Produkte
Kolumne
Dunlop Renndienst: Ende und Anfang einer Ära
Erst eigenständiges Unternehmen in Hanau, dann Verkauf an Goodyear und jetzt an Sumitomo. Der Dunlop-Renndienst bekommt nach fast 70 Jahren eine neue Heimat und eine neue Struktur.
Nach dem neuerlichem Verkauf von Dunlop nach Japan hatte schon so mancher Motorsportler hierzulande die Sorge, dass der traditionsreiche Renndienst demnächst ganz von der Bildfläche verschwinden könnte. Aber es gibt Entwarnung.
Zwar hat Dunlop nach der Übernahme durch Goodyear und dem Weiterverkauf jetzt an Sumitomo in Japan wieder einen neuen Mutterkonzern, aber der Renndienst soll unter dem Namen Dunlop bestehen bleiben.
„Wir wollen den Dunlop-Renndienst nicht einstellen, sondern im Gegenteil sehr bald neu strukturiert wieder an die Rennstrecken bringen. Aber einiges wird sicher anders, sowohl optisch wie auch organisatorisch.“ Das sagt Stefanie Olbertz, zuständig für den Dunlop- und Falken-Motorsport bei der „Sumitomo Rubber Europe GmbH“ mit Sitz im hessischen Offenbach.
Auch im Umfeld der Langstrecken-Rennserie NLS hat Dunlop unter der neuen Führung so einiges geplant. So ist das Unternehmen in der aktuellen NLS-Saison je einem Porsche 911 GT3 im Falken-Design und in Dunlop-Farben präsent. Überdies gibt es mit Dunlop als Präsenter einen NLS-Podcast mit der Kollegin Bianca Leppert. Wenn das kein klares Bekenntnis zum Motporsport ist …
Die Neustrukturierung ist auch eine gute Gelegenheit, auf die knapp 70 Jahre des Dunlop-Renndienstes mit dem bisherigen Sitz in Hanau zurückzublicken. Der Start war eher bescheiden, die die Entwicklung im weiteren Verlauf aber eine lange Erfolgsgeschichte.
„Nehmen Sie den Opel-Blitz und fahren Sie mit einem Monteur und ein paar Reifen zum Nürburgring. Dort gucken Sie mal, was es beim 1000 km-Rennen für uns zu tun gibt.“ So sprach Herrmann Stumme (damals 59), Leiter des Dunlop-Kundendienstes, im Mai 1958 zu seinem jungen Assistenten Gerhard Weber (damals 25). Wie geheißen, belud Weber den Kleinlastwagen mit 20 Reifen und den dazugehörigen Schläuchen und machte sich auf den Weg in die Eifel.
Im Fahrerlager angekommen, wurde Weber von einem Ordner die Ecke rechts vom Eingang als Lagerplatz zugewiesen. Die düstere Location glich einer Rumpelkammer, freiwillig ging da keiner rein. Sofort hängte er das mitgebrachte Spannband „Dunlop Renndienst“ auf und stapelte seine mitgebrachten Reifen.
Dann marschiert der junge Assistent zu Porsche-Rennleiter Huschke von Hanstein und fragte ihn, ob er vielleicht einen Fahrer habe, der auf Dunlop-Rennreifen starten möchte.
Huschke stellte den Kontakt zu einem schwedischen Porsche-Privatfahrer her, dessen Porsche 356 B mit dem „Super-Sport“-Serienreifen bestückt wurde.
Damit wurde dieses Mai-Wochenende am Ring im Mai 1958 zur Geburtsstunde des deutschen Dunlop-Renndienstes mit Stumme als Leiter und Weber als Assistent. Bevor Herrmann Stumme sechs Jahre später in den Ruhestand ging, berief er den Assistenten Gerhard Weber zum Nachfolger und übergab ihm die Amtsgeschäfte.
Als erstes kümmerte sich der neue Chef um eine solidere Basis für seinen Renndienst. Er sorgte für eigene Räumlichkeiten in Hanau, erkämpfte sich einen eigenen jährlichen Etat, stockte das Personal auf und ließ einen Büssing-Omnibus zum Renndienst-Fahrzeug umbauen. Dunlop-Rennkunden konnten sich fortan aus einem Sortiment von vier verschiedenen Reifenmischungen mit Profil bedienen.
Ein grüner Punkt an der Flanke stand für Allround- und Allwetterreifen, der Weißpunkt war besonders weich und als reiner Regenreifen gedacht, Gelbpunkt galt als gängiger Trockenreifen und Rotpunkt war wegen seiner knüppelharten Mischung nur für längere Distanzen mit mehr als drei Stunden Renndauer zu gebrauchen.
An Privatfahrer gab der Renndienst die Reifen zum subventionierten Selbstkostenpreis ab, Dunlop-Vertrags-Piloten erhielten die Pneus zu Sonderkonditionen, Werksrennställe wie Porsche, BMW oder Mercedes wurden je nach Vereinbarung auch zum Nulltarif ausgestattet.
Zur noch kleinen Mannschaft stießen auch die Rennreifen-Techniker Dieter Glotzbach und Gerd Knospe. Die beiden ergänzten sich prächtig und arbeiteten mit Weber Hand in Hand. Peter Prywer als Allroundmann und Kundenberater machte die Kern-Mannschaft komplett. Zusammen mit den Reifen-Monteuren wuchs die Dunlop-Renndiensttruppe bis in die 70er Jahre auf rund 15 Mitarbeiter.
Längst hatte man in der Hanauer Direktionsetage erkannt, wie wichtig der hauseigene Renndienst fürs Image und die Werbung war. Immer öfter wurden Serienprodukte mit den erzielten Renn- und Rallye-Erfolgen beworben. Neben der klassischen Rundstrecke entdeckte Dunlop die Rallye Monte Carlo speziell in den 60er Jahren als ideales Werbefeld.
Als Rauno Aaltonen 1967 im Mini-Cooper für das Hanauer Unternehmen den sechsten Monte-Sieg erzielte, ließ der um keine Werbeaktion verlegene PR-Chef Siegfried Pabst den Finnen samt Mini Cooper für einen Live-Auftritt ins ZDF-Sportstudio einfliegen. Moderator Rainer Günzler, seinerzeit selbst aktiver Rallye- und Rennfahrer, nahm sich des Themas mit Freude und Fachwissen an.
Danach gings nahtlos weiter mit BMW in der Formel 2-EM. Die Zeit zwischen 1970 bis weit in die 90er Jahre wurde zur ganz großen Herausforderung für Weber und seine Männer. Im Mittelpunkt aller Aktivitäten standen die Parade-Disziplinen Deutsche Rennsportmeisterschaft (DRM), Tourenwagen-EM, Sportwagen-WM und vor allem die 24 Stunden von Le Mans mit der berühmten Dunlop-Brücke als weithin sichtbares Wahrzeichen.
Neben den bisherigen Konkurrenten Goodyear, Firestone und Pirelli drängten auch Michelin und japanische Hersteller wie Yokohama und Bridgestone verstärkt in die populärsten Rennserien und Meisterschaften. Die Zeiten wurden für härter, Dunlop hatte es plötzlich statt mit drei mit einem halben Dutzend Herstellern zu tun und musste ständig neue Reifenmischungen entwickeln, um mit der Konkurrenz Schritt zu halten.
Fuhrpark und Personal wurden Zug um Zug aufgestockt, denn oft musste der Renndienst die Kundschaft zeitgleich bei mehreren Veranstaltungen am selben Wochenende versorgen. Dazu kam auch noch die Exklusiv-Partnerschaft mit dem Porsche-Werksteam in der Sportwagen-WM. Diese Verbindung galt als besonders innovativ und langlebig.
Immerhin erzielte Dunlop fast ein Dutzend seiner zahlreichen Gesamtsiege in Le Mans allein mit Porsche. Als Sahnehäubchen standen außerdem noch fünf Sportwagen-WM-Titel zu Buche. Das Porsche-Werksteam ging damit als der treueste und erfolgreichste Partner überhaupt in die Dunlop-Rennhistorie ein. Den berühmten Dunlop-Bogen in Le Mans. werden die Fans allerdings ab der nächsten Auflage 2026 vermissen – der Schriftzug wurde nach fast 100 Jahren durch Goodyear ersetzt.
Nur noch drei von 14 möglichen DTM-Titeln konnten die Hanauer bis zum Ende der Erstauflage der Rennserie 1996 nochmals an Land ziehen. Erst die neue DTM ab 2000 brachte wieder frischen Erfolg - Dunlop war dort für die ersten Jahre konkurrenzloser Alleinausrüster. Die Ära Weber war zu dieser Zeit längst beendet, der Renndienstchef hatte schon 1994 nach mehr als 40 Dunlop-Jahren seinen wohlverdienten Ruhestand angetreten.
Webers Verweildauer als Renndienstchef wird wohl ein Rekord für die Ewigkeit bleiben, denn Nachfolger Piringer übernahm schon sieben Jahre später eine neue Aufgabe im europäischen PKW-Produktmanagement. Danach amtierte Manfred Theisen für vier Jahre, bevor er innerhalb des Konzerns nach England ging und durch Enzo Scaramella ersetzt wurde. Ab 2007 verantwortete der ehemalige Kart- und Clio V6-Meister Michael Bellmann die Aktivitäten der deutschen Dunlop Motorsport-Organisation, bis auch er ins Produkt-management des Hauses wechselte. Als letzter amtierender Renn-Chef bei Dunlop gilt Alexander Kühn.
Gerhard Weber, in Bruchköbel bei Hanau zu Hause, ist im Februar 2020 im Alter von 86 Jahren gestorben. Aus vielen Gesprächen mit ihm weiß ich, dass er gerne an die fast 40 Jahre an der PS-Front zurückdachte. „Neben den Erfolgen waren es vor allem die persönlichen Freundschaften, die man im Laufe der Zeit geschlossen hat und die noch heute Bestand haben.“ So erinnern sich auch viele berühmte Renn-Profis sehr gerne und dankbar an die gemeinsamen Jahre.
Als besonders großer Weber-Fan galt Hans-Joachim Stuck, dessen Karrierestationen eng mit Dunlop verknüpft waren. „Ob bei BMW, Ford, Porsche oder Audi – ohne den richtigen Reifen im richtigen Moment wäre so mancher Sieg oder Titel nicht machbar gewesen. Mit der Dunlop-Mannschaft zusammen zu arbeiten, war stets ein Vergnügen. Vor allem Herrn Weber, der sogar noch meinen Vater auf dem Weg zu seinem letzten Meistertitel 1960 betreut hat, verdanke ich unglaublich viel.“
Auch Stefan Bellof hatte zu Lebzeiten nie vergessen, dass ihm Weber mit kostenlosen Reifensätzen die ersten Starts in der Formel Super V ermöglicht hat und auch einer der großen Fürsprecher war, als es bei Porsche Ende 1982 um seine Aufnahme ins Werksteam ging.
Nach dem Verkauf an Goodyear und der aktuellen Übernahme durch Sumitomo jetzt also ein Neustart des Dunlop-Renndienstes mit den Japanern, in deren Konzern auch die Reifenmarke Falken zu Hause ist.
Schon gesehen?
Newsletter
Motorsport-News direkt in Ihr Postfach
Verpassen Sie keine Highlights mehr: Der Speedweek Newsletter liefert Ihnen zweimal wöchentlich aktuelle Nachrichten, exklusive Kommentare und alle wichtigen Termine aus der Welt des Motorsports - direkt in Ihr E-Mail-Postfach