Austin nach Mexiko-Stadt: Vom Regen in die Traufe

Kolumne von Mathias Brunner
Formel 1
​Nicht nur Austin kann Blitz und Donner, da wollen auch andere Städte nicht zurückstehen: Lesen Sie erste Eindrücke aus jenem wunderlichen Chaos, das sich Mexiko-Stadt nennt.

Jahrelang hatte ich die Ehre, an der Seite des fabelhaften Helmut Zwickl zu Formel-1-Rennen reisen zu dürfen. Aber eine Reise machte er jeweils alleine – Mexiko.

Helmut erzählte mir von seinen ersten Erfahrungen in der Millionen-Metropole: Eine sehr nette Kellnerin habe ihm am Morgen Speck und Eier gebracht und den Teller übergeben mit den Worten «caliente, caliente». Helmut dachte: Das wird ungefähr ein netter Gruss sein, lächelte zurück, sagte auch «caliente», ergriff den Teller – und liess ihn sofort quer über den Tisch schmettern. Wäre das Porzellan noch heisser gewesen, wäre es geschmolzen. Seither weiss Helmut, dass «caliente» heiss heisst und dass ein paar Sprachkenntnisse auch in Mexiko nur hilfreich sein können ...

Aufgrund von Helmuts Mexiko-Reisen bin ich also, obschon GP-erfahren seit 1982, hergekommen. Von texanischen Longhorns zum mexikanischen Greenhorn.

Wo kommt das Schloss her?

Vom Speed der Einreise und der Geschwindigkeit der Gepäckausgabe können sich die Europäer schon mal ein paar Scheiben abschneiden, nachdem mein Flieger aus Houston wohlgemerkt vor der geplanten Zeit gelandet ist.

Kleine Überraschung beim Koffer: Am Griff baumelt ein ungefähr kinderfaustgrosses Vorhängeschloss. Es gehört mir nicht. Der Koffer schon. Ich weiss weder, wer das Ding angebracht hat noch zu welchem Zweck. Es hängt einfach ein wenig unnütz herum. Gut, damit befasse ich mich später.

Da ich gelesen hatte, Taxis in Mexiko-Stadt seien so eine Sache und nicht immer die sicherste Transportmöglichkeit, hatte ich per Internet einen Fahrdienst organisiert. Das klingt jetzt nach Strech-Limo und Champagner im Fonds, vielleicht eine flotte Latina als Fahrerin, aber die Wahrheit ist, dass ich einen Fahrer habe, für den das Wort steinalt eine gelinde Untertreibung wäre. Das Auto ist nur unwesentlich jünger – ein asthmatischer Mitsubishi, der sich mit schleifendem Keilriemen und ächzenden Dämpfern durch den Verkehr kämpft.

Ich frage: «Wie lange werden wir ungefähr bis zum Hotel haben?»

Der Fahrer: «20 minutos.»

Hier ist ein kleiner Exkurs in Sachen Zeitwahrnehmung angeraten. Jeder weiss: Ein Stündchen in netter Gesellschaft kann wie im Flug vergehen. Eine Stunde in der Sauna würden wir hingegen nur wahren Schwitzprofis empfehlen.

20 mexikanische Minuten sind in Schweizer Zeitrechnung, wie sich auf unserer Zuckelfahrt erweist, ungefähr eineinhalb Stunden.

«Traffico», hält Sherlock Holmes vor mir am Steuer fest.

«Kannten Sie Pedro Rodríguez?»

Der Verkehr ist ungefähr ein solches Chaos wie in São Paulo oder Shanghai. Nur, dass die Mexikaner viel gleichmütiger sind als die Brasilianer, welche ständig wild die Spuren wechseln, und als die Chinesen, welche die Hupe mehr betätigen als das Gaspedal.

Die Strassen sind gesäumt von Läden an Läden an Läden. Und diese Marktstände! Markstände überall! Noch nie in meinem Leben habe ich so viel Stände gesehen, die alles Erdenkliche anbieten – Lebensmittel und Klima-Anlagen, Spielzeug und Snacks, Regenschirme und Turnschuhe, CD’s und Handyhüllen. Im Angebot ist so ziemlich alles, mit der Ausnahme vielleicht eines Flugzeugträgers.

Wikipedia nennt für Mexiko-Stadt ungefähr so viel Einwohner wie São Paulo, das sind dann knapp 20 Millionen. Wir schätzen, es hat auch 20 Millionen Marktstände.

Immerhin ist das Wetter verblüffend schön – leichte Bewölkung, warm, prima. «Bleibt es so?» will ich vom Fahrer in meinem besten Spanisch wissen. Er antwortet: «Sí, sí, ningún problema!» Kein Problem also. Darauf kommen wir dann noch zu sprechen.

Natürlich haben wir uns dann noch tüchtig verfahren, weil der Fahrer das Hotel nicht gefunden hat. Dank Google-Streetview, ich hatte meine Hausaufgaben gemacht, führe ich ihn schliesslich ans richtige Ort.

Der Fahrer freut sich: «Wir haben die Formel 1 in der Stadt. Kannten Sie Pedro Rodríguez?»

Ich hatte leider nie das Vergnügen, mein Kollege Helmut schon. So wie ich meinen Fahrer vom Alter her einschätze, kannte er auch Caracciola und Nuvolari.

Was heisst Schneidbrenner auf Spanisch?

Im Hotel (der Fahrer hat mir beim Abschied ein gutes Rennen gewünscht, das fand ich sehr charmant) stossen meine Spanischkenntnisse an leichte Grenzen. Wie sagt man korrekt: «Hätten Sie bitteschön einen Seitenschneider? Irgendein Hirni hat ein Vorhängeschloss an meinem Koffer angebracht, das ich nicht quer um die Welt zu schleppen gedenke.»

Irgendwann stehen vier Mexikaner um meinen Koffer herum, kratzen sich am gelierten Haupthaar, bestaunen das Schloss und die makellose Qualität. Ein Mann vom Unterhalt wird geholt. Er hat eine Säge dabei. Das Schloss ist von der Säge ungefähr so beeindruckt wie der Fels von Gibralter von einem lauen Sommerlüftchen.

Herr Unterhalt fragt, ob er den Koffer mitnehmen dürfe, er wolle schärferes Geschütz auffahren. Er formt die Hände zu etwas, was wohl einen Schneidbrenner darstellen soll und macht ein zischendes Geräusch. Ich verabschiede meinen Koffer und nehme mir vor, später auf Google in Mexiko-Stadt Läden zu suchen, die Samsonite-Produkte anbieten.

Aber jetzt endlich auf zur Rennstrecke!

U-Bahn für Hartgesottene

Aufgrund einer Verkehrssituation, die nur mit «anhaltendem Infarkt» bezeichnet werden kann, sowie aufgrund eines Tipps meines Kollegen Michael Schmidt (auto motor und sport) mache ich mich auf die Socken Richtung Rennstrecke – mit der U-Bahn.

Ich würde jetzt nicht behaupten, dass die Metro von Mexiko überfüllt wäre, aber Sardinen haben es in ihrer Büchse gemütlicher.

Das Gute an der Metro: Sie ist billig, sie ist schnell.

Das Schlechte an der Metro: Alles wissen das, also ist sie proppevoll. Und proppevoll bedeutet – man ist Menschen nahe, denen man aus freien Stücken eigentlich nicht so nahe sein möchte. Vor allem dann nicht, wenn sie das jährliche Bad erst für November geplant haben.

Witzig an der Metro: Die Stationen haben nicht nur Namen, sondern auch Symbole – ein Vogel, eine Traube, ein Maiskolben, eine Kanone und so fort. Eingeführt wurde dieses System, weil der Anteil von Menschen in Mexiko erschreckend hoch bleibt, die nicht lesen können.

Auch in der U-Bahn fliegende Händler: Lose, Kugelschreiber, Süsszeug, leuchtende Plastikgeister («Einer für 10 Peso! Zwei für 15! Greifen Sie zu!»). Niemand greift zu. Die meisten lernen die Display ihrer Handys auswendig, um einer Verkaufsattacke zu entgehen.

Noch viel Arbeit an der Strecke

Ich rumple also Richtung Autódromo (Betonung auf dem ersten O) Hermanos Rodríguez (Betonung auf dem I). Irgendwann wird aus der U-Bahn eine Ü-Bahn, denn aus dem Dunkel der Untergrundtunnels fährt die Bahn (übrigens auf Gummirädern) auf einmal ins Freie. So lässt sich der Sportkomplex mit Velodrom und Rennstrecke erstmals bestaunen. Ein kurzer Fussmarsch und ich stehe auf dem Renngelände.

Überall wird gemalt, gehämmert, aufgebaut, getragen, fallengelassen, geflucht, aufgehoben, weitergeschleppt, gewischt, geputzt, geschwitzt, telefoniert, organisiert, delegiert. Keiner würde glauben, dass hier in wenigen Tagen ein Formel-1-Training stattfinden kann.

Aber wie hat Pistenarchitekt Hermann Tilke mal gesagt: «Du kannst noch so im Zeitplan sein, zum Schluss hin wird’s immer eng.»

Wir haben das zigmal auf anderen Strecke ebenfalls erlebt, daraus lässt sich den Mexikanern nun wirklich kein Strick drehen.

Kleine Enttäuschung in eigener Sache: Der Pressesaal ist ein fensterloser Bunker. Wie übrigens auch in Silverstone. Ich möchte hier nicht sagen, wie wir den Pressesaal der britischen Rennstrecke getauft haben, aber was heisst Führerbunker auf Spanisch?

Kein Fenster, das ist doppelt schade, weil gleich dahinter die Piste durch die Stadionpassage führt. Rund 40.000 Fans, die an dieser Stelle normalerweise Baseballspiele verfolgen oder Konzerte, werden hier die GP-Renner feiern. Die Passage ist wirklich etwas ganz Besonderes.

Nicht alles Gute kommt von oben

Nach dem Gerumpel zurück in die Stadt mit noch mehr Menschen, welche das Wort Deo noch nie gehört haben, grollt es beim Aussteigen gewaltig. Die Menschen gucken sich erschreckt an. Erdbeben? Terror-Anschlag? Nein – Petrus lässt es krachen, aber richtig!

Wenn Austin vorgemacht hat, was Donner und Blitz und heftigster Regen so darbieten, dann will eine Metropole wie Mexiko-Stadt nicht zurückstehen. Ein heftiges Gewitter bricht hernieder, und wir lernen – nicht alles in Texas ist grösser.

Die Menschen reagieren völlig unaufgeregt. Sie suchen jede Form von Unterständen und warten einfach, bis das Schlimmste vorbei ist. Ich bin vom Gleichmut der Menschen beeindruckt – und von der Flexibilität der Händler. Verschwunden sind die Spielsachen und die Süssigkeiten: «Ponchos! Regenschirme! Ponchos!! Regenschirme!!» brüllen die Händler nun und machen ein gutes Geschäft.

Das Brachialgewitter hat auch ein wenig den Schwung aus einer Demo genommen, die unweit von meinem Hotel die Strassen blockiert. So wie ich es verstehe, geht es um mehr Lohn.

Ich werde auf dem Fussmarsch von der U-Bahn-Station zum Hotel nur vier Mal nicht überfahren (Merke: Autos bremsen hier für Fussgänger nur in Notfällen), dann tropfe ich die Lobby voll. Der Mann hinter dem Tresen hält messerschaft fest: «Wir haben ein Gewitter.»

Aus persönlicher Perspektive darf ich festhalten: Alle Kleider und Schuhe, die nach der Sintflut im Rahmen des Texas-GP wieder halbwegs trocken waren, sind jetzt ein weiteres Mal patschnass. Vielleicht werde ich wie in Austin einen Fön durchbrennen lassen, um sie halbweg wieder in Schuss zu bringen.

Ach ja, mein Koffer steht im Hotelzimmer. Ohne Schloss. Er ist nur ganz leicht angekokelt.

Ich glaube, jetzt brauch ich einen Tequila.

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