FIM-Stewards: Breite Front gegen Spencer & Co.

Von Günther Wiesinger
Die FIM-Stewards machten sich in Jerez endgültig lächerlich, weil sie Franco Morbidelli wegen «ambitionierter Fahrweise» bestraften. Jetzt steigen Fahrer, Werke und Teams auf die Barrikaden.

Beim Motorrad-GP von Spanien in Jerez platzte einigen Teamchefs und Fahrern der Kragen, weil der umstrittene «FIM MotoGP Stewards Panel» mit Freddie Spencer, Andres Somolinos und Tamara Matko am Samstag Franco Morbidelli und am Sonntag Fabio Quartararo mit einem Long Lap Penalty bestrafte. Sie waren in Zwischenfälle mit Alex Márquez und Marco Bezzecchi beziehungsweise Miguel Oliveira involviert, die von fast allen anderen Beobachtern als normale Rennunfälle eingestuft wurden.

Am Sonntag wurde auch noch Weltmeister Pecco Bagnaia zu einer «Drop one position»-Strafe verdonnert, weil er Jack Miller beim Überholen nicht weiträumig umfahren hatte. «Wenn man nimmer überholen darf, müssen sie uns das sagen», wunderte sich sogar KTM-Berater Heinz Kinigadner.

Jenes Gremium, das beim Portugal-GP nicht fähig war, ein wasserdichtes Urteil für den «double long lap»-Penalty nach der Hauruck-Aktion von Marc Márquez gegen Miguel Oliveira und Jorge Martin zu verfassen, weshalb die Strafe jetzt peinlicherweise und erwartungsgemäß annulliert werden musste, schrieb Yamaha-Werkspilot Morbidelli nach dem Einspruch des Teams am Samstag im Jerez ein ganz übles Verhalten nach. Er sei «ambitioniert» ans Werk gegangen, beklagte Ex-Seitenwagen-GP-Sieger Ralph Bohnhorst, der den «Appeal» des Teams behandelte und ihn natürlich in die Tonne klopfte.

Warum sollte er seinem Kollegen Freddie Spencer in den Rücken fallen, mit dem er schon häufig friedlich das «FIM MotoGP Stewards Panel» gebildet hat?

Wie glaubwürdig ist eine Rechtsprechung, bei der ein Funktionär an einem Wochenende Mitglied jenes Gremiums ist, dessen Urteil er bei nächstbester Gelegenheit annullieren soll, wenn es angefochten wird?

Und welche juristische Ausbildung haben die Mitglieder des glorreichen «FIM MotoGP Stewards Panel» genossen?

Offenbar keine nennenswerte, deshalb werden die Betroffenen Spencer & Co. vor, es existiere keine erkennbare Konstanz bei den Urteilen, es herrsche Willkür.

In anderen Sportarten wie zum Beispiel im Fußball müssen sich die Referees langsam hocharbeiten. Jeder Schiri beginnt im Amateur-Fußball, wer sich bewährt und nachvollziehbare Entscheidungen trifft, wird als Schiedsrichter in die nächsthöhere Liga befördert. Die Qualität wird von ausgewiesenen Experten in den Gremien in den Verbänden beurteilt, die die jeweiligen Referees für den Aufstieg und höhere Aufgaben empfehlen. Nur die Besten ihres Fachs werden dann FIFA-Schiedsrichter und pfeifen an der Weltmeisterschaft oder in der Champions League. Sie müssen auch dann noch regelmäßig Kurse und Weiterbildungsseminare besuchen und absolvieren.

Wie sieht das Ausleseverfahren in der ach so professionellen MotoGP-Weltmeisterschaft aus?

Da sucht irgendein Stegreifkomödiant des Weltverbands FIM ein paar reiselustige und unterbeschäftigte Funktionäre oder Ex-Rennfahrer zusammen, die dann restlos überfordert sind und unter Zeitdruck über Heil und Unheil der Teams, Werke und Fahrer urteilen.

Vor ein paar Jahren nahm sich Race Director Mike Webb notfalls mehr Zeit, studierte die Aufnahmen in Ruhe und sprach das Urteil erst am Donnerstag vor dem nächsten Grand Prix aus. Damals wurden noch «penalty points» (Strafpunkte) verteilt.

Die Strafmaßnahmen sahen damals folgendermassen aus: Bei insgesamt vier Strafpunkten musste der Sünder einmal vom letzten Startplatz losfahren. Bei sieben Strafpunkten wurde ein Rennstart aus der Boxengasse hinter dem Feld fällig. Wer saisonübergreifend innerhalb von 18 Rennen zehn Punkte einsammelte, bekam die rote Karte – und musste beim nächsten Rennen pausieren.

«Drei Jahre lang hat es nur die Moto3-WM betroffen, aber sie bekommt ja kein Gehör. Jetzt ist auch die MotoGP dran», ärgert sich Liqui-Moly-Husqvarna-Teambesitzer Peter Öttl. «Die Stewards haben uns mit ihren Fehlentscheidungen schon viele Wochenenden zerstört.»

Immer wieder ärgern sich betroffene «Sünder», Freddie Spencer sei anderen Argumenten gegenüber nicht aufgeschlossen. Asse wie Jack Miller werfen ihm Uneinsichtigkeit vor. 

«Die Stewards lassen keine andere Meinung gelten», wettern die Teammanager.

Weil beim Jerez-GP mit Morbidelli und Quartararo gleich zwei Yamaha-Werkspiloten umstrittene Strafen bekamen, wurde von einigen Kollegen im Media Centre sogar der Verdacht geäussert, der ehemalige Honda-Superstar Freddie Spencer habe mit Yamaha noch eine Rechnung offen.

Wie auch immer: Die Verantwortlichen von Yamaha Motor Racing sprachen in Jerez von «absurden Entscheidungen, die den Sport zerstören, wenn es so weitergeht». Offenbar haben die empörten Yamaha-Manager diese Meinung auch gegenüber der FIM zum Ausdruck gebracht.

Die Penaltys von Jerez haben das Fass zum Überlaufen gebracht. Spencer & Co. sollen am Freitag um 18.30 Uhr in Le Mans bei der «Safety Commission» erscheinen, dort wollen ihnen Quartararo, Morbidelli, Bagnaia & Co. die Leviten lesen.

Die FIM hat ihre ganze Macht verloren

Der Weltverband FIM hat in der MotoGP-WM seit 1992 bei den sportlichen und technischen Vorschriften nichts mehr zu reden, er hat auch auf den GP-Kalender keinen Einfluss mehr, denn er hat seine Macht für einen (inzwischen) zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr an die Dorna verkaufen müssen. Denn ab 1979 drohten die Teams und Werke wegen der irrwitzigen Dummheit und Kurzsichtigkeit mancher FIM-Funktionäre, die zu vielen schweren Unfällen (Francorchamps 1979, Hockenheim 1989, Grobnik 1990) führten, mit einer Piratenserie. Bernie Ecclestone, der 1982 bereits den Automobilverband FIA entmachtet hatte, unterstützte die Motorrad-Rebellen. 

FIM-Präsident Jorge Viegas hat im GP-Sport keinen Einfluss mehr. Er kann im besten Fall durch die Startaufstellung flanieren und sich bei der Siegerehrung wichtig machen.

Freddie Spencer hat drei WM-Titel gewonnen, als GP-Schiedsrichter ist er offenbar fehl am Platz. Was Somolinos und Matko zu ihrer Rolle befähigt, entzieht sich unserer Kenntnis.

Die Fahrer, die ihre Haut zu Markte tragen, werden am Freitag mit den Stewards ein Hühnchen rupfen. Wenn diese mutig genug sind, sich blicken zu lassen.

Die Teambesitzer und Werke, die bis zu 70 Millionen und mehr pro Jahr in den GP-Sport investieren, werden jetzt hartnäckig auf eine professionelle Ausbildung der Schiedsrichter pochen.

Das aktuelle System ist untragbar geworden. Denn Spencer und Konsorten haben durch unzählige Fehlentscheidungen jeglichen Respekt verloren.  

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