Typisch Schulten

Kolumne von Esther Babel
IDM Superbike
Michael Schulten: Vom Biker zum Hausbauer

Michael Schulten: Vom Biker zum Hausbauer

Michael Schulten verabschiedet sich ohne grosses Trara vom Rennsport. Ein paar Anmerkungen müssen dennoch sein.

Seit Wochen habe ich ein Interview mit Michael Schulten auf meiner To-Do-Liste stehen. Die kurze Notiz, in der sein Rücktritt erklärt wurde, hat mir nicht gereicht. 27 Jahre an der Spitze rum fahren. Das muss gewürdigt werden. Doch wie packe ich ein halbes Leben in ein bisschen Text rein? Ivo Schützbach und Markus Lehner, die bei SPEEDWEEK unter anderem für die Platzeinteilung zuständig sind, werden sich bedanken, wenn ich ihnen Berge von Material zuschicke. Ich habe extra gewartet, bis in der IDM sonst nicht viel los ist. Mal abgesehen davon, dass in der IDM immer was los ist.

Michis Begrüssung war klassisch. «Sie haben sich verwählt» bekam ich bei meinem Anruf zu hören. Unser Kommunikationsverhalten war seit Jahren von der deftigen Art. Wenn ich in der Vergangenheit seine Box oder seinen Wohnwagen betreten habe, bekam ich immer ein freudiges «was will die denn schon wieder hier» entgegen gerufen. «Stell dich bloss nicht schon wieder so an» kam als passende Antwort, gerne garniert mit Kosewörtern à la alter Mann, heul nicht rum oder Weichei. Doch Fragen hat er immer beantwortet. Auch fünf Minuten nach einem Rennsturz, wo andere Fahrer unausstehlich sind, kam von Schulten eine professionelle Antwort. Nie hat er versucht, anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Rumjammern war nicht sein Ding. Wenn es um die wirklich wichtigen Dinge ging, habe ich eh immer mit seiner Freundin Birgit geplaudert. Keine Ahnung, wie lange die beiden schon zusammen sind. Lange. Die arme Birgit hat es aber bis zum Schluss nicht geschafft, bei einem Rennstart richtig hinzuschauen.

Affiges Getue war nie Michis Art. Jeder macht seinen Job und gut ist. Viel Gequatsche bringt es nicht. Anstrengend waren die Jahre, als er ständig Trainingsschnellster war. Zu der Polesetter-Party kam Schulten fast immer zu spät. Er müsse noch seine Abendessen zu Ende verspeisen war stets die Antwort. Ein Mann der Prioritäten setzt. Bei unserem letzten Telefonat habe ich ihm verpetzt, dass die IDM-Führungsriege noch einen opulenten Abschied mit ihm plant. Wer braucht denn so was, war die zu erwartende Antwort. Hauptsache auf der Strecke ging es zur Sache.

Doch das Leben auf der Strecke und das Leben im Fahrerlager waren immer streng getrennt. Bei einem Supersport-Rennen konnte er Rico Penzkofer so eine mitgeben, dass dem Hören und Sehen verging. Ein paar Tage später besuchten die beiden gemeinsam ein Metallica-Konzert. Schultens Headbanger-Qualitäten werden sich wahrscheinlich auf ein kaum merkliches Kopfnicken beschränkt haben.

Als ich ihn vergangene Woche an die Strippe bekam, erwischte ich Schulten auf dem Gerüst an seinem neuen Haus. Wie zu erwarten keine Schicki-Micki-Bude mit Chrom und Glas, sondern eine alte Hütte, Jahrgang 1924, die erstmal von Grund auf saniert werden muss. Es ist anzunehmen, dass er seine alten Kumpels aktiviert hat, die früher auch an seinen Motorrädern schraubten. Und am Abend wird Schulten wie gehabt den Grill anschmeissen und ein kühles Blondes geniessen.

Warum ich ihn vermissen werde? Über sein Team hat er nie abgelästert. Auch wenn es noch so schlecht lief. Doch zu allen anderen Dingen, wie Streckensicherung oder IDM-Organisation hatte er immer eine Meinung. Das was vielen Fahrern fehlt. Mit seiner Meinung hielt er nie hinterm Berg. Auch wenn sie nicht immer gut ankam.

Doch er bleibt mir auch in Zukunft erhalten. Für SPEEDWEEK werde ich ihn nach dem einen oder anderen Rennen anrufen und fragen, was er denn von der ganzen Sache hält. Ich bin auf seine Kommentare gespannt. Wahrscheinlich begrüsst er mich beim nächsten Anruf mit einem «falsch verbunden» oder «du störst». Michael Schulten wird sich auch in seinem nächsten Leben treu bleiben.

Die Jungs in der Redaktion hatten ein Einsehen mit mir und liessen eine Seite springen.

Das Interview mit Schulten gibt es in SPEEDWEEK Nummer 16 zu lesen, ab dem 7.April am Kiosk.

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