Jahresrückblick 2020 (4): Ken Roczen wird Vater

Von Thoralf Abgarjan
Motocross
Ken Roczens Sohn Griffin wurde im Herbst geboren

Ken Roczens Sohn Griffin wurde im Herbst geboren

HRC-Star Ken Roczen wird in den USA stolzer Vater seines gesunden und kräftigen Sohns Griffin. Tim Gajser (Honda) und Tom Vialle (KTM) werden Weltmeister und Jorge Prado erkrankt an COVID-19.

In normalen Jahren ist Anfang Oktober die Saison vorbei. Im Herbst des ersten Coronajahres 2020 ist alles anders. Die WM und die US Nationals sind noch in vollem Gange.

Ken Roczen wird Vater. Am 9. September wird sein Sohn Griffin geboren. Der Bube ist gesund und kräftig und der junge Vater stolz auf seinen Sohn.

Kawasaki-Werksfahrer Romain Febvre gewinnt das Mittwochsrennen von Mantova-2 (Italien). Tim Gajser kann sich mit Rang 3 jedoch in der WM-Tabelle noch nicht absetzen. Er führt mit nur 5 Punkten Vorsprung vor dem angeschlagenen Antonio Cairoli, der sich trotz seines in Mantova gebrochenen Nasenbeins und anhaltender Knieprobleme weiterhin durchbeißt. Der Slowene gewinnt nun aber von Tag zu Tag an Selbstvertrauen und holt den Grand-Prix von Mantova 3. Cairoli ist allerdings im zweiten Lauf zur Stelle, als Gajser erneut stürzt. Die WM ist zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht entschieden.

WM-Lauf 12 im Xanadu wird zum Schaulaufen des spanischen Supertalents Jorge Prado, der seinen Heim-Grand-Prix mit einem Doppelsieg feiern kann. Auch dieses Rennen findet ohne Zuschauerpräsenz statt, so dass die Party eher verhalten ausfällt.

Der frühere amerikanische WM-Fahrer Zach Osborne dachte im März nach einer schweren Nackenverletzung bereits ans Aufhören. Anfang Oktober kann er sich in Pala als AMA-Motocross-Champion feiern lassen. Osborne kann sich leisten, beim letzten US-Rennen auf Sicherheit zu fahren, denn nur Adam Cianciarulo hätte den Husqvarna-Werksfahrer noch abfangen können. Eli Tomac wird hinter Cianciarulo Gesamtdritter der US Nationals. Dylan Ferrandis gewinnt als erster Franzose die Litesklasse der US Nationals.

Ex-Weltmeister Jordi Tixier gewinnt Anfang Oktober im Sand von Tensfeld verdient die 'short season' ADAC MX Masters.

Das WM-Fahrerkarussell beginnt sich Mitte Oktober zu drehen. Clement Desalle erkennt als erster Werksfahrer, dass er keine Chance mehr auf einen Platz in einem Werksteam hat und erklärt seinen Rücktritt nach Ende der Saison. Thomas Covington beendet seine erfolglose MXGP-Saison sogar vor Saisonende. Später wird auch Gautier Paulin seinen Rücktritt vom professionellen Motocrosssport erklären. Julien Lieber hatte seine Karriere bereits im August beendet.

Der härteste Teil der Motocross-WM steht den WM-Protagonisten Mitte Oktober in der Sandhölle von Lommel bevor. Glenn Coldenhoff, der in Kegums für GasGas den ersten Grand-Prix-Sieg einfahren konnte, stürzt im Zeittraining schwer und zieht sich zwei Wirbelbrüche zu. Bereits Ende 2018 war der Niederländer im Training schwer gestürzt und hatte sich Rückenwirbel gebrochen. Ähnlich wie sein Landsmann Herlings in Faenza hat er zunächst kein Gefühl in Armen und Beinen. Doch Coldenhoff hat erneut Glück, sein Rückenmark ist zwar traumatisiert, aber nicht beschädigt. Seine Saison ist beendet, aber er wird sich wieder vollständig erholen können. Louis Vosters, der seit diesem Jahr das Yamaha-Werksteam stellt, machte seit dem Frühjahr keinen Hehl daraus, dass er starkes Interesse an Coldenhoff hat. Die Trainingsrunden von Lommel werden Coldenhoffs letzte für GasGas, denn er wechselt 2021 ins Yamaha-Werksteam von Vosters.

«Zu viele Wirbelbrüche dieses Jahr», bemerkt Jeremy van Horebeek in Lommel. Die WM geht in ihre entscheidende Phase. Cairoli stürzt und fällt weit zurück. Gajser übernimmt die Führung, doch auch er geht zu Boden. Diesmal ist Gautier Paulin der lachende Dritte. Im zweiten Lauf zahlen sich Gajsers winterliche Übungsstunden im Sand aus. Er gewinnt Lauf und Grand-Prix und kann sich nun von Cairoli mit 48 Punkten Vorsprung absetzen.

Cairoli bekommt zu diesem Zeitpunkt aber auch noch Druck von seinem Teamkollegen Prado, der in der WM nur noch 11 Punkte Rückstand hat. Der einzige deutsche MXGP-Dauerstarter, Henry Jacobi, stürzt im Tiefsand von Lommel und kugelt sich die Schulter aus. Seine glücklose erste MXGP-Saison ist damit vorzeitig beendet. Erst jetzt kommt heraus, dass sich der Thüringer während der Zeit des Lockdowns mehrfach teils schwer verletzt hatte und nach dem Neustart der WM jenseits seines Potenzials agierte. Sein italienisches Team 'Yamaha SM Action - Mc Migliori Racing' verlängert das einjährige Engagement des Deutschen nicht. Der verletzte Jacobi muss sich in dieser schwierigen Situation auch noch nach einem neuen Team umsehen. Jacky Martens, der Jacobis glanzvolle Auftritte in der MX2-Klasse noch in bester Erinnerung hat, ist zur Stelle und verpflichtet den Deutschen für die nächste Saison. Etwas Besseres hätte Jacobi in dieser Situation wohl kaum passieren können. Jacobis zweites MXGP-Jahr ist damit gesichert.

Jorge Prado gewinnt das Mittwochsrennen von Lommel 2. Im Ziel ist der Spanier völlig erschöpft und kann minutenlang nicht vor die Kamera zum Siegerinterview treten. «Ich habe eine Erkältung und bin nicht ganz fit», erklärt Prado vor laufenden Kameras. Doch es ist keine Erkältung, sondern eine COVID-19-Infektion. Prado muss sofort in Quarantäne. Seine Saison und die Hoffnung auf WM-Rang 2 oder besser ist damit beendet.

Gajser hat nun einen Herausforderer weniger. Der Slowene gewinnt das Rennen von Lommel 3 im Regen souverän, während Cairoli in der ersten Runde stürzt und dem Feld wieder hinterherfahren muss. Gajser hat inzwischen einen Vorsprung von 74 WM-Punkten an der Spitze, mit dem er zum letzten Triple-Event des Jahres nach Trentino anreist.

Clement Desalle gewinnt den zweiten Lauf von Trentino 1 und seht kurz vor seinem Karriereende hier noch einmal auf dem Podium - ein bewegender Moment.

Gajsers Vorsprung in der WM ist inzwischen so groß, dass er bereits nach dem ersten Lauf von Trentino 2 vorzeitig Weltmeister werden kann. Er muss im Rennen ohne Kupplung fahren, schafft aber trotzdem Platz 2 hinter Jeremy Seewer und feiert im Ziel seinen 4. WM-Titel. Nach dem Start zum zweiten Lauf gerät Jeremy van Horebeek zwischen Hinterrad und Schwinge seiner Honda. Der Slowene sitzt schockiert am Streckenrand, während der Dolomitenkurs in bleierner Stille verharrt, als van Horebeek von der Strecke transportiert wird. Van Horebeek kommt mit dem Schrecken davon und begibt sich noch am selben Tag auf die Heimreise nach Belgien, wo seine Frau Zwillinge erwartet. Das Verhältnis zu seinem Team 'SR Honda Motoblouz' ist zerrüttet. Van Horebeek und das Team gehen getrennte Wege.

Antonio Cairoli verliert im letzten Rennen der Saison WM-Rang 2, weil er in der ersten Kurve vom übermotiviert agierenden Arnaud Tonus von der Strecke gedrückt wird. Dabei verbiegt sich Cairoli den Schalthebel und muss das Rennen aufgeben. Jeremy Seewer kommt auf Rang 4 ins Ziel und wird tatsächlich noch WM-Zweiter!

Auch in der MX2-WM fällt die Entscheidung vorzeitig zugunsten von KTM-Werksfahrer Tom Vialle. Der Franzose fährt weiterhin beständig und konstant, während sein einzig verbliebener Konkurrent Jago Geerts immer wieder teils heftig stürzt. Wie oft er von seinem Motorrad fällt und dabei sogar mehrfach vom Bike getroffen wird, ist kaum noch zählbar. Dass er bei all seinen Stürzen unverletzt bleibt, ist eines der kleinen Wunder dieses Jahres. Die Bilder der kopfschüttelnden Yamaha-Teamcrew werden zum Sinnbild der MX2-Saison 2020. Geerts ist schnell, doch er kommt mit dem Druck nicht klar. Im letzten Rennen der Saison stürzt er erneut. Doch ausgerechnet bei diesem Crash verletzt er sich und beendet die Saison am Ende doch mit einer gebrochenen Schulter im Krankenhaus und WM-Rang 2. Sein Teamkollege Ben Watson gewinnt sein letztes Rennen in der MX2-Klasse. Der Brite wechselt nächstes Jahr ins Yamaha-Werksteam.

Im GasGas-Juniors MX2-Werksteam wird nach dem Ausfall der beiden deutschen Werksfahrer Anfang September in Faenza eilig nach Ersatz gesucht. Isak Gifting wird aus der EMX250 abgeworben und schlägt in der MX2-WM ein wie eine Bombe. Der verletzte Sydow wird vom Team daraufhin nicht verlängert und findet zu diesem Zeitpunkt auch kein anderes WM-Team mehr. Er muss nächste Saison in die Europameisterschaft zurückkehren und hofft auf vereinzelte Wildcardeinsätze in der WM. Simon Längenfelder hat mehr Glück, denn der zweite Ersatzmann, Michael Sandner, kann insgesamt nicht überzeugen. Längenfelder darf bleiben. Der Einstieg von GasGas in die WM verlief 2020 trotz vereinzelt guter Resultate nicht nach Plan. In der Markenwertung belegt die KTM-Tochter den 6. und damit letzten Platz. Obwohl Vialle Weltmeister wurde, gewann Yamaha die Herstellerwertung, was dem verletzungsbedingten Ausfall des zweiten KTM-Werksfahrers René Hofer geschuldet ist.

Mitte November ist die WM-Saison 2020 vorbei. Sie hat mit Tim Gajser und Tom Vialle zwei würdige Weltmeister hervorgebracht. WM-Serienvermarkter 'Infront Moto Racing' hat es in diesem Corona-Jahr trotz erheblicher Schwierigkeiten geschafft, eine vollständige WM zu stemmen. Die Rennen waren ohne Zuschauer an der Strecke natürlich anders als sonst, aber es wurden insgesamt gute und spannende Wettkämpfe geboten. Der Serienvermarkter der Motocross-WM hat sich seit seiner Existenz stets viel Kritik anhören müssen, egal in welcher Konstellation als 'Action Group', 'Dorna', 'Youthstream' oder 'Infront Moto Racing'. In diesem Jahr hat der Promoter schließlich sehr konkret gezeigt, dass er im Interesse des Sports handelt. Unter ständig wechselnden Auflagen 18 Grands-Prix-Rennen auf die Beine zu stellen, ist eine Mammutaufgabe, die am Ende des Jahres Respekt und Anerkennung verdient. Geld war in diesem schwierigen Jahr ohne Publikum für den Promoter sicher nicht zu verdienen, denn der Kostendruck durch Personal, Infrastruktur, Technik und Logistik blieb ja trotz Coronakrise nicht nur weitgehend unverändert, sondern wurde durch Sondermaßnahmen teilweise sogar noch verschärft. Die Fans bekamen am Ende spannendes Racing geboten und konnten die WM von der ersten bis zur letzten Minute live verfolgen.


Siehe auch

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Hondas MotoGP-Auftritt verkommt zum Problemfall

Günther Wiesinger
Honda wartete sehnsüchtig auf die Rückkehr des sechsfachen MotoGP-Champions Marc Márquez, aber auch dessen Comeback brachte den größten Motorradhersteller der Welt bisher nicht auf die Siegerstraße zurück.
» weiterlesen
 

TV-Programm

  • Do.. 17.06., 00:20, Motorvision TV
    IMSA WeatherTech SportsCar Championship 2020
  • Do.. 17.06., 01:10, Motorvision TV
    Classic Races
  • Do.. 17.06., 01:45, Hamburg 1
    car port
  • Do.. 17.06., 02:40, Motorvision TV
    Top Speed Classic
  • Do.. 17.06., 03:45, Hamburg 1
    car port
  • Do.. 17.06., 04:55, ORF Sport+
    Extreme E Magazin 2021
  • Do.. 17.06., 05:15, Hamburg 1
    car port
  • Do.. 17.06., 05:30, Puls 4
    Café Puls mit PULS 4 News
  • Do.. 17.06., 05:35, DMAX
    Carinis Classic Cars
  • Do.. 17.06., 06:00, ORF Sport+
    silent sports +
» zum TV-Programm
3DE