Aprilia RSV4 1100 Factory: Elektronisches Fahrwerk

Von Rolf Lüthi
Aprilia wollte ein elektronisches Fahrwerk erst dann einbauen, wenn es bessere Rundenzeiten bringt. Nun ist es soweit.

Aprilia ist schon seit Jahrzehnten führend auf dem Gebiet elektronischer Fahrhilfen. Da ist es schon fast klar, dass die beim Wechsel auf ein elektronisches Fahrwerk ein solches nicht einfach dranschrauben. Aprilia sagte immer, dass man ein elektronisches Fahrwerk erst dann einbauen würde, wenn dessen Vorteile auf der Stoppuhr sichtbar seien. Nach zwei Jahren intensiver Zusammenarbeit mit Technikern von Öhlins ist diese Zeit gemäss Aprilia nun gekommen.

Bei der weiteren elektronischen Aufrüstung der RSV4 1100 Factory wählte Aprilia die neueste Version der Öhlins EC 2.0. Die Fahrwerks-Elektronik ist voll vernetzt mit den restlichen elektronischen Komponenten der 1100er Factory. Die elektronische Steuerung der Federelemente und des Lenkungsdämpfers erkennt jederzeit den aktuellen Fahrzustand des Motorrads und passt die Dämpfungs-Einstellungen entsprechend an. Den dafür benötigten Algorithmus haben Öhlins und Aprilia gemeinsam erarbeitet.

Der Fahrer der 1100er Factory hat die Wahl zwischen zwei Fahrwerksmodi: semiaktiv oder fix. Im fixen Modus funktioniert das Fahrwerk konventionell, die Elektronik greift nicht ein. In beiden Fahrwerksmodi stehen drei Grundabstimmungen zur Verfügung. Je eine für Rennstreckeneinsatz mit Slicks, Rennstrecke mit schlechtem Asphalt und/oder Straßensportreifen und dazu eine Straßenabstimmung. Selbstverständlich kann jede Einstellung weiter dem Fahrstil und den Fahrerpräferenzen angepasst werden.

Mit dem OPTi (Objective Based Tuning Interface) kann sich der Fahrer Ziele setzen und diese verfolgen. Ein Fahrer kann sich also zum Beispiel vornehmen, härter zu bremsen oder fulminanter aus der Kurve zu beschleunigen. Die Elektronik unterstützt den Fahrer bei der Erreichung seiner Ziele, indem es die Fahrwerksabstimmung entsprechend anpasst.

Diese ganzen elektronischen Möglichkeiten addieren sich zu den Einstellmöglichkeiten, welche die Aprilia schon immer anbot: Lenkkopfwinkel, Schwingendrehpunkt, Heckhöhe und Motorposition können variiert werden.

Rahmen und Motor bleiben nach der Überarbeitung auf 2019 unverändert. 217 PS bei 13.200/min dürften weiter üppig ausreichen, um den Hinterreifen schwer zu strapazieren. Mit einem Titanschalldämpfer und einer Lithium-Ionen-Batterie wurde das Gewicht auf 199 kg vollgetankt gedrückt. Dazu wurde an der Aerodynamik getüftelt. Die seitlichen Flügelchen aus Karbon wurden vom in der MotoGP eingesetzten Prototypen RS-GP übernommen.

Als Fazit ist die Aprilia RSV4 1100 Factory fast zu schade für schnöden Straßeneinsatz. Der Rundstreckenfahrer bekommt mit ihr ein Traummotorrad. Um dessen unzählige Einstellmöglichkeiten zu nutzen, muss man willens sein, sich tiefgreifend mit der Maschine und der zugrundeliegenden Theorie zu befassen.


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