durch Stefan Bradl ersetzt, der dann eineinhalb Jahre für das Aprilia-Werk fuhr – bis zum Saisonende 2016. Dann ersetzte ihn Aprilia durch Aleix Espargaró, den Platz von Bautista übernahm Sturzkönig Sam Lowes. Mit Redding und Iannone tat sich Aprilia in den zwei Jahren danach auch keinen Gefallen. Ein Kundenteam hat Aprilia deshalb bis heute nicht gefunden.

Fakt ist: Aprilia hat seit dem Weggang von Gigi Dall'Igna im Oktober 2013 unter Albesiano nur einen WM-Titel gewonnen, und zwar 2014 durch Sylvain Guintoli in der Superbike-WM. Das Motorrad hatte noch Dall'Igna genaut, der jetzt bei Ducati von Sieg zu Sieg eilt. Aprilia Racing (insgesamt 54 WM-Titel) hingegen ist nur noch ein Schatten seiner selbst.

«Ich habe nie verstanden, warum Aprilia 2015 in die MotoGP-WM zurückgekehrt ist, das war reine Zeitverschwendung, weil das Claiming-Rule-Bike nicht konkurrenzfähig war. Außerdem kamen 2016 die Michelin-Reifen und die Einheits-ECU von Magneti Marelli, Aprilia hat also 2015 nichts gelernt», hält Jan Witteeven fest.

Durch das Herumgeistern auf den GP-Strecken 2015 verzögerte sich bei Aprilia die Fertigstellung des reinrassigen und kompakteren RS-GP-16-Motors um ca. vier Monate bis Ende Dezember 2015.

«Wir brauchen jetzt eine halbe Saison, bis wir die neue ECU verstehen», seufzte Rennchef Romano Albesiano damals. Er ließ die Wintertests großteils mit der hauseigenen APX-Elektronik fahren, um bei den Rundenzeiten etwas besser auszusehen. 2016 ließ er dann beim ersten Spielberg-Test im Juli die Transponder abmontieren, um beim öffentlichen Testdebüt von KTM nicht blamiert zu werden. Sämtliche Teammitglieder drehten sich kopfschüttelnd um. Eine umsichtige und vorwärts gewandte Strategie sieht anders aus.

Der ehemalige Aprilia-Renndirektor Witteveen will seine Nachfolger in Noale nicht durch den Kakao ziehen. Er weiß, dass bei Aprilia Racing ein riesiger personeller Aderlass stattgefunden hat. Das begann mit Witteveen selbst, setzte sich mit Gigi Dall‘Igna fort und ging mit MotoGP-Projektleiter Marco Bertolatti (für fünf Jahre bei KTM) weiter, zuletzt verabschiedete sich noch Motoren-Designer Mario Manganelli zum F1-Team von AMG-Mercedes.

Die fragwürdigen MotoGP-Fahrerverpflichtungen (Lowes, Redding und Iannone) von Aprilia will Witteveen nicht kommentieren. Aber er verdreht vielsagend die Augen. «Das sind sportliche Aspekte. Wenn das Motorrad funktioniert und konkurrenzfähig ist, ist es auch einfacher, gute Fahrer zu bekommen», betont der Niederländer. «Als Aprilia 2015 in der MotoGP neu angefangen hat, haben sie den Superbike-Motor übernommen und adaptiert. So haben sie ein Jahr vergeudet. Beim CRT-Bike wurde die Kupplung wie bei einem Straßenmotorrad verwendet. Sie mussten dann für 2016 ein echtes MotoGP-Motorrad bauen. Für so ein Projekt brauchst du ein System und eine Rennsport-Struktur, damit es funktioniert. Das hat es bei Aprilia anscheinend nicht ausreichend gegeben.»

Romano Albesiano beklagte sich oft, KTM verfüge dank Red Bull über mehr Geld.

Aber aus unerfindlichen Gründen tanzte Aprilia trotz des knappen Budgets weiter auf zwei Hochzeiten – und zog sich erst Ende 2018 aus der Superbike-WM zurück, als sich beim besten Willen kein Team mehr fand.

Witteveen: «Ich glaube nicht, dass sie bei Aprilia zu wenig Geld haben. Wenn sie das Budget, das sie haben, effektiv einsetzen würden, dann würde das auf jeden Fall reichen. Wenn ich das Geld für unsinnige Bereiche falsch ausgebe, fehlt es dann für nützliche Bereiche.»

Verwunderlich: Aprilia hat als einziger der sechs MotoGP-Hersteller keine eigenen MotoGP-Teamplätze. Man hat sich mit Fausto Gresini verbündet.

Auch Aprilia-Testfahrer Matteo Baicco war eine komplette Fehlbesetzung – zwei Jahre lang. Er war 4 bis 5 sec zu langsam. was er für gut befand, wurde von den Stammfahrern meist nach wenigen Runden als unbrauchbar ezeichnet.

Albesiano war früher bei Cagiva tätig, als die Italiener die 500er-WM bestritten. Inzwischen stellt sich die Frage, ob Albesiano über genügend technisches Wissen verfügt, um sein Projekt in der MotoGP-WM nach vorne zu kommen. Aleix Espargaró spricht jeder Woche von Rückschritt oder Stillstand. 2017 stand er besser da als heute. «Albesiano ist ein gelernter Aerodynamiker. Er kommt aus der Flugzeug-Industrie», kann sich Witteveen ein Schmunzeln nicht verkneifen. «Im Fahrwerksbereich hat er sicher genug Verständnis.»

Jedenfalls hat Aprilia bei der Teamvorstellung schon 2017 den fünften Gesamtrang als Saisonziel ausgerufen. Am Ende reichte es für den 15. Gesamtrang. In der Konstrukteurs-WM unterlag Aprilia 2017 und 2018 gegen Neuling KTM. In diesem Jahr bahnt sich die nächste Niederlage an.

Das Mugello-Ergebnis:

1. Petrucci. 2. Márquez. 3. Dovizioso. 4. Rins. 5. Nakagami. 6. Viñales. 7. Pirro. 8. Crutchlow. 9. Pol Espargaró. 10. Quartararo. 11. Aleix Espargaró. 12. Mir. 13. Lorenzo. 14. Abraham. 15. Iannone. 16. Oliveira. 17. Zarco.

Der WM-Stand nach 6 von 19 Rennen:

1. Márquez 115. 2. Dovizioso 103. 3. Rins 88. 4. Petrucci 82. 5. Rossi 72. 6. Miller 42. 7. Crutchlow 42. 8. Viñales 40. 9. Nakagami 40. 10. Pol Espargaró 38.

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