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Training: Was die MotoGP-Asse vom Motocross abschauen

Von - 20.07.2019 00:01

Dungey, Anderson, Osborne, Webb – Aldon Baker führte schon einige große Namen zum Erfolg. In Sachen Trainingsmethoden scheinen sich die MotoGP-Piloten ein Beispiel daran zu nehmen.

Es ist sehr ungewöhnlich, dass in dieser geheimnisvollen, selbstsüchtigen und fast paranoiden MotoGP-Welt etwas geteilt wird. Natürlich gibt es Respekt, Solidarität, Klatsch und sogar Freundschaften, aber es steht auch immer viel auf dem Spiel. Jeder weiß, dass ein stetiger Strom von neuen Talenten nur darauf lauert, dir den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Es scheint ein gefährliches Terrain zu sein und es ist auch nicht schwer, eine gewisse Distanz zwischen den Teams, aber auch unter den Fahrern selbst auszumachen.

Im Motocross-Zirkus findet man ein ähnliches, wenngleich viel abgeschwächteres Phänomen. Vielleicht liegt es an den weniger spektakulären Wurzeln des MX-Sports, an dem vergleichsweise geringen Reichtum der Piloten (obwohl Red Bull-KTM-Star Jeffrey Herlings zu den bestbezahlten Athleten der Motorradsport-Szene zählt), oder vielleicht ist es ein größeres Maß an Einfühlungsvermögen unter den Fahrern. Sie sind großteils gemeinsam mit dem Sport aufgewachsen, haben Verletzungen erlitten, trainieren gemeinsam und treten auch bei Rennen, die keinen WM-Status besitzen, gegeneinander an.

Es könnten sogar gewisse Parallelen zu den Formel-1-Fahrern der sechziger Jahre gezogen werden, die Berichten zufolge eine verschworene Bande waren. Zusammengeschweißt von der allgegenwärtigen Todesgefahr und einem unglaublich dichten Kalender, da die Fahrer oft in mehreren Rennserien antraten – neben der Formel 1 und Formel 2 auch bei der Langstrecken-WM und Sportwagenrennen.

Es war interessant zu hören, wie der ehemalige MX-WM-Pilot Tallon Vohland kürzlich in Zach Osbornes «Shifting Gears Podcast» sprach. Der Amerikaner reflektierte die Kameradschaft des WM-Fahrerlagers im Vergleich zu den US-Rennen, wo die Stimmung zwischen den Fahrer angespannter ist. Das konnte ich dank meiner bescheidenen Erfahrung, die ich bei ausgewählten Supercross-Events in den letzten fünfzehn Jahren sammeln konnte, selbst teilweise feststellen, aber die Atmosphäre war vom Konkurrenzkampf einiger großer Namen wie Carmichael, Stewart, Reed und Villopoto sowie vom dichten und stressigen Terminkalender geprägt.

Als der anerkannte Riding-Coach Aldon Baker begann, die von ihm betreuten Fahrer im selben Gebiet (Florida) und in einem Trainingscamp unterzubringen und gemeinsam trainieren zu lassen, galt das als abenteuerlich. Viele hielten es für unmöglich, diese Alpha-Tiere zusammen in einem Käfig zu halten. Die Antwort fiel mit einer Reihe von nationalen und internationalen Titeln mehr als deutlich aus. Die Idee, dass die Konkurrenten unter der Woche gemeinsam trainieren und an den Wochenenden gegeneinander antraten, entwickelte sich schnell zu einem Modell, das von anderen Teams und Herstellern übernommen wurde.

Das gemeinsame Training von Fahrern ist nichts Neues, insbesondere für Teamkollegen, doch die unmittelbare Nähe zu den direkten Konkurrenten war ungewöhnlich. Musquin, Dungey, Anderson, Osborne, Tickle und Webb schienen zusammen eine völlig unrealistische Mischung zu sein, aber es hat funktioniert.

In der MotoGP-WM scheint die Idee noch abenteuerlicher. Klar ist Cal Crutchlow mit Jack Miller befreundet und Marc Márquez verbringt viel Zeit mit seinem Bruder Alex. Es gibt auch eine kleine Truppe von Fahrern, deren Wege sich in Andorra hin und wieder kreuzen. Als ich vor zwei Jahren Maverick Viñales interviewte, stießen wir in demselben kleinen Fitnessstudio auch auf Alex Rins und Jorge Lorenzo.

Ducati-Werkspilot Andrea Dovizioso ist bekanntlich ein begeisterter Motocrosser, er ist mit viel Eifer dabei. Ich habe über die Jahre mit Fahrern beider Disziplinen gesprochen und es ist klar, dass sie Motocross als technischer einstufen und damit mehr Freiheiten verbinden. Es ist gar nicht so schwer zu verstehen, warum Dovizioso (und ein guter Teil der MotoGP-Asse) vom Motocross und den Lehren, die man daraus mitnehmen kann, fasziniert ist. Er hat die Erfolge der Baker's Factory sicherlich neugierig verfolgt.

Als Danilo Petrucci, selbst ein Motocross-Fan, im Winter endlich ins Ducati-Werksteam kam, sah Dovizioso seine Chance. Er fährt seit sieben Jahre für das Werksteam aus Borgo Panigale Rennen, aber er hatte nie einen Teamkollegen, mit dem er auf einer Wellenlinie war. 2012 unterschrieb er bei Tech3 und versuchte, ein Bündnis mit Crutchlow einzugehen, aber die Chancen auf eine Zusammenarbeit waren minimal. Danach waren die Voraussetzungen mit Nicky Hayden (Verletzungsprobleme), Andrea Iannone (Persönlichkeit) und Jorge Lorenzo (ein weiteres Alpha-Tier) denkbar schlecht.

Der begeisterungsfähige, bodenständige und gleichgesinnte Petrucci war für Dovizioso die Chance, eine neue Herangehensweise an das Training auszuprobieren und vielleicht dieses Extra zu finden, um es mit Marc Márquez, seinem Widersacher in den vergangenen zwei WM-Jahren, aufnehmen zu können.

Dovizioso und Petrucci sind gemeinsam im Off-Road-Bereich unterwegs, analysieren und vertrauen aufeinander, wenn es um einen komplizierten und sensiblen Job geht, in dem die Zeit auf der Rennmaschine limitiert und kostbar ist. Sogar in den freien Trainings-Sessions gehen sie zusammen auf die Strecke und arbeiten am Set-up.

Man könnte argumentieren, dass Dovizioso Petrucci nicht als Titelanwärter sieht (oder gesehen hat), weshalb er ihn fast wie einen Bruder aufnahm. Während Márquez wohl besser als je zuvor in der MotoGP-Klasse unterwegs ist, ist «Petrux» der, der am meisten von der Konstellation profitiert hat: Drei Podestplätze in Folge und sein erster GP-Sieg bedeuten, dass er noch nie näher an der Spitze des WM-Klassements war, während sich Dovizioso nach dem unglücklichen Ausfall in Barcelona zurück kämpfen muss.

«Ich glaube, dass Danilo sich in dieser Saison verbessert hat, weil er mehr an sich geglaubt und sein Potential verstanden hat; in der Vergangenheit hat er nicht wirklich daran geglaubt und seine Stärken nicht wirklich analysiert und realisiert», lobte «Dovi» seinen Trainingspartner nach dessen Premierensieg beim Heim-GP in Mugello.

«Das gemeinsame Training ist wie bei Aldon Baker, aber auf eine andere Art und Weise», ergänzte der zweifache MotoGP-Vizeweltmeister. «Leider können wir in unserem Sport nicht auf dem MotoGP-Bike trainieren. Wir müssen etwas anderes finden. Aber jedes Mal, wenn wir auf die Flattrack- oder MX-Strecke gehen, pushen wir uns gegenseitig. Das bringt uns ans Limit. Wir gehen ein Risiko ein, aber es ist Teil unseres Sports. Ich glaube, dass es funktioniert, weil wir zum Glück beide vom Motocross kommen, also haben wir eine ähnliche Basis.»

Petrucci mag zwar sagen, dass er und Dovi «unterschiedliche Dinge verfolgen» (und der 33-jährige Dovizioso verfügt im Vergleich zum 28-jährigen Petrucci über zehn GP-Jahre und 87 Podestplätze mehr), aber die Ergebnisse lassen aktuell nicht unbedingt darauf schließen. Dovizioso fordert immer noch, dass die Desmosedici sich verbessert. Dazu kommt, dass er einem Márquez in Bestform gegenüber steht.

Der Spanier seinerseits profitiert von einem schnellen und jungen Familienmitglied, das zwar nicht ganz auf seinem Level ist, aber immer noch ein wirksamer Antrieb (Dovi gibt hingegen zu, dass Petrux im Moment der schnellere Motocross-Fahrer ist). Márquez hat als Fahrer bekanntlich wenig Probleme, auch nicht mit anderen Leuten auf der Motocross-Maschine, aber wenn es um den Status geht, steht er immer eine Stufe darüber.

«Wenn du alleine trainierst, ist es nicht dasselbe, also trainierst du mit jemanden», erklärte der Honda-Star. «Außerdem gehe ich trainieren, weil es Spaß macht. Es ist kein Training, es ist mein Hobby. Nicht nur für mich und meinen Bruder, wir haben immer drei oder vier Freunde um uns. Einer ist Jose [Luis Martinez, ehemaliger Spanischer Motocross-Meister]. Wir finden immer ein sehr gutes Level. Wir fahren, wie es Valentino auf der Ranch macht. Das ist der Weg, um sich zu verbessern. Natürlich besteht auch das Risiko, sich zu verletzen, aber das ist das Leben.»

Der neunfache Weltmeister Valentino Rossi setzt ebenfalls auf den «Gruppen-Effekt» und umgibt sich selbst mit der jugendlichen Energie der VR46 Riders Academy, um seine eigene Leidenschaft für das Rennfahren auszuweiten und fit und konkurrenzfähig zu bleiben. Seit zwei seiner Schützling in der MotoGP-Klasse angekommen sind, könnte sich die Dynamik in der Academy aber verändern. Rossi muss das Ticken seiner Uhr mehr als je zuvor hören, während sich die Struktur mehr in Richtung Baker's Factory entwickelt. Trotzdem: Dass der Italiener mit 40 Jahren immer noch so schnell ist, zeugt von der unglaublichen Kraft der Gruppe.

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Musquin, Webb und Osborne trainieren unter Aldon Baker gemeinsam © Instagram/aldon104 Musquin, Webb und Osborne trainieren unter Aldon Baker gemeinsam Baker mit dem SX-Champion 2017 Dungey © KTM/Simon Cudby Baker mit dem SX-Champion 2017 Dungey
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