Die ewige Frage: Ist ein WM-Titel heute mehr wert als früher?
Seit Jahren brodelt in der Welt der Motorrad-WM die offene Frage, ob WM-Titel heute einen höheren Stellenwert als früher genießen. Der italienische Funktionär Giovanni Copioli bezog dazu Stellung.
Angel Nieto gewann 13 Weltmeistertitel. Giacomo Agostini 15. Valentino Rossi 9. Doch seit einigen Jahren schwelt in der Motorrad-Weltmeisterschaft eine Debatte, die an den Grundfesten dieser Zahlen rüttelt: Sind Titel in der früheren 50-ccm- oder 125-ccm-Klasse gleichwertig mit einem MotoGP-Triumph? Und wer darf das überhaupt entscheiden?
Giovanni Copioli, Präsent des italienischen Motorradverbands, nahm kein Blatt vor den Mund. «Für mich ist ein Weltmeistertitel ein Weltmeistertitel», entgegnete er seinem Host Andrea Migno in dessen Podcast auf diese Frage. «Unabhängig davon, in welchem Moment der Titel errungen und in welcher Kategorie. Wer damals in seiner Klasse gewann, war Weltmeister – Punkt.»
Die Logik der Gegenseite – die Formel 1 lässt grüßen
Die Beweggründe hinter der Debatte sind nachvollziehbar: Die MotoGP soll als «Königsklasse» aufgewertet werden, ähnlich der Formel 1, wo nur der Weltmeister als wahrer Champion und bester Monoposto-Pilot der Welt gilt. Wer in der Formel 2 gewinnt, ist Formel-2-Weltmeister – nicht Weltmeister schlechthin.
Doch die Motorrad-WM fußt seit jeher auf mehreren Kategorien gleichzeitig. Nieto fuhr nie MotoGP – weil es sie zu seiner Zeit noch nicht gab, diese Ära wurde erst 2002 eingeführt. Ihm nachträglich Titel abzuerkennen oder abzuwerten, käme einer Geschichtsrevision gleich. Dasselbe gilt für Agostini, der in einer Ära dominierte, in der die 350-ccm- und 500-ccm-Klasse die Spitze des Sports darstellten. Die Kategorien haben sich im Laufe der Jahrzehnte technologisch bedingt geändert, die Leistung der Fahrer innerhalb ihrer jeweiligen Epoche aber nicht.
Das generationelle Wahrnehmungsproblem – die Recency Bias
Hinzu kommt der Faktor, der in der Diskussion selten benannt wird: der sogenannte Recency Bias (zu deutsch: Aktualitätsfaktor), also die kognitive Tendenz, jüngere Ereignisse und Personen als bedeutsamer wahrzunehmen als ältere, weil sie im Gedächtnis präsenter sind. Wer mit Rossi aufgewachsen ist, fiebert seinen Titeln anders entgegen als jenen von Nieto oder Agostini – Piloten, die ein Großteil der Fangemeinde nicht live erlebt hat und mit denen man sich kaum identifizieren kann. Das ist menschlich verständlich, aber kein sachliches Argument. Die Gefahr besteht darin, dass diese emotionale Verzerrung schleichend in die offizielle Geschichtsschreibung einsickert und aus einem Gefühl eine Tatsache wird.
Für Copioli sind «Agostinis Titel seine 15 Titel, Rossis Titel sind seine 9 Titel. Sie sind keine zweite Wahl.» Auch FIM-Präsident Jorge Viegas äußerte sich ähnlich. Immerhin existiert mit den MotoGP Legends seit einigen Jahren ein offizielles Programm, das die großen Namen der Sportgeschichte ehren und die Erinnerungskultur pflegen soll.
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