Nachfolger Vettel und Schumi: «Es ist wild geworden»

Von Andreas Reiners
Sebastian Vettel 2004

Sebastian Vettel 2004

Der Weg in die Formel 1 ist sportlich eine Herausforderung, allerdings auch finanziell. Das war es bereits für Sebastian Vettel in den 2000er Jahren, ist aber noch einmal schlimmer geworden.

Sebastian Vettel kennt das Problem, denn er musste sich damit auch auseinandersetzen. Wenn auch auf einem anderen Niveau. Denn heute ist eine Rennfahrer-Karriere für Familien mit einem normalen Hintergrund unbezahlbar geworden.

Als Vettel anfing, seien die Kosten niedriger gewesen, «aber waren trotzdem noch hoch. Ich hatte das Glück, dass sich Gerhard Noack um mich gekümmert hat, derselbe Mann, der sich um Michael gekümmert hat, Jahre vor mir. Michael brauchte Hilfe, ich benötigte Hilfe, weil wir es uns nicht leisten konnten», sagte Vettel.

Ganz am Anfang, so erzählte es Vettel in Baku, konnte sich seine Familie die erste Hälfte der Kart-Saison leisten, «dann haben wir zum Glück Leute gefunden, die uns unterstützt haben», sagte Vettel.

Die Situation des Motorsport-Nachwuchses sei schwierig, «dafür gibt es keine schnelle Lösung. Die Kosten sind aber definitiv zu hoch. Es gibt diverse Dinge, die verbessert werden können, um den Sport für alle Kinder zugänglich zu machen. Es ist immer noch ein teures Hobby, es ist aber wild geworden in den vergangenen Jahren.»

Das merkt auch die Rennfahrer-Nation Deutschland. Denn es ist noch gar nicht so lange her, dass die Formel 1 zu einem beträchtlichen Teil schwarz-rot-gold gefärbt war. 2010 gingen immerhin sieben deutsche Fahrer in der Motorsport-Königsklasse an den Start - doch seitdem werden es stetig weniger. Aus den einst «Glorreichen Sieben» ist ein «dynamisches Duo» geworden: In dieser Saison sind es nur noch Sebastian Vettel, der im Juli auch schon 34 Jahre alt wird, und Rookie Mick Schumacher, der mit seinen 22 Jahren wohl noch einige Jahre in der Formel 1 vor sich haben wird.

Und dahinter? Hat der deutsche Motorsport zwar ein Nachwuchsproblem, in Lirim Zendeli und David Beckmann aber immerhin zwei Eisen im Feuer.

Denn das Duo bringt sich in der Formel 2 in Stellung, um die Chance zu ergreifen, wenn sie sich bieten sollte. Die Hoffnung auf den großen Sprung fährt immer mit: Beide sind eine Klasse unter der Formel 1 auf Vettels Spuren und diejenigen, die mittelfristig am ehesten Nachfolger des viermaligen Weltmeisters in werden könnten. «Die Formel 2 ist eine schwierige und komplexe Klasse. Das Talent hat er aber auf jeden Fall», sagte Ralf Schumacher bei «Sky» über Zendeli. Der frühere Formel-1-Star Schumacher muss es wissen: In der Formel 4 holte der heute 21-Jährige aus Bochum 2018 mit Schumachers Rennstall den Titel.

Kein Förderprogramm

Das «Problem» bei Zendeli und Beckmann: Beide gehören keinem Förderprogramm an, wie es zum Beispiel bei Mick Schumacher der Fall ist, der durch die Nachwuchsakademie von Ferrari gefördert wird und nach seinem Titelgewinn in der Formel 2 in der vergangenen Saison bei Ferraris Partner-Team Haas 2021 den Sprung in die Königsklasse schaffte. Finanzielle Hürden gab es bei Schumacher freilich nicht, doch zu solch einem Programm gehören dann auch regelmäßige Formel-1-Tests und die Tatsache, dass das Team das Talent unter seine Fittiche nimmt und man damit den Fuß bereits in der Tür hat. Auch Vettel wurde früh professionell von Red Bull gefördert.

Heißt für das deutsche Duo: Die größere Herausforderung als das Rennen fahren ist die Sponsorensuche, um sich ein überhaupt Cockpit sichern zu können. Es kommt nicht selten vor, dass Geld dann schon mal Talent schlägt, weil es finanziell nicht für einen Top-Platz reicht, den man aber benötigt, um auf sich aufmerksam machen zu können. Oder es langt gar nicht erst für ein Cockpit. Ein Teufelskreis, im schlimmsten Fall sogar eine Sackgasse.

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff hat einmal bei «Forbes» vorgerechnet, was eine Karriere durch die Nachwuchsklassen hinweg kostet. «Wenn jemand wirklich talentiert ist, muss er eine Million Euro im Kartsport investieren. Dann braucht es eine Saison in der Formel 4, die noch einmal 350.000 Euro kostet, wenn man es richtig macht», sagte Wolff. Für eine Formel-3-Saison brauche es 650.000 Euro, «da sind wir schon bei zwei Millionen», so Wolff weiter.

Immense Kosten im Nachwuchsbereich

Viele benötigen dann aber eine zweite Saison in der Formel 3, «sodass wir schon bei 2,6 bis 2,7 Millionen Euro sind», rechnet der Österreicher weiter. Die Kosten für eine Saison Formel 2: «1,5 bis zwei Millionen Euro pro Saison. Aber man braucht noch einmal zwei bis drei Millionen, um überhaupt ein Cockpit zu kriegen.»

Unter dem Strich kommt Wolff auf rund acht Millionen Euro für eine Junioren-Karriere, wobei den Summen generell keine Grenzen gesetzt sind.

Es sind unglaubliche Größenordnungen, wodurch es durchaus passieren kann, dass Talente wie Zendeli oder Beckmann im Winter nicht wissen, ob und wie es im Frühjahr weitergeht, vor allem in so unsicheren Zeiten wie in der Coronakrise. Schon seit Jahren kritisieren zahlreiche Motorsport-Größen die immensen Kosten, nachhaltige Lösungen liegen aber noch keine auf dem Tisch.

Der 21-jährige Iserlohner Beckmann, 2020 in der Formel 3 mit zwei Rennsiegen Gesamtsechster, fährt 2021 für das Charouz-Team. Ein Rennstall mit Potenzial. Aber eben kein Top-Team, aus Budget-Gründen. Zendeli, in der vergangenen Saison in der Formel 3 Gesamtachter, geht für MP Motorsport an den Start. Ebenfalls eine Mittelfeld-Mannschaft mit Potenzial. 

Ankommen und akklimatisieren

Die Ziele des Duos sind sowieso klar: Im ersten Jahr in der Formel 2 ankommen, sich akklimatisieren und erste Highlights setzen, denn die Umstellung von der Formel 3 ist nicht ohne. Die Autos sind rund 230 PS schneller (620 PS insgesamt) und etwa 100 Kilogramm schwerer, was den Fahrstil beeinflusst. Außerdem kommt dem Reifenmanagement eine große Bedeutung zu. In der Regel benötigen die Talente noch eine zweite Saison. Eine gewisse Anlaufzeit hat das Duo also, 2022 sollte dann aber der Angriff auf die Königsklasse erfolgen.

Beide sind mäßig aus den Startlöchern gekommen. Beckmann liegt vor dem dritten Rennwochenende in Baku mit zwölf Punkten auf Gesamtplatz 13, Zendeli ist mit vier Zählern 16.

Doch Zendeli glaubt , dass es trotz der Millionen am Ende eben doch vor allem um Talent geht. «Das soll nicht arrogant klingen, aber ich glaube, dass ich schon mehr Talent habe als andere, und es sicher ein paar Fahrer gibt, die fehlende Gabe durch teure Testfahrten ausgleichen konnten. Ich will aber beweisen, dass Talent über allem steht», sagte er der Sport Bild. «Ich bin so soweit gekommen, in die Klasse direkt unter der Formel 1, da werde ich jetzt sicher nicht aufgeben.»

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