Marc Surer: «Sonst sind wir einfach nur blöd»

Von Mathias Brunner
Formel 1
Marc Surer

Marc Surer

​Der frühere Formel-1-Fahrer Marc Surer (68) meldet sich aus seiner Wahlheimat Spanien. Die Ausgangssperre zeigt langsam Wirkung, aber die Stimmung im Land ist explosiv – denn die Wirtschaft leidet.

In den vergangenen zwei Wochen hat sich die Corona-Pandemie in vielen Ländern dramatisch verschärft. Am 24. März standen wir bei weltweit rund 400.000 Menschen, die sich mit dem Virus SARS-CoV-2 angesteckt hatten, jetzt sind es mehr als 1,4 Millionen. Spanien, die Wahlheimat des früheren Formel-1-Piloten Marc Surer, meldete damals knapp 40.000 Covid-19-Erkrankungen, nun sind es mehr als 140.000. 2696 Spanier hatten vor zwei Wochen den Kampf gegen die Lungenkrankheit verloren, die Todesfälle heute – erschütternde 13.798.

Marc, wie siehst du die Entwicklung der Corona-Katastrophe in deiner Wahlheimat?

Bislang haben wir zentral an die Gesundheit der Menschen gedacht. Aber nun rückt vermehrt die Wirtschaft ins Zentrum von Diskussionen. Die Wirtschaft von Spanien war angeschlagen und fing an, sich in den vergangenen zwei bis drei Jahren zu erholen, nicht zuletzt dank des Turbos Tourismus, und jetzt kommt dieser brutale Schnitt. Wir müssen davon ausgehen, dass an einen normalen Sommer überhaupt nicht gedacht werden kann, und das ist für das Tourismusland Spanien ein Riesenproblem. Die Haupteinnahmequelle wird in vielen Regionen so gut wie komplett wegfallen.

Die Zahl der Neuinfektionen scheint sich zu verlangsamen, am 6. April war der Wert mit 4300 neuen Fällen so niedrig wie seit zwei Wochen nicht. Auch die Zahl der Verstorbenen pro Tag sinkt. Mehr als 40.000 Spanier haben die Krankheit überstanden und gelten als geheilt. Wie gut wird die Bevölkerung über die jüngsten Tendenzen informiert?

Du bekommst im Fernsehen und in den Zeitungen natürlich die ganzen Zahlen, dazu hat unsere Stadt eine sehr gute Internetseite. Generell spüre ich eine grosse Vorsicht, was Aussagen zu Tendenzen angeht. Die wenigsten Spanier hätten Anfang des Jahres erwartet, dass die Lage dermassen ausser Kontrolle gerät. Auch wenn die Kurve behutsam abflacht, läuft das Gesundheitssystem noch immer am Limit. Wenn du jetzt den Fehler zu vieler Freiheiten machst, dann kollabiert das System.

Oft widersprechen sich bei der Corona-Thematik die Fachleute, selbst bei so etwas scheinbar Einfachem wie der Nützlichkeit von Gesichtsmasken. Wer geniesst dein Vertrauen in Sachen Information?

Mein Vertrauen gilt alleine den Chinesen. Wenn es jemanden gibt, der Erfahrung mit dieser Situation hat, dann sind sie es. Wir sollten von den Chinesen lernen, sonst sind wir einfach nur blöd. Ich halte mich streng an gewisse Schutzmassnahmen, wie ich bei unserem letzten Gespräch sagte, und die setze ich konsequent um. Wir können so viel von den Chinesen lernen. Mir fällt immer wieder ein, wie wir bei SARS damals an den Flughäfen die ganzen Asiaten mit ihren Schutzmasken sahen und das ein wenig seltsam fanden. Heute sollten wir klüger sein.

Ich sage vor allem deshalb, ich richte meinen Blick nach China, weil sie die Lage unter Kontrolle bekommen haben. Wir sollten von ihnen lernen statt zu meinen, wir wüssten alles besser.

Der spanische Gesundheitsminister Salvador Illa hat am 5. April gesagt: «Die Ausgangssperre funktioniert.» Was sagt Ministerpräsident Pedro Sánchez über die Dauer dieser Massnahme?

Die Ausgangssperre ist von Sánchez bis 26. April verlängert worden, also um zwei Wochen, das muss am 9. April noch vom Parlament abgesegnet werden.

Spanien hat in der Nacht auf 31. März im Kampf gegen Covid-19 die Ausgangssperre verschärft. Die umstrittene Massnahme wird von der Regierung «Winterschlaf» genannt – alle Spanierinnen und Spanier, die für nicht wesentliche Wirtschaftszweige tätig sind, gehen nicht mehr zur Arbeit. Die Einführung des Winterschlafs ist von Politikern und Unternehmern scharf kritisiert worden. Wie lange soll der Winterschlaf dauern?

Vermutlich nach Ostern wird es erste Lockerungen geben. Gerade dieser Winterschlaf ist schon sehr hart, nicht nur psychologisch, sondern vor allem wirtschaftlich. Man muss im Einzelfall prüfen, welches Ansteckungsrisiko besteht. Wenn einer alleine in seiner Gärtnerei arbeitet, dann sehe ich nicht ein, wieso er zuhause bleiben muss. Eine Lockerung in gewissen Bereichen wäre in meinen Augen sinnvoll – aber eben unter Einhaltung der Schutzmassnahmen.

Wir haben jetzt drei Wochen lang Ausgangssperre, und für einige Menschen wird das langsam zu viel. Gestern habe ich einen Bericht gesehen von Leuten, die mit Sack und Pack aus Madrid abgehauen sind, um im Süden Urlaub zu machen. Natürlich wurden sie gestoppt, gebüsst und zurückgeschickt. In Madrid drehen die Menschen durch. Klar hätte man den Hotspot Madrid abriegeln müssen, aber solche Massnahmen kannst du in China umsetzen, das ist in Spanien schwierig.

Ich höre, dass in 87 spanischen Gemeinden Soldaten über die Einhaltung des Ausgangsverbots wachen und dass einige Regelbrecher bereits ins Gefängnis gesteckt wurden. Wie sieht das bei euch aus?

Bei uns im Ort habe ich keine Soldaten gesehen, aber das mit dem Militär-Einsatz stimmt schon. Was bei mir hier auffällt, ist eine grosse Polizei-Präsenz. Und das ist auch gut, wenn ich an die ganzen Unvernünftigen denke, die ein langes Wochenende im Kopf haben statt den Schutz der Mitmenschen.

Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz hat von ersten Lockerungen der Einschränkungen gesprochen, allerdings unter ganz strengen Auflagen. Österreich ist damit das erste Land in Europa, das eine Exit-Strategie vorlegt. Ist so etwas in Spanien überhaupt ein Thema?

Für mich ist Sebastian Kurz der wahre Leader in Europa. Der hat meiner Ansicht nach alles richtig gemacht. Ich weiss noch, als die Schweizer noch darüber diskutierten, wie man nun am besten im Tessin vorgehen solle, da hat Kurz die Grenzen seines Landes schon dichtgemacht. Er ist nun auch der erste Staatsmann, der von Lockerungen spricht. Kurz ging knallhart vor, aber das zahlt sich aus.

Was Spanien angeht, so wird das Parlament am 9. April beraten, wie eine Exit-Strategie aussehen könnte. Wenn wir in diesem Land genug Masken hätten, dann könnte ich mir eine Schutzmaskenpflicht vorstellen.

Was hörst du von deiner Frau Silvia aus Argentinien? Wie präsentiert sich die Lage dort?

Argentinien hat noch bis über Ostern hinaus eine Ausgangssperre, dann wird die schrittweise gelockert. «Social distancing» ist das Gebot der Stunde, aber einzelne Personen dürfen wieder arbeiten. Was in Argentinien überhaupt nicht funktioniert hat: Zwischendurch wurden die Banken geschlossen. Das erwies sich als grosses Problem, weil viele, gerade ältere Menschen, ihre Rente einmal im Monat persönlich bei der Bank abholen. Ergebnis: Als die Banken am Freitag aufmachten, standen Hunderttausende vor den Türen, um Geld zu holen. Also sind genau jene Menschenansammlungen enstanden, die unbedingt vermieden werden sollten.

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