Serie «Vergessene Flugplatzrennen» – Folge 8: Kassel Calden
Flugplatzrennen gehörten bis zur Jahrtausendwende fast 50 Jahre lang zu den populärsten Motorsport-Events in Deutschland und Österreich. Wir erinnern an einige der über 30 ehemals so beliebten Events.
Der 2,6 Kilometer lange Flugplatzkurs von Kassel-Calden gehörte ab 1971 bis 1987 zu den populärsten Veranstaltungen dieser Art in Deutschland. Als Veranstalter fungierte der ADAC Hessen im Verbund mit dem örtlichen Kurhessischen Motorsportclub Kassel.
Das Premiere-Rennen fand im August 1971 statt, zunächst mit verschiedenen Tourenwagenklassen, Formel 3, Sportwagen und Formel V. Auch Motorrad-Meisterschaftsläufe bereicherten das weitere Programm.
Der Kurs hatte auf den ersten Blick kaum Schwierigkeiten zu bieten – Gerade, Gegengerade, Wendepunkte oben und unten, dazu die üblichen Strohballen-Schikanen. Und doch gab es eine knifflige Passage in Gestalt eines abzweigenden U-Bogens direkt vor dem Tower. An dieser Stelle wurden entscheidende Sekunden-Bruchteile verloren oder gewonnen, zumal die Ausfahrt-Passage des U-Teils gleich anschließend nach einem sehr kurzen geraden Stück eine schnelle Mut-Rechtskurve mündete. Rein fahrerisch wurden in diesem Bereich die Bruchteile der Rundenzeiten unter den Top-Piloten entschieden. Und manchmal auch ebenso gravierende wie teure Schwächen offenbar. Ich selbst habe bei zwei Starts im R5-Cup 1976 und 1977 die Tücken des U-Bogens erlebt und kann mich an Konkurrenten erinnern, die hier im Zeitlupentempo unmittelbar vor mir umgekippt sind. Überdies habe ich mehrere Calden-Veranstaltungen im Auftrag des ADAC Hessen als Streckensprecher begleitet.
Mit dem Einzug der Deutschen Rennsport-Meisterschaft (DRM) ab 1972 sowie ab 1976 auch der Formel-3-Europameisterschaft gewann das Rennen zunehmend an internationaler Bedeutung. Ausgerechnet hier auf dieser Strecke verlor der neunfache Saisonsieger und spätere DRM-Titelgewinner Hans-Joachim Stuck (Ford Capri RS) 1972 zum ersten und einzigen Mal gegen seinen Marken-Kollegen Klaus Fritzinger. Der hatte mit seinem privaten Capri RS Stucks unglaubliche Dauer-Siegesserie für einmal unterbrochen.
Überhaupt die DRM, in Calden ein Kapitel für sich, zumindest 1976. Da rief die DRM-Interessenvertretung IPT zum ersten und einzigen Boykott des Rennens auf. Teams und Fahrer waren gehalten, dem Rennen fernzubleiben, weil man sich mit dem ADAC Hessen im Vorfeld nicht über die Höhe der Start- und Preisgelder einigen konnte.
IPT-Chef Wolfgang Schöller damals: «Wer nicht zahlen will, muss leiden. Wir sind schließlich kein Hobby-Verein mit Wohlfahrts-Status.» So folgten beim Rennen am 22. August 1976 tatsächlich die professionell agierenden Profi-Teams von Ford, BMW und Porsche dem Boykott-Aufruf und verzichteten auf einen Start in Calden.
Das war die Stunde der reinen DRM-Privatfahrer, die sonst gegen die großen Teams so gut wie chancenlos waren. So gingen die Siege in der großen Division über 2 Liter Hubraum an Jürgen Neuhaus (Porsche Carrera RSR), in der kleinen Division unter 2 Liter Hubraum an Peter Hennige (BMW 2002).
Trotz der Streik-Episode blieben die DRM und auch die Formel-3-EM bis in die 80er-Jahre das Herzstück der Rennen auf dem privat betriebenen Bedarfsflugplatz von Calden. Auch für die Zweirad-Fraktion gab es bei abgetrennten Events in Calden ebenfalls was zu sehen – wiederholt wurden hier auch Läufe zur Deutschen Motorrad-Meisterschaft ausgetragen.
Unvergessen bleiben die wilden Formel 3 EM-Schlachten ab 1976 u.a. mit Nelson Piquet, Riccardo Patrese, Jan Lammers, Michele Alboreto, den Fabi-Brüdern Teo und Corrado, Emanuele Pirro oder Derek Daly. Fast ein ganzes späteres Formel-1-Feld ist hier im Laufe der Jahre in der Formel 3 gestartet und hat die amtierenden Rennleiter oft genug zur Verzweiflung gebracht.
Als einziger Deutscher hat Mike Korten aus Krefeld 1979 einen F3-EM-Lauf in Calden gewonnen. Bis zu 20.000 Zuschauer strömten auf den Flugplatz, um die Stars der beiden Parade-Rennserien Formel 3-EM und DRM zu bestaunen.
Ab 1987 fand er Spaß allerdings ein unerwartetes Ende, weil die Betreiber-Gesellschaft keine weiteren Genehmigungen mehr erteilte. Überdies sickerten Pläne durch, nach denen das Land Hessen gleich neben dem bislang genutzten Gelände einen neuen, voll funktionsfähiger Verkehrsflughafen mit Verbindungen zu wichtigen Urlaubs-Zielen bauen will.
Dieses Vorhaben wurde mit Baubeginn gut 20 Jahre später auch tatsächlich realisiert. Zwar gab es ab 2017 noch mal für einige Jahre ein Comeback für Classic-Events auf dem alten Flugplatz-Parcours. Gleich nebenan lief um diese Zeit bereits der Flugverkehr auf dem für rund 270 Millionen Euro komplett neu gebauten und im April 2013 eröffneten Verkehrsflughafen Kassel Calden.
Die Corona-Pandemie verhinderte ab 2020 weitere historische Rennen auf dem Alt-Gelände, das inzwischen zu einem Industrie-Gewerbepark umfunktioniert wurde. Womit das Flugplatzrennen Kassel Calden nur noch in den Geschichtsbüchern des Motorsports seinen festen Platz hat – wie so manch anderer Standort mit großer Rennsport-Vergangenheit.
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