Carmelo Ezpeleta: «Welt wird nach Corona anders sein»

Von Günther Wiesinger
Formel 1
Carmelo Ezpeleta in Katar 2020

Carmelo Ezpeleta in Katar 2020

​Carmelo Ezpeleta, CEO von MotoGP-Promoter Dorna Sports S.L., sagt offen, was Formel-1-CEO Chase Carey bislang nicht anzusprechen wagt: Vielleicht gibt es 2020 gar keine WM. Auch 2021 wird Vieles anders sein.

Schon 2019 hatte Red-Bull-Chefberater Dr. Helmut Marko gelobt, wie Carmelo Ezpeleta, CEO von MotoGP-Promoter Dorna, seine Aufgaben anpackt. Damals sträubte sich Reifenhersteller Pirelli gegen Änderungen in der Formel 1. Dr. Marko meinte: «In der MotoGP wäre ein solches Problem längst gelöst.»

Marko bat Ezpeleta im Rahmen des Barcelona-GP im Mai sogar, sich um das Management der Formel 1 zu kümmern. Der Spanier fühlte sich geehrt, lehnte aber natürlich dankend ab. Dr. Marko weiter: «Ezpeleta hätte ein Regelwerk wie bei uns in der Formel 1 nie zugelassen. Unsere Regeln bestrafen einen Sebastian Vettel, der in Kanada mit Müh‘ und Not sein Auto abfängt, damit es ihn nicht dreht. Lewis Hamilton hätte nur bremsen müssen, dann wäre überhaupt keine Gefahr gewesen. Trotzdem bekam Vettel fünf Strafsekunden. Und Verstappen erhielt in Monte Carlo fünf Sekunden, wo es so eng ist. Max war vorn, Bottas hätte nur vom Gas gehen brauchen. Geht es um den Motorsport – oder machen wir hier vielleicht Verkehrssicherheitstraining?»

Die spanische Sportmarketing-Agentur Dorna besitzt seit 1992 die kommerziellen Rechte für den GP-Sport und seit 2012 auch für die Superbike-WM. Die GP-Rechte laufen laut FIM-Vertrag bis 2041, die SBK-Rechte bis 2036.

Zum Vergleich mit der Formel 1: Das US-Medienunternehmen Liberty Media übernahm 2017 für 4,4 Milliarden Dollar die «Formula One Group» und kam damit in den Besitz der kommerziellen Rechte am Formel-1-Sport. Der Autosport-Weltverband FIA hatte diese Rechte im Juli 2000 für 360 Millionen an die F1 Group verkauft. Für eine Laufzeit von 100 Jahren.

Der umsichtige und bei Teams, Fahrern und Herstellern hoch geschätzte Dorna-Chef Ezpeleta skizzierte im Gespräch mit SPEEDWEEK.com Lösungen für die Zukunft nach der Krise. Auch dann wird kein Alltag herrschen.

Ezpeleta sagt offen, was Formel-1-CEO Chase Carey nicht anzusprechen wagt: Vielleicht gibt es 2020 gar keine Rennen, und auch 2021 wird Vieles anders sein.

Der 74-jährige Spanier erklärt: «Wir befinden uns wegen Corona in einer ganz außergewöhnlichen Situation. Sobald wir einen genauen Überblick über die genaue Lage haben, werden wir uns mit den Teams, Herstellern, mit der FIM und allen anderen Partnern unterhalten. Sie sind alle genau so stark wie wir daran interessiert, Rennen durchzuführen, wenn die Möglichkeit besteht.»

«Wenn wir uns heute vorstellen, wir bringen nur drei Grands Prix zustande, wird es eine sehr seltsame Meisterschaft sein. Aber warum nicht? Für mich ist es besser, eine geringe Anzahl von Rennen zu veranstalten als untätig daheim zu sitzen.»

«Aber wenn wir die Events nicht bei wirklicher Rücksicht auf die Gesundheit abwickeln können, wenn das nicht sichergestellt werden kann, werden wir nichts riskieren. Überhaupt nichts!»

«Wir müssen uns nichts vormachen. Die Regierungen und Gesundheitsbehörden werden dann gar nicht zulassen, dass wir einen Grand Prix durchführen.»

«Ein Grand Prix unterscheidet sich ja stark von einem Fußballmatch, das du mit 40 oder 50 Leuten im Stadion abwickeln kannst. 22 Athleten, dazu der Betreuerstab. Du kannst im Fußball auch gut auf die Zuschauer verzichten. Das hat alles schon stattgefunden», weiß der Spanier.

Ezpeleta kann sich durchaus Geisterrennen vorstellen, also WM-Läufe ohne Zuschauer: «Ja, denn es ist besser, Rennen ohne Zuschauer zu haben statt gar keine Rennen.»

«Wir haben ja in einem GP-Paddock im günstigen Fall sowieso schon 2000 Menschen. Wir müssten also 2000 Menschen rund um die Welt schicken. Das geht nur, wenn der Virus besiegt oder die Verbreitung stark eingedämmt ist. Sonst ist das eine sehr schwierige Aufgabe», sagt der MotoGP-Stratege.

In der Formel 1 ist diese Zahl doppelt so gross: Der GP-Tross besteht aus rund 4000 Mitgliedern.

Ezpeleta weiter: «Wenn wir versuchen, diese Anzahl von 2000 Personen zu reduzieren und nur Fahrer, Mechaniker und die allerwichtigsten Teammitglieder hereinlassen, haben wir über die drei GP-Klassen hinweg immer noch mindestens 1000.»

«Wir brauchen ja auch einiges an Personal für die Durchführung des Events, von den Streckenposten über das medizinische Personal bis zu den Funktionären, die für die Sicherheit verantwortlich sind, dazu die Personen, die die TV-Übertragung gewährleisten. Bei dieser Anzahl von 1000 Personen haben wir schon alle Gäste weggerechnet, alle Marketing-Leute und so weiter.»

«Unsere wichtigste Pflicht und Aufgabe ist es momentan, das Minimum an Leuten auszurechnen, die wir für die Austragung eines Grand Prix in Zukunft brauchen. Wir wollen dringend wissen, wie wir im Fahrerlager Sicherheit und Gesundheit für alle Beteiligen herstellen können, wenn die Krise vorbei ist. Das ist unser wichtigstes Anliegen.»

«Anderseits sind wir in allen Bereichen auf «stand by». Wir könnten morgen ein Rennen fahren, wenn wir grünes Licht bekommen. Wir haben die Pflicht, bestmöglich vorbereitet zu sein, sobald wir wieder einen Grand Prix organisieren können. Wir müssen die Kosten in allen Bereichen so weit wie möglich drücken, zumindest für 2021 und 2022. Denn die Welt wird nach Corona anders aussehen. Da dürfen wir uns keiner Illusion hingeben.»

«Die Situation mit den Sponsoren wird schwierig. Die Veranstalter werden vorläufig keine Eintrittskarten verkaufen können und auf Einnahmen verzichten. Auch bei den Werken wird es zu deutlichen Umsatzeinbußen kommen. Auch bei den Bekleidungsherstellern und Zubehörfirmen sowie bei der Dorna werden die Einnahmen enorm sinken.»

Carmelo Ezpeleta weiter: «Ich hoffe zwar, dass es erste Impfstoffe gegen Corona früher gibt als man heute erwartet. Dorna-Arzt Dr. Zasa ist in Kontakt mit der Universität in Barcelona, die sprechen mit der Uni in Pittsburgh, wo es anscheinend schon vielversprechende Wirkstoffe getestet werden.»

«Aber wie gesagt: Die Reiseverbote werden erst aufgehoben, wenn wir ein Gegenmittel haben, das die Ansteckung verhindert.»

«Sobald wir nach der Eindämmung des Virus neu starten können, werden wir eine völlig anderer Situation vorfinden als vor der Krise.
Wir müssen dann alle Bereich neu bewerten.»

«Erst wenn ein Impfstoff gegen Covid-19 verfügbar ist, können wir allmählich wieder an Maßnahmen und Zustände wie vor der Coronakrise denken.»

Ezpeleta hat noch leichte Hoffnungen auf einzelne Grand Prix ab September oder Oktober 2020. Aber wie soll man die Teammitglieder und Fahrer aus Japan, Malaysia, Thailand, Indonesien, USA, Südafrika, Australien, Neuseeland, Brasilien, Argentinien herbeischaffen? Man weiß nicht einmal, ob Italien, Spanien und Frankreich bis dahin ihre Grenzen öffnen werden.

Der 74-jährige Katalane sagt: «Ja, ich stimme zu. Wir sind uns dieser Problematik bewusst. Jetzt haben wir bereits fünf Grands Prix verschoben. Wir ziehen es vor von Verschiebung statt von Absage zu sprechen. Aber natürlich wird es am Ende unmöglich sein, 19 Grands Prix abzuwickeln. Es werden also auf jeden Fall einige der verschobenen Rennen abgesagt werden. Und wenn wir Pech haben, alle 19 von ihnen.»

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