Marco Bezzecchi: Warum es falsch wäre, den Aprilia-Helden abzuschreiben
Es ist nicht lange her, da schien kein Weg an Marco Bezzecchi auf Aprilia vorbeizuführen. Dann der harte schnelle Absturz auf WM-Rang 4. Doch der Traum vom MotoGP-Titel ist noch nicht ausgeträumt.
Am letzten Sonntag im Mai lag über dem Autodromo von Mugello eine bunte Wolke der Ekstase. Gefeiert wurden Marco Bezzecchi und Aprilia, nach dem Triumph aber in der Heimat, in ganz Italien. Ein Italiener als Sieger des Heim-GP mitsamt WM-Führung, das gab es zwar schon auch 2023 mit dem späteren Weltmeister Pecco Bagnaia, doch der von Menge getragene «Bez» ging auch so in die Geschichtsbücher der WM ein.
Sechs Wochen nach dem Karrierehöhepunkt fand sich Bezzecchi am anderen Ende der emotionalen Skala wieder. Inmitten der intensiven Phase vor der Sommerpause mit zehn Rennen in sechs Wochen waren dem Held des Aprilia-Projekts nicht nur die WM-Führung, sondern auch die Gesundheit abhandengekommen. Zwei Highspeed-Stürze in sieben Tagen hinterließen Narben. Der Crash am Sachsenring führte zum Bruch des Schlüsselbeins und kostete Bezzecchi wieder die volle Punktzahl.
Extreme MotoGP: Vom Tabellenführer auf WM-Rang 4 in wenigen Wochen
Genauso stark wie Marco Bezzecchi in die Saison startete, genauso niederschmetternd die Bilanz der letzten vier Events vor der Pause. Nach sieben glorreichen Veranstaltungen mit acht Podiumsplatzierungen gingen bis zum Pausengong nach dem Deutschland-GP nur noch 13 Punkte auf Bezzecchis Konto.
Bemerkenswert: Auch im Erfolgsteil der laufenden Saison fuhr Marco Bezzecchi alles andere als fehlerfrei. So endeten drei der ersten vier Sprintrennen im Kiesbett – doch jeweils gelang der Konter mit Siegen oder Spitzenplatzierungen am wichtigeren GP-Sonntag.
Sowohl Teammanager Paolo Bonora als auch Technik-Chef Fabiano Sterlacchini unterstrichen in der langen Phase der WM-Tabellenführung die hervorragende Ausbildung von Bezzecchi. In Sachen mentaler Stärke kann es der Lockenkopf 2026 mit den Champions der Klasse aufnehmen – so das Urteil aus der Box von Aprilia Racing. Absolut glaubwürdig, wäre da nicht der Kurzschluss nach dem nächsten Sprint-Crash in Brünn gewesen.
Der Eklat im tschechischen Kies zeigte, wie schmal der Grat zwischen «souverän« und «außer Kontrolle» ist. Falsch dürften allerdings jene liegen, die das Auszucken als Beweis für Bezzecchis Unreife und damit für die Unfähigkeit, um den Titel in der MotoGP zu fahren, ansehen. Bekanntermaßen sind auch Weltmeister, Legenden und Ausnahmekönner nicht unfehlbar. Um auf Asphalt zu bleiben, reicht der Blick ins VR46-Ausbildungslager. Großmeister Valentino Rossi selbst war es, der 2015 im tropischen Duell mit Marc Marquez die Kontrolle über sich selbst verlor.
Der feine Unterschied. Als Rossi Marquez in Sepang auflaufen ließ, war «VR46» neunfacher Weltmeister. Und – die Situation mit folgender Strafe war es, die Rossi den zehnten Titel kostete. Marco Bezzecchi hingegen ist in Sachen WM-Titeln ein noch unbeschriebenes Blatt. Bezzecchi selbst machte daraus nie ein Geheimnis und erdrückte bewusst jedes Gespräch zum WM-Titel im Ansatz.
Die Weltmeisterschaft ist offen – Bezzecchi wieder der Jäger
Der extreme Verlauf der bisherigen MotoGP-Saison macht jedenfalls einen präzisen Ausgang der WM unmöglich. Mit Blick auf Marco Bezzecchi haben die ersten elf Events demonstriert, wie man Selbstbewusstsein gewinnt – aber auch verliert. Auch wenn der Italiener die zweite Hälfte von Position 4 – zwei Ränge hinter Marc Marquez – und mit 22 Punkten Rückstand auf den Tabellenführer aus der eigenen Mannschaft angeht, hat auch Marco Bezzecchi es noch selbst in der Hand, zurück an die Spitze zu finden. Ein Blick auf die Tabelle und die Erkenntnis, auf einer Aprilia zu sitzen, dürfte dabei hilfreich sein.
Während die gesunden Athleten im Aktivurlaub sind und die Sonnenseite der Pause genießen, hat Marco Bezzecchi die Türe hinter sich zugezogen. Seine letzten Worte: «Eine schwere Zeit, aber wir sind stärker. Jetzt lasse ich mich wieder fit machen, dann gehe ich wieder an die Arbeit. Nichts wird mich dazu bringen, aufzugeben.»
In gut einer Woche macht sich die MotoGP auf den Weg nach Silverstone. 2025 ging dort ebenfalls ein denkwürdiger GP über die Bühne. Der scheinbar unbesiegbare Marc Marquez ging zu Boden, konnte nach einem Rennabbruch wieder an den Start gehen – Platz 3. Der Sieger in Silverstone hieß dagegen: Marco Bezzecchi.
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