BMW wünscht sich mehr EWC-Rennen – aber nicht um jeden Preis
BMW-Motorsportdirektor Sven Blusch spricht über die Zukunft der Langstrecken-WM, den starken Frankreich-Fokus und die Unterschiede zwischen den legendären 24-Stunden-Rennen auf zwei und vier Rädern.
Die Langstrecken-Weltmeisterschaft erlebt seit einigen Jahren einen sportlichen Aufschwung. Immer mehr Hersteller engagieren sich werksseitig, die Leistungsdichte steigt und die Rennen sorgen regelmäßig für Spannung. Dennoch umfasst der Kalender der FIM Endurance World Championship weiterhin lediglich vier Veranstaltungen: Le Mans, Spa, Suzuka und das Bol d’Or. Aus Sicht von BMW-Motorsportdirektor Sven Blusch könnte die Serie durchaus wachsen – allerdings nur unter den richtigen Voraussetzungen.
«Mehr Rennen sind immer ein Thema. Das würden wir durchaus begrüßen», sagte Blusch im exklusiven Gespräch mit SPEEDWEEK.com. Gleichzeitig warnt der Deutsche davor, Expansion um ihrer selbst willen zu betreiben. Für den früheren BMW-Automobilsportmanager steht die langfristige Stabilität der Meisterschaft im Vordergrund.
«Wir wissen auch, dass die Umsetzung schwierig ist. Für uns ist wichtig, dass die vier Events, die es aktuell gibt, auch sicher sind. Wir unterstützen aber die Idee, mehr Rennen zu haben.» In der Vergangenheit gab es immer wieder Diskussionen über zusätzliche Veranstaltungen außerhalb Europas. Blusch sieht darin durchaus Potenzial, mahnt aber zur Vorsicht.
«Die Frage ist, ob wir weltweit fahren wollen. Es ist einfacher, sich in Europa zu bewegen. Ein Rennen in Nord- oder Südamerika wäre auch spannend. Wichtig für uns ist, dass sich die Serie nachhaltig entwickelt», betonte der BMW-Manager.
Damit spricht er ein Problem an, das viele Beteiligte beschäftigt. Neue Veranstaltungen sorgen zwar kurzfristig für Aufmerksamkeit, doch wenn sie nach wenigen Jahren wieder verschwinden, profitiert die Meisterschaft langfristig kaum davon.
Warum die Langstrecke für BMW sehr wichtig ist
BMW gehört inzwischen zu den wichtigsten Unterstützern der Serie. Neben dem offiziellen BMW Motorrad World Endurance Team sind mit ERC Endurance und AutoRace Ube Racing Team weitere sehr konkurrenzfähige BMW-Mannschaften in der Spitzenklasse vertreten.
«Endurance gehört zur DNA von BMW. Deshalb möchten wir die Serie stärker unterstützen», betonte Blusch. «Wir haben uns bemüht, mehr Motorräder im Feld zu haben – es gibt die Kundenteams ERC sowie AutoRace Ube, was unser offizielles Team aus Japan ist. Das lässt sich auch auf die Stockklasse projizieren.»
Ein weiteres Thema ist die starke Konzentration der Meisterschaft auf Frankreich. Mit Le Mans und Le Castellet finden aktuell zwei der vier Saisonläufe in Frankreich statt. Hinzu kommen zahlreiche französische Teams, Fahrer und Sponsoren. Blusch sieht die Bedeutung des französischen Marktes, wünscht sich aber zugleich eine stärkere internationale Ausrichtung. «Die Internationalisierung der Rennen ist wichtig», erklärte er. «Wir müssen Wege und Möglichkeiten finden, dass sich mehr Fans die Rennen anschauen.»
Wie begeistert man die Fans für die EWC?
Die besondere Natur des Langstreckensports macht dies jedoch nicht einfach. Während Sprintveranstaltungen kompakte Unterhaltung bieten, erstrecken sich die EWC-Klassiker über acht oder sogar 24 Stunden. «Das ist bei Endurance besonders schwierig, weil sich nur wenige die Rennen über die kompletten 24 Stunden anschauen», sagte Blusch. «Wichtig ist, zusammen mit dem Promoter über neue Ideen nachzudenken, wie man das Programm vor Ort größer machen kann. Man muss sich Gedanken machen, wie man die Leute an die Strecke oder vor den Fernseher bekommt.»
Durch seine langjährige Tätigkeit im Automobilsport kann Blusch zudem direkte Vergleiche zwischen den berühmten Langstreckenrennen auf zwei und vier Rädern ziehen. Besonders die körperlichen Anforderungen für die Fahrer unterscheiden sich seiner Meinung nach deutlich. «Die Belastung auf der Fahrerseite sticht heraus», erklärte er. «Beim Auto hat man unterschiedlich lange Stints. Wenn man einen Doppelstint fährt, kommt man auf knapp drei Stunden. Mit drei Fahrern hat man also etwa fünf Stunden Pause zwischen den Stints. In dieser Zeit kann der Fahrer zur Ruhe kommen.»
Auf dem Motorrad sehe die Situation völlig anders aus. «Beim Motorrad wechselt man durch. Die physische Belastung ist eine ganz andere. Anstrengend ist beides. Doch wenn noch die Witterung dazukommt – ich erinnere mich an drei Grad und Nieselregen –, ist es eine sehr anspruchsvolle Situation.»
Auch bei der Dimension der Veranstaltungen erkennt Blusch Unterschiede. Die legendären 24 Stunden von Le Mans für Automobile zählen zu den größten Einzelsportveranstaltungen der Welt.
«Wenn ich mich nicht irre, dann zählen die 24 Stunden der Autos zu den drei größten Sport-Einzelevents», sagte er. «Es kommen 350.000 bis 400.000 Fans.»
Dennoch zeigte er sich auch vom Motorradklassiker beeindruckt. «Bei den Motorrädern waren die Tribünen beim Start voll. Die Atmosphäre war toll, als die französische Hymne lief.» Für Blusch war das Rennen in Le Mans eine besondere Erfahrung. Abgesehen von den Suzuka 8 Hours hatte er zuvor noch kein 24-Stunden-Motorradrennen vor Ort erlebt.
Großes Lob für Werner Daemens Mannschaft
Dabei fiel ihm vor allem die Arbeit des BMW-Teams um Werner Daemen auf. Der Belgier führt das BMW Motorrad World Endurance Team seit Jahren und genießt innerhalb des Projekts großes Ansehen. «Für mich war es das erste 24-Stunden-Rennen. Zuvor war ich nur in Suzuka vor Ort», erzählte Blusch. «Bei meinem Besuch in Le Mans fiel mir erneut auf, wie unglaublich gut die Arbeit von Werner ist.»
Entsprechend groß ist die Wertschätzung innerhalb der BMW-Familie. «Wir können uns so glücklich schätzen, ihn mit seiner Truppe an Bord zu haben. Es ist eine schöne Zusammenarbeit», schwärmte Blusch. «Das Herzblut, das Werner reinsteckt – er hat immer den Blick nach vorne. Wir können uns keinen besseren Markenbotschafter vorstellen.»
Während BMW sportlich auf den ersten EWC-Sieg der Saison hinarbeitet, blickt Blusch also bereits über den Tellerrand hinaus. Sein Wunsch für die Zukunft ist klar: mehr Rennen, mehr Internationalität und mehr Reichweite – allerdings nur auf einem nachhaltigen Fundament.
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