Aragon: «Regierung schätzt Risiko als zu hoch ein»

Von Ivo Schützbach
WTCR

Vom 30. Oktober bis 1. November findet in Aragon der vorletzte Event der Tourenwagen-WM statt. SPEEDWEEK.com sprach mit MotorLand-Geschäftsführer Santiago Abad darüber, was uns erwartet.

Erst Mitte September begann in Zolder die Tourenwagen-WM 2020, anschließend fuhr der Tross auf dem Nürburgring. Im Oktober folgen die Events auf dem Slovakiaring, Hungaroring sowie im MotorLand Aragon, bevor Mitte November auf dem Adria Raceway in Italien das Finale steigt.

Je nach Land erleben wir wegen der Covid-19-Seuche derzeit sehr unterschiedliche behördliche Bestimmungen. SPEEDWEEK.com sprach mit MotorLand-Geschäftsführer Santiago Abad, wie es in Aragonien laufen wird.

Santiago, werden für den WTCR-Event in Aragon Zuschauer erlaubt sein?

Die Gesundheitsbehörden in Aragon haben die Autorität, solche Dinge zu entscheiden. Wir haben ihnen ein Konzept für die zwei Superbike- und MotoGP-Events sowie die Tourenwagen-WM vorgelegt, wir haben fünf WM-Veranstaltungen innerhalb zwei Monaten.

Wir haben uns entschieden, diese fünf Rennen ohne Zuschauer auszurichten.

Auf unserer Rennstrecke können wir 16.000 Zuschauer unter Einhaltung der empfohlenen Abstände unterbringen, auch der Ein- und Auslass bereitet uns keine Sorgen. An der Rennstrecke lassen sich die Leute einfach kontrollieren, unser Problem ist das Drumherum in der Stadt. Wie wollen wir verhindern, dass viele Leute auf einem Haufen sind und Party feiern?

Die Gesundheitsbehörden in Aragon haben deshalb beschlossen, dieses Jahr lieber vorsichtig zu sein.

Spanien wurde von vielen Ländern als Risikogebiet eingestuft. Wie beurteilst du die aktuellen Zahlen der Neuinfizierten?

Die Regierungen sind sehr vorsichtig und beobachten die Zahl der Erkrankten im Sommer genau. In der Provinz Aragonien sind die Behörden sehr transparent mit den Zahlen, es wurden sehr viele Menschen getestet. Anhand der Fallzahlen könnte man meinen, dass Aragonien vor anderen Regionen in Spanien oder Europa liegt, was die Infizierten betrifft. Bei uns stecken sich aber nicht mehr Menschen an als anderswo, es werden aber verhältnismäßig deutlich mehr getestet. Es hat sich auch gezeigt, dass 70 Prozent der Infizierten keinerlei Krankheitssymptome zeigen. Für mich ist das Risiko, sich in Aragonien anzustecken, nicht höher als anderswo.

Die letzten Wochen gingen die Fallzahlen in unserer Region zurück, während sie in anderen Provinzen und Ländern zunahmen.

Kann man davon ausgehen, dass die Zahl der registrierten Infizierten steigt, wenn man einen höheren Prozentsatz der Bevölkerung testet?

Richtig. Wir hatten höhere Zahlen bei uns auf dem Land, als in Ballungsräumen wie Madrid und Barcelona. Das ist nicht normal.

Stimmt es dich nicht traurig, dass ihr vor leeren Rängen fahren müsst?

Natürlich bin ich traurig, ich liebe den Rennsport. Wenn ich aber daran denke, dass wir alle drei Monate zuhause sitzen mussten und jetzt wieder Rennen haben, dann bin ich glücklich.

Wir mussten alle Kalender ändern und haben eng mit den verschiedenen Promotern zusammengearbeitet. Es sah länger danach aus, als würde es keine Rennen geben.

Mich freut es, wenn wir bei anderen Rennen wieder Zuschauer sehen. Unser Protokoll würde das auch erlauben, die Regierung in Aragonien schätzt das Risiko aber als zu hoch ein. Wir wollen keine Schlagzeilen machen, weil durch den Besuch eines Rennens womöglich die Zahl der Erkrankten steigt.

Wir müssen sicherstellen, dass es 2020 Rennsport gibt. Wir alle müssen arbeiten und Geld verdienen, um weitermachen zu können. Nächstes Jahr sind die Zuschauer dann hoffentlich zurück.

Wie deckt ihr eure Kosten, wenn ihr keine Tickets für die Rennen verkaufen dürft?

Das Motorland Aragon gehört zu 100 Prozent der öffentlichen Hand in Aragonien. Es wurde gebaut, um Leute in die Region zu bringen. Jetzt fragst du dich natürlich, wer in die Region kommen soll, wenn keine Zuschauer erlaubt sind. Aber während der Rennen hier haben 1500 Menschen Arbeit – in Restaurants, Hotels und vielem mehr. Sie sorgen in Alcaniz für guten Profit.

Der wirtschaftliche Aspekt ist wichtig, aber ebenso die Werbung für unsere Region, die wir mit so einem WM-Event weltweit bekommen. In Aragonien gibt es mehr als Motorsport. Die Pyrenäen sind nahe, bei uns gibt es viel Wintersport. Es gibt auch viele Sehenswürdigkeiten, für uns ist der Tourismus ein sehr wichtiger Faktor. Außerdem sind wir nach Madrid das wichtigste Logistikzentrum Spaniens, über den Flughafen in Saragossa laufen sehr viele Güter.

Die sozialen Aspekte sind für eine Firma der öffentlichen Hand auch sehr wichtig, nicht nur Gewinn. Die Show muss weitergehen – wir müssen zurück zum normalen Leben.

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