Helmut Marko: «Die Virus-Diskussion ist aufgeblasen»

Von Günther Wiesinger
Formel 1
Dr. Helmut Marko und Max Verstappen

Dr. Helmut Marko und Max Verstappen

Red Bull-Berater Dr. Helmut Marko warnt im Zusammenhang mit dem Coronavirus vor Panikmache. «Wir müssen positiv denken. In China flaut der Virus schon wieder ab», sagt der Steirer. Er sieht keine Gefahr für Melbourne.

Wie in der MotoGP-, Superbike- und Motocross-WM kam es auch Formel 1 bereits zu einer Terminverschiebung, denn Shanghai soll irgendwann nachgeholt werden. Aber die WM-Läufe in Melbourne (15. März); Bahrain (22. März) und auf dem neuen Straßenkurs in Hanoi/Vietnam (5. April) sollen wie geplant stattfinden. Die MotoGP-Asse konnten in Doha/Katar am 8. März nicht um Punkte fighten, weil alle Italiener bei der Ankunft in Doha 14 Tage in Quarantäne gesteckt worden wären. Und sechs von elf MotoGP-Teams sind in Italien stationiert. Der MotoGP-Event in Buri Ram/Thailand wurde auf 4. Oktober verschoben. Der Texas-GP (5.4.) wackelt stark. In Austin wurde der Katastrophenzustand («local area of disaster») ausgerufen.

Dr. Helmut Marko, ehemaliger Formel-1-Pilot und Le Mans-Sieger, sieht der Bedrohung der Saison durch den Coronavirus gelassen entgegen. Der Red Bull Berater ist überzeugt, dass Melbourne und Bahrain stattfinden. Bei Vietnam müsse man abwarten, meint er.

Helmut, wie präsentiert sich die Situation für die zehn Formel-1-Teams wenige Tage vor dem ersten Training in Melbourne?

In Australien scheint die Lage ganz normal zu sein. Bahrain hat eh nie viele Zuschauer gehabt, sie haben den Ticketverkauf gestoppt, der Grand Prix wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefahren. Dieser Event ist auch kein Problem.

Bei Vietnam müssen wir halt schauen. Ich hoffe, dass das funktioniert.

Es ist teilweise mühsam mit der Fliegerei, es wird sicher Umbuchungen geben müssen. Denn nach Australien kommt man hauptsächlich mit Emirates über Dubai rein, via Hongkong und Singapur gibt es Probleme. Es ist mühsam, aber es geht.

Ich finde, man muss ein Zeichen setzen. Man kann sich von so einem Virus, der ja bei weitem nicht diese Gefährlichkeit hat, wie das hysterisch dargestellt wird, das ganze öffentliche Leben zerstören lassen.

Aber in Italien sind 16 Millionen Menschen aus 13 Regionen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Kommen die Teammitglieder der Scuderia Ferrari und von AlphaTauri alle rechtzeitig nach Australien? Und dazu alle Mitglieder der «service companies» wie Brembo, Pirelli und so weiter?

Du kriegst eine Ausnahmegenehmigung, wenn du sie brauchst. Das geht relativ rasch. Der Großteil von AlphaTauri befindet sich sowieso schon in Australien. Ich habe mit Teamchef Franz Tost geredet. Es ist mühsam, aber es geht.

Wie es bei den anderen Teams und Firmen aussieht, weiß ich nicht.

Aber im Grunde gilt auch in der Formel 1 die MotoGP-Devise: Entweder fahren wegen des Virus alle Teams oder keines.

Es ist die Aufgabe von Liberty, das zu entscheiden. Es liegt nicht an uns, das zu entscheiden.

Die Autos und das ganze Material ist in Australien, der Großteil der Mechaniker ist eingetroffen. Ich sehe da kein Problem. Und wenn der eine oder andere die Reise nicht schafft, das ist nicht Grand-Prix-gefährdend.

In Vietnam ist die Situation unübersichtlicher?

Es besteht die Absicht, dass es funktioniert. Man sieht ja, es ändert sich alles im Stundentakt.

In den heißen Ländern wie Thailand ist die Verbreitung des Virus bereits eingedämmt worden. Es gibt nur noch 50 Infizierte. In Vietnam tragen nur 30 Personen den Virus im Körper.

Ich finde, die ganze Diskussion ist aufgeblasen. Es handelt sich um eine Influenza. Es sterben großteils Menschen im hohen Alter mit einer Vorerkrankung.

Aber allein in Italien wurden gestern 1498 neue bestätigte Fälle registriert. Bis 26. März rechnen die Mediziner in Italien mit 18.000 infizierten Personen. Ich verstehe, dass sich viele Menschen Sorgen machen.

Ja, aber dann recherchiere mal, wie viele Menschen jährlich an Grippe erkranken.

In Österreich sterben jährlich 1700 Personen an Grippe, in der Schweiz 2500, in Deutschland bis zu 20.000. Aber das ist ein schwacher Trost für 16 Millionen Italiener, die von der Außenwelt abgeriegelt sind.

Ja, die Quarantäne ist das Problem. Aber die Gefährlichkeit der Krankheit ist nicht ärger als bei einer Grippe.

Man muss der Panikmache mancher Politiker entgegenwirken und darf sie nicht noch unterstützen.

Israel hat über Nacht beschlossen, alle Passagiere aus Österreich und Deutschland sofort 14 Tage unter Quarantäne zu stellen. Das kann rasch überall zur Methode werden.

Wenn du nicht infiziert bis und keine konkreten Symptome hast…

Positiv denken! Wir denken positiv und gehen davon aus, dass alle Grand Prix halbwegs regulär über die Bühne gehen.

Bisher hat der Virus die Saisonvorbereitung des AlphaTauri-Teams in Faenza nicht beeinträchtigt?

Nein, denn AlphaTauri hat ja auch mehr als 100 Leute in England beschäftigt. Und der erste Trupp des Teams ist schon in Australien eingetroffen. Ich mache mir diesbezüglich keine Sorgen.

Wurden im Teamquartier in Faenza besondere Maßnahmen gegen den Virus getroffen?

Ja, extrem. Kein Händeschütteln, Desinfektionsmittel beim Händewaschen jedes Mal, teilweise Home Office und so weiter.

In einigen Ländern sind Großveranstaltungen längst verboten, auch in Italien, in Frankreich und Spanien, Schulen werden geschlossen, Museen werden zugesperrt. Es könnte also auch in Europa zu GP-Absagen kommen. Oder man müsste ohne Publikum fahren. Dorna-CEO Carmelo Ezpeleta sagte, man würde die MotoGP-WM notfalls bis Weihnachten ausdehnen.

Ich hoffe, dass es nicht dazu kommt. Wir haben das erste Europa-Rennen am 3. Mai in Zandvoort. Ich habe noch nichts gehört, was uns Sorgen machen müsste. (Gestern fand in Valkenswaard der Motocross-WM-Lauf statt, Anm. der Red.).

In China ist ja schon ein Abflauen der Virus-Verbreitung gegeben. Und wir haben noch mehr als sechs Wochen Zeit bis zu den Europa-Rennen.

Deshalb wiederhole ich: Positiv denken! Und erst im äußersten Extremfall mit Verschiebungen reagieren.

Formel-1-Kalender 2020

15. März: Melbourne, Albert Park Circuit/AUS
22. März: Bahrain, Bahrain International Circuit/BRN
05. April: Hanoi, Street Circuit Hanoi/VN
03. Mai: Zandvoort, Circuit Park Zandvoort/NL
10. Mai: Montmeló bei Barcelona, Circuit de Barcelona-Catalunya/E
24. Mai: Monte Carlo, Circuit de Monaco/MC
07. Juni Aserbaidschan, Baku City Circuit/AZ
14. Juni: Montreal, Circuit Gilles Villeneuve/CDN
28. Juni: Le Castellet, Circuit Paul Ricard/F
05. Juli: Spielberg, Red Bull Ring/A
19. Juli: Silverstone, Silverstone Circuit/GB
02. August: Mogyoród bei Budapest, Hungaroring/H
30. August: Francorchamps, Circuit de Spa-Francorchamps/B
06. September: Monza, Autodromo Nazionale/I
20. September: Singapur, Marina Bay Street Circuit/SGP
27. September: Sotschi, Sochi Autodrom/RUS
11. Oktober: Suzuka, Suzuka Circuit/J
25. Oktober: Austin, Circuit of the Americas/USA
01. November: Mexico City, Autódromo Hermanos Rodríguez/MEX
15. November: São Paulo, Autódromo José Carlos Pace/BR
29. November: Abu Dhabi, Yas Marina Circuit/UAE

Ohne neuen Termin: Shanghai, Shanghai International Circuit/RCH

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