Kölner Kult-Geschichten: Der Kölsche Portugiese

Kolumne von Rainer Braun
​6. Teil unserer Serie Kölner Kult-Geschichten: Wir erzählen vom Super-Manager Domingos Piedade, der von Köln aus seine schnelle Rennsport-Kundschaft betreute.

Er kannte jeden und jeder kannte ihn – Domingos Piedade gehörte zu den schillerndsten Management-Figuren im deutschen und internationalen Motorsport-Business. Von seiner Wahlheimat Köln aus betreute der Portugiese hochkarätige PS-Stars, schob millionenschwere Deals an und blieb trotzdem immer ein unkomplizierter, geerdeter und liebenswürdiger Kumpel-Typ. Bis spät nachts konnte man mit ihm durch die Kneipen-Szene in der Kölner Altstadt ziehen und Spaß ohne Ende haben.

Durch Heirat und Familiengründung wurde Köln gegen Mitte der 1960er-Jahre die zweite Heimat des umtriebigen Managers. Die Domstadt war damals sowieso eine Art Motorsport-Zentrum. Toyota und Ford trieben aufwändigen Werks-Rennsport, die Porsche-Rennställe Kremer und Loos waren hier ebenso zu Hause wie die Ford-Sportchefs Jochen Neerpasch und Mike Kranefuss oder die Profis Rolf Stommelen und Jochen Mass.

Stommelen war es letztlich auch, der Domingos mit dem Virus Rennsport infizierte. Rolf nahm Domingos etwa um 1965 in seinem noch straßenzugelassen, privaten Porsche 904 GTS zu Starts bei Berg- und Rundstreckenrennen mit.

Für Domingos war Köln also ein geradezu idealer Platz, um im weiteren Verlauf neben Studium und Praktika in den Rennsport einzutauchen. Von seiner Wohnung in der Kerpener Str. 2 aus begann er, die PR-Geschicke jener PS-Stars zu lenken, die sich von Domingos gut vertreten fühlten.

Mit Stommelen fing‘s an, mit Emerson Fittipaldi ging’s weiter, danach kamen im Laufe der Zeit Carlos Pace, Ayrton Senna, Michele Alboreto oder Walter Röhrl dazu.

Rennfahrer aus seiner Heimat Portugal zählten natürlich auch zu seinen Klienten wie zum Beispiel der junge Pedro Lamy, an dessen Aufstieg bis ins Lotus F1-Cockpit Domingos ebenfalls maßgeblich beteiligt war.

Nebenbei studierte unser Kölner Portugiese noch an der Uni noch Wirtschaftswissenschaften und absolvierte Praktika wie beispielsweise bei diversen Unternehmen.

Als ich ihn mal in seinem kleinen Büro innerhalb seiner Wohnung besucht habe, lagen da auf dem Boden fein säuberlich sortiert nebeneinander die Akten seiner Klienten. «Platzgründe», kommentierte er kurz und knapp meinen erstaunten Gesichtsausdruck und ergänzte «aber nicht unpraktisch, weil man sofort alles auf einen Blick sieht».

Unsere gemeinsame Kölner Zeit begann 1969, als auch ich als Neubürger in die Domstadt kam. Da stand er plötzlich vor meinem Schreibtisch in der Sportredaktion der gerade neu gegründeten «Auto Zeitung» in der Breite Straße 101. Im ersten Moment dachte ich – der sieht ja aus wie der damalige saudische Ölminister Scheich Jamani persönlich, die Ähnlichkeit war frappierend.

Artig stellte er sich vor und bot an, uns mit Nachrichten aus dem internationalen Renngeschehen zu versorgen. Schnell wurde daraus eine monatliche Kolumne seines Klienten und Freundes Emerson Fittipaldi, von Domingos jeweils tadellos übersetzt und angereichert mit aktuellem Bildmaterial.

Dabei waren seine Honorarwünsche kaum der Rede wert, es ging ihm wohl vor allem um Starthilfe für unser Blatt und natürlich auch um die von ihm betreute Renn-Kundschaft. Pünktlich und immer verlässlich lieferte er seine Beiträge.

Im Laufe der Zeit ergab sich eine Art Freundschaft, wir endeckten allerlei Gemeinsamkeiten, zogen abends um die Häuser, oft auch unter Verstärkung der Kölner PS-Prominenz. Bei all diesen Exkursionen war Domingos immer der Leader in allerbester Abendlaune.

Längst parlierte er nahezu perfekt in Kölner Mundart («wie jet et, Jung?»), was ihm im Kölner Boulevardblatt «Express» den Beinamen «Der Kölsche Portugiese» einbrachte. Im gleichen Atemzug druckte dieses Blatt seinen Nachnamen Piedade anfänglich auch gerne mal falsch - als beliebteste Varianten galten «Pedales» und «Pidades».

Unvergesslich bleibt eine dreitägige PR-Tour Anfang Dezember 1972 mit Emerson Fittipaldi. Domingos trieb den frischgebackenen F1-Weltmeister von einem Termin zum nächsten, Autogrammstunden, ZDF-Sportstudio, Interviewtermin Deutsche Welle, Eröffnung der Motorshow Essen.

Bei einem solch strammen Programm hätte jeder aktuelle F1-Weltmeister nach zwei Terminen hingeschmissen und seinen Manager zum Teufel gejagt. Aber «Fitti» ertrug den Dauerstress mit unglaublicher Gelassenheit und seinem berühmten Lächeln.

Mitte Dezember 1972 dann die unglaubliche Reise nach Paris zur FIA-Ehrung. Ford-Sportchef Mike Kranefuss hatte im vornehmen Hotel «George V» für uns drei eine Suite gebucht – auf Ford-Kosten natürlich, denn keiner von uns hätte Lust gehabt, das selbst zu bezahlen.

Nach der Preisverleihung begann eine denkwürdige Nacht unter Führung des Stadt- und Party-kundigen Kranefuss-Kumpels François Mazet, seinerzeit wilder F3- und Capri RS-Pilot mit Ford-Werksvertrag für die Tourenwagen-EM.

Zuerst steuerte er mit uns ein obskures Rotlicht-Etablissement, das wir auf Drängen von Domingos («das ist mir zu heikel hier») wieder zügig verließen.

Danach landeten wir in einem vornehmen Pariser Außenbezirk in der Villa eines Mazet-Freundes, wo gerade eine wüste Party in vollem Gange war. Im Morgengrauen liefen wir dann in unserem Edelhotel George V ein und gaben uns mit dem Inhalt der Mini-Bar den Rest.

Viele Jahre danach noch rügte Domingos immer wieder die Tatsache, dass ich die Nacht von Paris in meinen Büchern totgeschwiegen hätte. «Aber das traust du dich ja nicht, du feiger Hund», lästerte er gern am Telefon, »weil du sonst noch heute Zoff mit deiner Frau kriegen würdest.»

Ich habe ihm damals geantwortet: «Nein, lieber Freund Domingos, ich habe darauf verzichtet, weil die Geschehnisse, vor allem was dich betrifft, einfach nicht jugendfrei waren – das wird dir doch wohl nicht entfallen sein …»

Gesucht und gefunden hatten sich auch der Aachener Rennstallbesitzer Willi Kauhsen und die portugiesische Allzweckwaffe. Als «Willi Weltmeister» 1975 mit drei Alfa Tipo 33 aus dem Bestand von Auto Delta als privates Team die Sportwagen-WM in Angriff nahm, holte sich Kauhsen Rat bei Domingos.

Das Gespräch endete damit, dass er Team-Manager wurde und je nach Austragungsland populäre Top-Piloten wie Mass, Laffite, Merzario, Bell, Scheckter oder sogar Mario Andretti jeweils ins Alfa-Cockpit bugsierte. Und das hat er auch noch «für ganz kleine Fahrergagen» hingekriegt, wie Kauhsen mal dankbar betonte. Am Ende freute sich die Zweckgemeinschaft Kauhsen/Piedade über den Gewinn den WM-Titels.

Später, Mitte der 1980er-Jahre, wiederholte sich das in ähnlicher Form im Porsche-Team von Reinhold Jöst – nur dass es hier neben WM-Laufsiegen vorrangig um Erfolge bei den 24 Stunden von Le Mans ging. Das klappte 1984 mit Ludwig/Pescarolo und 1985 mit Ludwig/Barilla/«Winter» gleich zwei Mal.

Als die «Auto Zeitung» im Herbst 1978 anlässlich ihres zehnjähriges Jubiläums eine große Feier in einer Münchner Nobel-Disco plante, half Domingos ohne Zögern, internationale PS-Stars wie James Hunt, Niki Lauda, Colin Chapman, Emerson Fittipaldi oder Jackie Oliver für eine Teilnahme zu begeistern. Ohne ihn hätten wir niemals ein so rauschendes Fest mit so einer illustren Gästeschar hinbekommen.

Domingos war es auch, der mir irgendwann 1980 geradezu euphorisch von einem jungen brasilianischen Kart-Fahrer erzählte. «Ich habe den Weltmeister von Morgen gesehen, der wird mal alle und alles in Grund und Boden fahren.»

Mit glänzenden Augen und der ihm eigenen Begeisterung drängte er mich, sofort eine Geschichte über den Wunderbuben zu schreiben. «Er heißt Ayrton Senna da Silva, ich habe alles über ihn, was du brauchst. Gib Gas, Jung, dann bist du der Erste mit der Story.»

Wir haben die Senna-Geschichte damals gleich ins Blatt gesetzt – die weitere Entwicklung des jungen Mannes ist bekannt.

Den Sensations-Deal Hans Heyer/Fiat-Lancia für die Rennsport-Meisterschaft 1980 fädelte Domingos genauso geräuschlos und diskret ein wie lukrative Sponsoren-Abschlüsse für seine anderen Klienten. Im renommierten Freiburger Rennstall «GS-Sport» war er Team-Manager, Verhandlungspartner und Geldbeschaffer in Personalunion.

Zwischendurch fand der quirlige Mann sogar immer noch Zeit, für den portugiesischen TV-Sender RTP Formel 1-Rennen zu kommentieren oder Kolumnen in diversen südamerikanischen Publikationen zu schreiben.

Als er im Zuge des DTM-Booms 1988 mit seinem Freund Hans Heyer die Tuningfirma AMG in Affalterbach besuchte und dabei auch AMG-Patron Hans-Werner Aufrecht kennenlernte, beschrieb Domingos das Treffen später mal so: «Ich kam als Fremder und ging als Angestellter.»

Der AMG-Chef engagierte den graduierten Wirtschafts-Ingenieur Piedade für die Ressorts Marketing und Verkauf.

Im Auftritt stets piekfein und weltmännisch, mit deutscher und portugiesischer Staatsbürgerschaft ausgestattet, passte Domingos allein schon vom Outfit perfekt zur Edelmarke AMG. Als eine seiner ersten großen Amtshandlungen brachte er einen Mega-Deal zwischen Bridgestone und dem AMG-DTM-Team mit einem Exklusiv-Vertrag unter Dach und Fach.

Als sich 1999 die Umwandlung von AMG in eine hundertprozentige Mercedes-Tochter vollzog, wurde Piedade sogar von der Stuttgarter Konzernzentrale als Geschäftsführer berufen. «Wenn der Domingos irgendwann mal die Nachfolge von Bernie Ecclestone antritt, würde sich darüber auch niemand mehr wundern», bemerkte mal spaßeshalber der RTL Formel 1-Experte Willy Knupp. Tatsächlich schwirrte dieses Gerücht zwischendurch immer wieder durchs Fahrerlager – man traute dem Multi-Talent sogar den Königs-Job im Motorsport zu.

Mit dem Umzug in den Raum Stuttgart endete leider auch die wunderbare Zeit mit Domingos in Köln. Nach dem Ende seines AMG-Engagements nahm er 2006 mit der Position des Direktors der kriselnden Estoril-Rennstrecke nochmals eine neue Herausforderung an.

Es wurde die letzte große Aufgabe seines langen, erfolgreichen und aufregenden Berufslebens als Manager. Er brachte die Estoril-Anlage wirtschaftlich und sportlich wieder auf Kurs, holte die Motorrad-WM und andere wichtige Events zurück. Seinem Nachfolger übergab er bei der Beendigung des Estoril-Engagement eine finanziell gesunde Rennstrecke.

Aufmerksam verfolgte Domingos auch die berufliche Entwicklung seiner beiden in Köln geborenen Söhne. Marc, heute 53, war lange Team-Manager in der Opel-DTM-Truppe von Reinhold Joest und baute sich danach eine eigene Existenz als erfolgreicher Kaufmann mit einer Residenz in Dubai auf. Auch Guido (50) kennt sich im Rennsport-Business bestens aus – er war im BAR F1-Rennstall Assistent von Boss Dave Richards. Beide Piedade-Buben wuchsen als junge Kart-Fahrer auf der Bahn in Kerpen mit Michael Schumacher auf.

Als sich Domingos Piedade mit 68 Jahren in den Ruhestand zurückzog, präsentierte ihm sein Körper alsbald die Stress-Rechnung: Herz-OP, Bypässe, danach das übliche Prozedere mit Reha, Pillen, Bewegungs-Therapie, gesundes Leben.

«Trotzdem habe ich nichts zu bereuen», sagte er mir bei jeder Gelegenheit am Telefon, «wir hatten doch eine verdammt gute Zeit. Wenn ich da nur an unsere Kölner Jahre zurückdenke, die gehörten zu den schönsten, fröhlichsten und erlebnisreichsten meines Lebens.»

Das unterschreibe ich sofort.

Am 30. November 2019 ist Domingos Piedade im Alter von 75 Jahren in seiner Heimat Portugal gestorben. In diesem Jahr wäre er 80 Jahre alt geworden.

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