Alex Hofmann: Die große Sepang-Analyse, Teil 2

Von Werner Jessner
Der Experte von ServusTV bewertet diesmal exklusiv auf SPEEDWEEK.com Yamaha und Aprilia. Wie weit hat Marc Márquez die Ducati bereits entschlüsselt? Woher kommen Carbon-Rahmen und wer wird um die WM kämpfen?

Teil 2 der großen Analyse vom ersten IRTA-Test. Gestern hat Alex die Performance von Ducati, Honda und KTM analysiert, nachzulesen hier:https://www.speedweek.com/motogp/news/218900/Alex-Hofmann-Die-grosse-Sepang-Analyse-Teil-1.html Hier folgen die restlichen Hersteller und vier persönliche WM-Favoriten.



Was ist dir an Aprilia aufgefallen?

Sie geben Vollgas. Ich kenne ihre Arbeitsweise sehr gut. Volle Emotion, und manchmal sehen sie den Wald vor Bäumen nicht. Das ist ein bisschen die Gefahr, die ich sehe. Aerodynamisch ist das Bike toll, auch wunderschön. Aber ob sie sich nicht verzetteln? Ein Beispiel: Maverick Viñales ist vielleicht mit dem größten Fahrtalent all ihrer Piloten gesegnet. Wenn der mal sagt, dass er das Bike nicht spürt, dann sollte dir das als Hersteller zu denken geben. Das könnte darauf hindeuten, dass man zu viel macht und den Instinkt des Fahrers am Weg verliert.

Wie findest du den Move von Trackhouse, Davide Brivio zu installieren?

Genial. Alles richtig gemacht. Im Motorsport sind in der Vergangenheit immer wieder zwielichtige Menschen aufgetaucht, aber die MotoGP hat in den letzten Jahren einen guten Job gemacht, diese Figuren rauszufegen. Mit Brivio haben sie einen Top-Mann am Start. Er kann Aprilia nur guttun – auch im Hinsicht dessen, dass ein Satellitenteam Sinn machen muss und keine Bürde für den Hersteller sein darf.

Raúl Fernandez muss noch bis Mitte der Saison mit dem alten Bike Vorlieb nehmen. Sind solche Doppelgleisigkeiten sinnvoll?

Aprilia hat einfach das Problem der fehlenden Größe seiner Rennabteilung. Das ist eine kleine, elitäre Truppe, die mit kleinem Budget versuchen muss, dieses Ding zu reiten. Auf diesem hohen Niveau, bei dieser Qualität und diesem Tempo der Entwicklung acht Bikes auf dem Stand von Ducati oder KTM parat zu haben ist im Moment Aprilias größte Herausforderung.

Weil?

Da hängen so viele Sachen dran, das kann man sich gar nicht vorstellen. Technische Kontrolle, Qualitätssicherung, Zulieferer: das muss alles passen.

Woher beziehen zum Beispiel die Hersteller ihre Carbon-Rahmen?

Da kann ich jetzt nur von KTM sprechen. Technisch entwickelst du als Hersteller eine Form, genannt mould, aus der dann Spezialunternehmen die Rahmen legen, wickeln und backen. Da ist es wichtig, nicht von einem einzigen Produzenten abhängig zu sein. Oft ist kurzfristige Planung nötig: Wie viele Stück bringe ich von welcher Evolution, und wenn ein Fahrer einen Totalschaden fabriziert hat, muss der Zulieferer in der Lage sein, rasch Aufträge anzunehmen. Hier hat Aprilia im Vergleich zur Pierer Mobility Group sicher einen Nachteil. In Noale gibt es einfach nicht jene vielfältigen Zugänge und das dichte Netzwerk an Zulieferern wie in Mattighofen.

Das heißt, KTM lässt die Carbon-Rahmen von unterschiedlichen Produzenten herstellen?

Genau, sie haben sich nicht abhängig gemacht von einem Hersteller. Im Rennsport gibt es zwei Wege: Entweder du machst es selbst und weißt ganz genau, was du tust – oder du stellst sicher, dich nicht von einem Zulieferer abhängig zu machen. KTM hat da zwei, drei Partner in der Pipeline. Auch für den Fall, dass es besonders schnell gehen muss oder eine Produktionslinie blockiert ist.

Von Yamaha kam ganz klar die Aussage, dass sie 2025 mit einem Satellitenteam in die WM wollen. Riecht nach VR46, oder?

Sagt die Logik, aber parallel gibt es Verhandlungen mit Ducati. Da schlagen zwei Herzen in Valentinos Brust: Da gibt es einerseits die Verbindungen zu Yamaha, für die er auch Botschafter ist und das Yamaha-Camp, aber solang Yamaha es nicht schafft, ein Siegerbike hinzustellen, müssen sie den Spaß auch selbst finanzieren. Wenn VR46 seinen Sponsoren keine Siege und Podien mehr verkaufen kann wie mit Ducati, dann hat das einen hohen Preis. Sobald Yamaha ein Sieger-Motorrad hinstellt, wird Vale sofort wechseln.

Das siehst du für 2024 also nicht.

Gut, beim Motor hat Yamaha einen Schritt gemacht, aber ob sie auch bei der Aerodynamik nachziehen können, ohne wieder 5, 6 km/h zu verlieren? Mitte des zweiten Testtages hat man gemerkt: Die Jungs sind motiviert, aber rennen schon wieder in die Wand. So gehen die Schultern Tag für Tag weiter nach unten wie schon bei den Renn-Wochenenden letztes Jahr. Fabio pumpt sich auf, ist heiß, und dann merkt er: Die Realität schlägt zu. Das ist teuflisch für die Psyche eines Rennfahrers und überträgt sich aufs Team. Ich kann mir vorstellen, dass Fabio bald seinen Manager in Marsch setzt mit dem Auftrag, ihm einen Sitz in einem Sieger-Team zu suchen – und wenn es noch so billig ist. Genau wie es Marc vorgezeigt hat.

Wie fandest du Marcs Performance während des Sepang-Tests?

Es waren beileibe keine problemlosen Tage. Das Bike war nicht so vorbereitet wie in einem Werksteam. Aber er ist viele Runden gefahren und hat bei den Sprint-Simulationen gemerkt, dass er schon ganz gut dabei ist. Über Jahre hat er gelernt, die Probleme der Honda zu umfahren. Die Ducati hat viel zu viel Bremsstabilität für seine Gewohnheit. Er hackt in die Eisen, und dann zeigt das Ding Stabilität, wo keine sein sollte. Erinnere dich an die Bilder: Auf der Honda ist sein Hinterrad richtiggehend rumgesprungen. Jetzt ist Grip da und drückt ihn geradeaus. Diesen Schritt muss er gehen und das umstellen. Wenn er das einmal raushat, dann wird es für die anderen gefährlich.

Kann zu viel Stabilität denn schlecht sein?

Die Ducati hat mehr Radstand als die Honda. Das macht sie weniger agil. Er wird also nicht mehr unvermittelt reinstechen können, wie das die Honda erlaubt hat. Pecco hat seinen Stil perfekt auf die Ducati eingestellt: Schau wie ruhig und smooth er sich am Bike bewegt im Unterschied zu Rodeoreiter Marc! Was Crew Chief Francesco Carchedi also machen kann: Marc stufenweise Grip hinten wegnehmen. Doch sobald er kapiert hat, wie er ihn nutzen kann, wird er ihn wieder zurückfordern. Marcs Fahrstil befindet sich gerade in dieser Übergangsphase. Warten mal den Katar-Test ab.

Persönlicher Eindruck: In Sepang hat er sich zurückgehalten.

Er will auf Teufel komm raus in Katar nicht als Titelfavorit am Start stehen. Das will er um gar keinen Preis! Er will in Ruhe arbeiten, und wenn am Sonntag in Katar die Ampel ausgeht, dann ist eh wieder Marc-time. Bis dahin wird er versuchen, tief zu stapeln und den anderen den Druck zuzuspielen.

Und in Katar?

Wird er im Qualifying um die erste Reihe kämpfen, und ich bin ziemlich sicher, dass er dort auch losfahren wird.

Deine Favoriten also?

La Bestia scheint zurück und ist brandgefährlich, sofern er gesund bleibt. Über die Qualitäten von Pecco und Martín brauchen wir nicht zu diskutieren. Plus Marc. Die Pakete sind alle sehr eng beisammen. Am Ende wird der mental stärkste den Titel holen. Pecco hat sich die Nummer 1 noch mal erarbeitet, aber der Druck im Kessel mit einem fitten Enea Bastianini steigt bei ihm. Zwei Boxen weiter lauert Marc Márquez. Und Jorge Martín wird sicher nicht noch mal im letzten Rennen den Titel verlieren wollen. Aus einem Zweikampf wird meines Erachtens ein Vierkampf in diesem Jahr.

Wird es schmutzig, oder läuft das respektvoll ab?

Das sind lauter intelligente Jungs. Sie wissen, dass der Preis zu hoch ist für blöde Spielchen. Aktionen wie früher, wo man zusammen gegeneinander fährt oder verstecke Team-Order ausgibt haben wir schon lange nicht mehr gesehen. Vielleicht wird es ein paar verbale Scharmützel abseits der Strecke geben, aber sonst wird alles fair and sqare laufen, davon bin ich überzeugt. Und das finde ich das Schöne an der MotoGP.

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