Ferrari: Leclerc P9, Hamilton P20, Vasseur schweigt
Normalerweise ist er einer jener, die sich Schwierigkeiten mutig entgegenstellen, dieses Mal nicht: Ferrari-Teamchef Fred Vasseur machte sich nach der Trainingsschlappe von Las Vegas unsichtbar.
Noch vor dem ersten Rennen 2026 wurden hinter den Kulissen Fahrerverträge für 2027 vorbereitet. Bei allem Neuigkeitswert dürfte das dem Sport mehr Schaden als Nutzen bringen. Ein Kommentar.
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Der Franzose Fred Vasseur weiss ganz genau, wie man in der Formel 1 geschickt auf dem Medienklavier klimpert. Er gilt intern als guter Zuhörer, aber – und seine Karriere gibt ihm recht – auch als Mann, der von seinen Mitarbeitern viel Einsatz fordert.
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Gegen aussen gibt sich Vasseur meist jovial, offen, er wirkt authentisch, Problemen begegnet er mit einem Lächeln und mit viel Schalk. So versucht er, Druck vom Kessel zu nehmen. Aber nicht in Las Vegas 2025.
Kein TV-Interview, nicht mit der italienischen Sky, nicht mit internationalen Sendern, keine Interviews mit Print- und Online-Vertretern, kein Wort in der Ferrari-Stellungnahme. Kein Auftritt im Media-Gatter nach der schlechten Quali – Charles Leclerc auf Startplatz 9, Lewis Hamilton 20. und damit Letzter. Vielleicht wird sich Vasseur gesagt haben: Besser in dieser Lage nichts sagen als das falsche. Aber so ist er normalerweise nicht. Vielleicht wollte Vasseur auch nur dem Fragen-Regen entgehen, der am Medientag auf Hamilton und Leclerc prasselte, und alle wollten natürlich nur über die harsche Kritik von Ferrari-Chef John Elkann reden. Vielleicht hat das alles auch andere Gründe, die wir nicht kennen, vielleicht sind es persönliche, die uns nichts angehen. Fakt bleibt: keine Stellungnahme von Vasseur. Das weckt keine guten Erinnerungen, denn solches Gebaren von einem Ferrari-Teamchef hatten wir schon mal. Von 2014 bis Anfang 2019 hat Maurizio Arrivabene die Geschicke des Formel-1-Rennstalls von Ferrari geleitet. Dann hat ihn Ferrari-Präsident John Elkann ersetzt, durch Technikchef Mattia Binotto. Was war passiert? Angeblich habe Elkann während der Feiertage zu Weihnachten und Neujahr beschlossen, dass die Rennabteilung von Ferrari eine andere Führung benötige. Arrivabenes Nachfolger Mattia Binotto spielte nach dem Personalwechsel eine heikle Doppelrolle – Teamchef und Technikleiter. Sebastian Vettel hatte 2018 wie im Jahr zuvor das Titelrennen gegen Lewis Hamilton und Mercedes verloren. Besonders bitter daran – Ferrari schien zu Saisonbeginn und bis in den Sommer hinein das bessere Fahrzeug zu besitzen. Fahrfehler von Sebastian Vettel, Strategiepatzer von Ferrari, vor allem jedoch eine effizientere Entwicklung bei Mercedes führten dazu, dass die Silberpfeile ab Sommer mehr Erfolg hatten, die Italiener erneut unterlagen und inzwischen seit 2007 (Kimi Räikkönen) ohne Fahrer-WM-Titel sind. Aber das verlorene Titelrennen allein war es wohl nicht. Auch der Führungsstil von Arrivabene stand damals auf den Prüfstand. Es war davon die Rede, dass er zu viel alleine entscheiden wollte, das habe bei seinen Mitarbeitern zu Murren geführt. Er habe Mitarbeiter eingeschüchtert, worüber keiner bis heute öffentlich spricht und folglich als Hörensagen eingestuft werden muss. Was keine Mutmassung ist: Arrivabene fuhr auf dem Rennplatz eine Informations-Politik etwas über dem Nullpunkt. Er war der einzige Teamchef, der über FIA-Medienrunden und einige kurze TV-Interviews hinaus für Berichterstatter nicht weiter zugänglich war. Keine besonders weise Vorgehensweise, wenn man am Ruder des berühmtesten Rennstalls der Welt steht. Der langjährige Ferrari-Designer und heutige Dallara-Chef Aldo Costa: "Bei Ferrari bist du unter ständiger Beobachtung. Die Medien machen Druck, die Tifosi machen Druck, die Aktionäre machen Druck, der Barista macht Druck, bei dem du am Morgen einen Espresso trinkst." Der berühmteste Rennstall der Welt ist zum Erfolg verdammt, und gemäss des Beispiels Fussball muss jeweils der Trainer gehen, auch wenn die Mannschaft einen Mist zusammengekickt hat. Die Saison 2022 war kritisch für Arrivabene-Nachfolger Mattia Binotto – der Schritt zu einer neuen Rennwagen-Generation wurde als grosse Chance angesehen, endlich wieder an die Spitze zu kommen und sich dort zu halten. Aber dieses Ziel ist 2022 verfehlt worden, aus vier Gründen: Mangelnde Standfestigkeit des Motors, strategische Fehlentscheidungen in den Rennen, individuelle Fehler von Charles Leclerc und Carlos Sainz sowie der Boxenmannschaft (verpatzte Boxenstopps), und letztlich konnte Ferrari dem Entwicklungsprogramm von Red Bull Racing zu wenig entgegensetzen. Seit Anfang 2023 rennt nun also Fred Vasseur dem Titel hinterher, und bei einer der seltenen Wortmeldungen meint Maurizio Arrivabene in der Tuttosport zum Stand der Dinge bei Ferrari: "Wir liegen bei Verbundwerkstoffen und Aerodynamik etwas zurück, denn wenn es um Motoren geht, sind wir immer noch besser als alle anderen." "Die Briten, vor allem in der Region um Oxford, haben diese Technologie entwickelt und sind uns voraus. Um diesen Rückstand aufzuholen, der sowohl auf Tradition als auch auf Kompetenz und Universitäten in der Nähe der Produktionsstätten zurückzuführen ist, müssen wir hart arbeiten. Aber wir holen auf." "Das erfordert Geduld, aber ich sehe Ferrari auf dem richtigen Weg. In England arbeiten 30.000 Menschen in diesem Sektor – es geht nicht nur darum, Rennen zu gewinnen, sondern auch um den industriellen Fortschritt." Arrivabene glaubt durchaus, dass Fred Vasseur die richtige Person ist, um Ferrari zum Titel zu führen, aber er gibt zu bedenken: "Ein Supersportwagen besteht aus 5000 Komponenten, und man hat vier Jahre Zeit, ihn zu perfektionieren. In der Formel 1 gibt es 50.000 Komponenten und nur sechs Monate Zeit. Wenn man da auch nur einen Fehler macht, muss man ihn die ganze Saison mit sich herumschleppen, und es ist sehr schwierig, ihn zu korrigieren."
Noch vor dem ersten Rennen 2026 wurden hinter den Kulissen Fahrerverträge für 2027 vorbereitet. Bei allem Neuigkeitswert dürfte das dem Sport mehr Schaden als Nutzen bringen. Ein Kommentar.
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Seit 2023: Fred Vasseur 2019–2022: Mattia Binotto 2014–2019: Maurizio Arrivabene 2014: Marco Mattiacci 2007–2014: Stefano Domenicali 1993–2007: Jean Todt 1992/1993: Sante Ghedini 1991: Claudio Lombardi 1989–1991: Cesare Fiorio 1978–1988: Marco Piccinini 1977: Robert Nosetto 1976: Daniele Audetto 1976: Guido Rosani 1974/1975: Luca Montezemolo 1973: Sandro Colombo 1971/1972: Peter Schetty 1968–1970: Franco Gozzi 1967: Franco Lini 1962–1966: Eugenio Dragoni 1958–1961: Romolo Tavoni 1957: Mino Amorotti 1956: Eraldo Sculati 1952–1955: Nello Ugolini 1947–1951: Federico Giberti 1935–1940: Nello Ugolini 1934: Federico Giberti 1932/1933: Mario Lolli 1930/1931: Saracco Ferrari
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