Manuel Gonzalez: Der mentale Wandel des WM-Leaders
Moto2-WM-Leader Manuel Gonzalez erklärt, warum er seine Denkweise komplett verändert hat – und weshalb ihn genau diese Gelassenheit in diesem Jahr stärker macht.
Manuel Gonzalez präsentiert sich 2026 so konstant wie nie zuvor. Der Moto2-WM-Leader hat in dieser Saison nicht nur fahrerisch einen großen Schritt gemacht, sondern auch seine Herangehensweise an die Rennwochenenden grundlegend verändert.
Im exklusiven Gespräch mit SPEEDWEEK.com erklärt der Spanier, warum für ihn Trainingsbestzeiten heute kaum noch eine Rolle spielen, wie er gemeinsam mit seinem Team den Fokus stärker auf das Rennen gelegt hat und weshalb ihm gerade diese neue Gelassenheit im Titelkampf hilft.
Letztes Jahr waren Canet, Dixon, Vietti oder Arbolino deine Hauptkonkurrenten. In diesem Jahr hat sich die Verfolgergruppe ziemlich verändert. Analysierst du deine Konkurrenten oder konzentrierst du dich lieber ausschließlich auf deine eigene Arbeit? Wir alle kennen die Stärken und Schwächen der anderen ziemlich gut. Wir wissen, wie jeder fährt und wie er sich im Rennen normalerweise verhält. In diesem Jahr ist es so, dass es fünf oder sechs Fahrer mit einem sehr ähnlichen Niveau gibt, und das macht es schwieriger, sich auf einen einzigen zu konzentrieren. Vor jedem Grand Prix kann man sich je nach Strecke vorstellen, wer stärker sein wird, aber dann entscheidet das Rennwochenende.
Fährst du unterschiedlich, je nachdem, wen du vor dir hast? Ja. Jeder Fahrer erfordert eine andere Strategie. Manche sind sehr berechenbar, andere weniger. Bei einigen Fahrern weiß man genau, wie sie reagieren werden, bei anderen gibt es immer einen gewissen Unsicherheitsfaktor. Auch diese Erfahrung gehört zum Rennsport dazu.
Was hast du aus dem letzten Jahr gelernt, das dir geholfen hat, diesen Sprung zu schaffen? Ich habe gelernt, dass man sich nicht zu sehr auf die gesamte Meisterschaft fixieren darf. Letztes Jahr habe ich zu Beginn der Saison viele Punkte in Rennen verloren, in denen ich deutlich mehr hätte holen können. Dieses Jahr versuche ich, viel gelassener zu bleiben und mich ausschließlich auf das nächste Rennen zu konzentrieren. Mein einziges Anliegen ist es, an diesem Wochenende das Maximum herauszuholen.
Habt ihr auch die Arbeitsweise mit dem Team geändert? Sehr stark. Jetzt legen wir den klaren Schwerpunkt auf das Rennen. Wir fahren viel mehr Runden mit gebrauchten Reifen, um zu verstehen, wie sich das Motorrad verhält, wenn es wirklich darauf ankommt. Das gibt mir viel Selbstvertrauen, denn ich gehe am Sonntag mit dem genauen Wissen ins Rennen, wie ich den Reifenverschleiß managen muss und wie sich das Motorrad während des Rennens entwickeln wird.
Trotzdem verläuft ein Rennen nie genau so, wie man es vorbereitet hat. Bist du in der Lage, zu improvisieren? Ja. Die Erfahrung hilft dabei sehr. Es treten immer wieder neue Situationen auf, und man muss sich anpassen. In Ungarn zum Beispiel hatte ich nicht erwartet, dass Salac dieses Tempo vorlegen würde, und er zwang mich dazu, meine Strategie komplett zu ändern. Während eines Rennens kann man Dinge lernen, indem man einem anderen Fahrer folgt, oder kleine Details im Fahrstil anpassen, die am Ende den Unterschied ausmachen.
Lernst du auch, indem du andere Fahrer beobachtest? Natürlich. Normalerweise fahre ich im Training alleine, weil man so am besten arbeiten kann, aber wenn ein anderer Fahrer vor einem ist, entdeckt man Details, die von außen nicht zu erkennen sind. Es gibt kleine Unterschiede bei der Linienführung, beim Bremsen oder beim Beschleunigen, die man nur sieht, wenn man hinterherfährt.
Man hat den Eindruck, dass du dieses Jahr anders fährst. Auf jeden Fall. Meine Herangehensweise an das Rennwochenende hat sich stark verändert.
Inwiefern? Früher wollte ich jederzeit der Schnellste sein. Ich wollte im Training und im Qualifying führen. Jetzt nicht mehr. Mein Ziel ist es, erst dann Erster zu sein, wenn das Rennen vorbei ist. Alles andere ist viel weniger wichtig.
Aber wenn man im Training führt, sendet das auch eine Botschaft an die Rivalen. Ja, aber das währt nur sehr kurz. Man kann an einem Freitag Erster werden, und ein paar Stunden später erinnert sich niemand mehr daran. Wenn man hingegen am Sonntag gewinnt, wird die ganze Woche über von einem gesprochen. Diese veränderte Sichtweise hat mir viel Gelassenheit gegeben.
Würdest du sagen, dass du früher mit zu viel Nervosität an den Start gegangen bist? Ja. Letztes Jahr habe ich mir selbst viel Druck gemacht, weil ich immer vorne sein wollte. Jetzt gehe ich zwar immer noch auf die Strecke, um mein Bestes zu geben, aber mental bin ich viel gelassener, und dadurch fahre ich auch besser.
Bist du selbst zu diesem Schluss gekommen oder mit Hilfe von jemandem? Das war eine persönliche Erkenntnis. Allerdings arbeite ich auch schon seit meinem elften oder zwölften Lebensjahr mit einem Sportpsychologen zusammen. Der mentale Aspekt war mir schon immer sehr wichtig, und ich glaube, er ist eine meiner Stärken.
Verlierst du manchmal die Nerven? Sehr selten. Und wenn ich mich mal ärgere oder es nach außen zeige, dann normalerweise, weil ich mich bewusst dazu entscheide. Nicht, weil ich wirklich die Kontrolle verloren hätte.
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