MotoGP: Die Glorreichen Vier unter der Lupe

Von Günther Wiesinger
Vermischtes Sonstiges
Valentino Rossi: Ein buntes VLF am Kragen

Valentino Rossi: Ein buntes VLF am Kragen

Eine Vorhersage zum Ausgang der MotoGP-WM ist wie Kaffeesatzlesen. Wir versuchen es mit einer sachlichen Analyse.

Für die MotoGP-WM 2013 wird eine Vormachtstellung der «Glorreichen Vier» erwartet;  wir reden da von Weltmeister Jorge Lorenzo, Dani Pedrosa, Valentino Rossi und Marc Márquez. In Wirklichkeit sollte es auf ein Duell Lorenzo gegen Pedrosa rauskommen. Aber die Papierform wird im Motorsport oft über den Haufen geworfen.

Dafür gibt es zahllose Beispiele. Franco Uncini gewann 1982 die 500er WM als krasser Aussenseiter, im Jahr davor war er WM-Zwölfter. Aus dieser Position stürmte Haruchika Aoki 1995 zu seinem ersten 125-ccm-WM-Titel. Er hatte vorher nur einen Podestplatz errungen. Und an Stefan Bradls Moto2-Titelgewinn 2011 glaubte auch kaum jemand – er startete als Vorjahres-Neunter in die Saison.

Deshalb gebe ich ungern Prognosen ab. «Vorhersagen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen», hat sich schon der dänische Physiker und Nobelpreisträger Niels Bohr zur Frage nach der Zukunft der Quantenphysik geäußert. Ein prächtiges Bonmot.

Bei jeder Prognose kommen persönliche Sympathien ins Ziel, dazu vielleicht Wunschdenken. Manches wird verklärt – oder vergessen.

Lorenzo ist der logische Favorit
Ganz nüchtern betrachtet müsste man Jorge Lorenzo als haushohen Favoriten darstellen. Er hat in sechs Jahren zwei Titel gewonnen, zwei in den letzten drei Jahren, er hat 2012 alle Rennen auf Platz 1 oder 2 beendet, ist nur einmal aus eigenem Verschulden gestürzt, er hat mit der Yamaha das beste Paket mit dem geringsten Reifenverschleiss. Und er hat bei den Wintertests einen fulminanten Rennspeed gezeigt. Nervenstark ist er auch.

Gegen Dani Pedrosa (Repsol-Honda) liesse sich einiges ins Treffen führen. Er ist bei sieben Versuchen bisher jeweils am Titelgewinn gescheitert, er ist körperlich fragil und verletzlich, mit seinen 54 kg übersteht er kaum einen Sturz unbeschadet, seine Knochen sind nicht sehr widerstandsfähig, auch jetzt leidet er schon wieder an Nackenbeschwerden und einem Hexenschuss. Pedrosa steht unter Druck: Eine weitere Niederlage gegen Lorenzo würde ihm ein Loser-Image bescheren, bei Honda ist er die Nr. 1, aber der überragende Marc Márquez wird dort bereits für die Zukunft aufgebaut und verhätschelt.

Jetzt oder nie. So lautet die Devise von Pedrosa.

Unvorbereitet, wie ich mich habe, fallen mir aus dem Stegreif etliche Argumente für den 27-jährigen Routinier ein, der als fahrerisches Genie und Blitzstarter gilt. Dani hat in den letzten zwei Saisondritten 2012 sieben GP-Siege errungen und den zweiten WM-Rang, er ist im Vorjahr aus Stoners grossem Schatten getreten, er hat momentan das beste und stärkste Motorrad, er hat die Wintertests in Sepang dominiert, er verfügt über die Kunst, ein ganzes Rennen lang Spitzenzeiten aus dem Ärmel zu schütteln, er hat im Regen zu neuer Stärke gefunden.

Ausserdem sagte Pedrosa im Winter: «Nach einer verletzungsfreien Saison habe ich wieder richtig Freude am Rennfahren gefunden.»

Rossi – ist er ein Anwärter?

Naja, und da haben wir noch Valentino Rossi, auch kein ganz unbeschriebenes Blatt.

Neun WM-Titel, 105 GP-Siege.

Wenn das nicht als Performance-Nachweis reicht, bringen wir ein paar weitere Fakten ins Spiel. Rossi hat schon Giganten wie Biaggi und Gibernau zermürbt, er hat Stoner nach dem Laguna-Seca-GP 2008 kleingekriegt. Sein Ruf hat sogar das Ducati-Dilemma ohne Schrammen überstanden, sein Charisma, sein unterhaltsames Englisch, sein loses Mundwerk, seine vielen unvergesslichen Darbietungen (Sieg in Australien trotz Zeitstrafe, Überholmanöver gegen Gibernau 2005 in Jerez, die Überrumpelung Lorenzos in der Zielkurve in Barcelona 2010 und so weiter) haben ihn zu einem Weltstar gemacht.

Nur einmal habe ich Valentino vier Tage völlig sprachlos und unfröhlich erlebt. Das war in Brünn 2007, als ihm die italienische Guardia Finanza einen 65-Millionen-Euro-Steuerstrafe androhte, weil er behauptet hatte, seinen Wohnsitz in London zu haben, in einem möblierten 45-Quadratmeter-Zimmer, das er angeblich sogar mit seinem damaligen Manager Gibo Badioli teilte.

Rossi ist einzigartig. Welcher andere Superstar dürfte jahrelang – noch dazu in den heiligen Nationalfarben – an seinem Lederkombikragen das Kürzel WLF zur Schau tragen? Das steht für «Viva la figa» und heisst (vornehm ausgedrückt): Lang lebe das weibliche Geschlechtsmerkmal.

Márquez muss Geduld lernen
Kommen wir zu Marc Márquez. Er gilt als neuer Rossi, er hat dessen unbändigen Siegeswillen, eine kompromisslose Einstellung, er sieht gut aus, hat ein professionelles Umfeld, hat sich – wie einst Rossi – in den kleinen Klassen die besten Teams und die beste Unterstützung gesichert, er hat – wie Rossi – für die Königsklasse sofort einen Platz bei HRC erhalten. Und während Rossi damals den legendären Jeremy Burgess an seiner Seite hatte, hat sich Márquez die untadeligen Dienste des treuen Stoner-Cheftechnikers Christian Gabarrini gesichert.

Der Weg von Marc Márquez ist vorgezeichnet. Er wird die MotoGP-WM eines Tages dominieren. Vielleicht schon 2014. In der kommenden Saison wird er manchmal auf Stolpersteine treffen, selbst Lorenzo stiess 2008 in seiner ersten MotoGP-Saison oft an seine Grenzen.

Márquez hat schon in der Moto2 bewiesen, 2013 auch schon in der MotoGP, dass für ihn Stürze Teil des Geschäfts sind. Er steigert sich lieber von oben nach unten... Motto: «Langsamer werden ist einfacher als schneller.» Langsame Rundenzeiten sind Zeitverschwendung.

Márquez ist ein unbeschreibliches Fahrgenie. Er hat von dieser Seite keinen Gegner zu fürchten. Er kann schon bei den ersten Rennen 2013 um Siege fighten, auf jeden Fall in Texas, wo er die Tests dominiert hat. Aber auf Pisten wie Katar, Le Mans, Barcelona, Assen, Sachsenring, Mugello und so weiter, wo ihm private Tests fehlen, wird er Geduld brauchen.

Diese Charaktereigenschaft hat er bisher vermissen lassen. Auch in der entscheidenden Phase der Moto2-WM-Saison 2011. Damals stürzte er in Australien und Malaysia an vier Tagen dreimal schwer. Das ging ins Auge.

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