Covid-19: Gedanken zu Lehren aus der Vergangenheit

Von Günther Wiesinger
Editorial
Moto2-Start am 8. März in Katar: Die Fortführung der Action wird auf sich warten lassen

Moto2-Start am 8. März in Katar: Die Fortführung der Action wird auf sich warten lassen

Wer bis jetzt noch kein Verständnis für die rigorosen Maßnahmen der Regierungen und Behörden zur Covid-19-Eindämmung aufbringt, hat den Ernst der Lage nicht begriffen.

Als ich am 6. Februar 2020 zum ersten MotoGP-Test nach Kuala Lumpur in Malaysia geflogen bin, habe ich mir sicherheitshalber 50 Gesichtsmasken besorgt. Denn ich reiste ja nach Asien, die Seuche hat in China ihren Ausgang genommen. Es gab nur die billige Sorte, 50 Stück für 9.90.- Bei der Zwischenlandung in Dubai trug kaum jemand Masken.

Ich kramte meine erste erst am Airport in Kuala Lumpur hervor. Der dreifache Weltmeister Loris Capirossi, jetzt als Sicherheitsberater der Dorna im Geschäft, reiste mit Emirates im selben Flugzeug wie ich. Er lachte mich aus, ich behielt die Maske trotzdem an. Der Beamte, der meinen Pass kontrollierte, trug eine Maske, ich musste meine abnehmen, weil ich fotografiert wurde und meine Fingerabdrücke hinterlassen musste. Beim Weggehen stopfte ich meine Maske in den nächsten Papierkorb.

Knapp vier Wochen später hätte Loris Capirossi als Italiener beinahe nicht zum Katar-GP fliegen können, weil sich der Coronavirus in Italien so rasant verbreitet hatte. Im Gegensatz zu Safety-Officer Franco Uncini durfte Capirossi nach Doha fliegen und dort die Rennen der Moto3- und Moto2-Klasse überwachen, weil er in Monte Carlo wohnhaft ist und sich vorher zwei Wochen lang nicht in Italien aufgehalten hat.

Inzwischen nehmen auch die Italiener die Gefahr ernst, es hat lange genug gedauert. Jetzt gibt es rigorose Ausgangssperren, gestern sind sie auch in Spanien verordnet worden, wo allein gestern wieder 1081 neue Erkrankungen gemeldet wurden. Die neuen Vorschriften treten am Montag in Kraft.

Immer mehr Länder machen die Grenzen dicht. Tschechien und Slowakei machten es vor, Dänemark, Litauen und Lettland ziehen jetzt nach. Manche Länder wie die Schweiz sperren zumindest die kleinen Grenzübergänge, die nicht überwacht werden können. Aber im Schweizer Tessin reisen täglich 35.000 Grenzgänger aus Italien ein. Kein Gesetz kann sie daran hindern.

Vietnam, wo erst vor drei Tagen noch ein Formel-1-GP für 5. April auf dem Kalender stand, lässt ab heute keinen Bürger aus europäischen Ländern des Schengenraums mehr einreisen, auch die Briten nicht.

In Neuseeland wurden bisher nur acht infizierte Personen entdeckt, trotzdem werden alle Einreisenden für 14 Tage in Quarantäne gesteckt. Denn am Freitag lag die Zahl der Erkrankten noch bei 5.

Und die Mediziner wissen: Ohne Vorkehrungen steckt jeder infizierte Mensch innerhalb von sieben Tagen 140 weitere Personen an.

Inzwischen wächst das Verständnis für die strengen Maßnahmen der Regierungen und Gesundheitsbehörden, auch für alle Reisebeschränkungen, Flugverbote und gestoppte Zugverbindungen. Denn Gott sei Dank verfügen wir über Statistiken und Informationen aus den Zeiten der SARS-Grippe und vom Beginn der Coronavirus-Epidemie in China. Dort haben die strengen Maßnahmen innerhalb von zwei Monaten die Verbreitung gestoppt. Auf dieser Basis lassen sich anhand der gelieferten Daten und Parameter exakte Hochrechnungen anstellen.

Die TU Wien sagt voraus: In Österreich wird sich die Anzahl der infizierten Personen alle zweieinhalb Tage verdoppeln, bevor der «Peak» ereicht sein wird. Momentan hält Österreich bei 655 Krankheitsfällen. In drei bis vier Wochen könnten es ca. 10.000 sein, wären jetzt nicht strenge Maßnahmen ergriffen worden.

Was passiert, wenn in manchen Regionen wie in den zu spät gesperrten Tiroler Skigebieten die Situation grob fahrlässig unterschätzt wird, erleben wir gerade. Alle heimreisenden Skifahrer aus diesen Gebieten müssen unterschreiben, dass sie sich zwei Wochen lang in Heimquarantäne begeben. Die Ärzte vermuten, ein infizierter Barmann in einer In-Disco in Ischgl habe den Virus verbreitet.

Wir wissen inzwischen auch, warum die Politiker und Behörden so weitsichtig handeln. Niemand will Zustände wie in Italien riskieren, wo am 21. Februar noch 200 SARS-CoV2-Fälle gemeldet waren, heute sind es unfassbare 21.157 – und 1441 Todesopfer.

1918: Die verheerende Spanische Grippe

Auch ein Blick in die Geschichtsbücher hat die Regierungen in aller Welt wachgerüttelt. Im März 1918 brach die Spanische Grippe aus. Der Virus A/H1N1 kostete in knapp drei Jahren bis zu 50 Millionen Menschen das Leben, exakte Aufzeichnungen existieren nicht.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 grassierte die Pandemie noch zwei weitere Jahre. An dieser «Lungenpest» starben viele Erkrankte im Alter von 20 bis 40 Jahren, auch in der deutschen Armee.

Die Spanische Grippe verbreitete sich deshalb so rasch, weil die kriegsführenden Länder keine Panik verbreiten und die Soldaten bei der Truppe behalten wollten. Es herrschte eine Art informationssperre.

Übrigens: Die Spanische Grippe wurde Anfang 1918 in Kansas in den Vereinigten Staaten erstmals entdeckt. Die US-Armee schickte damals jede Woche Tausende Soldaten in den Krieg nach Europa, so verbreitete sich der mörderische A/H1N1-Virus in Windeseile.

Der Begriff «Spanische Grippe» entstand, weil nur im neutralen Spanien die Zeitungen ausgiebig über die Krankheit berichteten.
Im Herbst 1918 wurden allein in Berlin 20.000 Menschen von der Spanischen Grippe dahin gerafft. Erst zu diesem Zeitpunkt gerieten die deutschen Behörden endlich in die Kritik der Medien.

Daraus lernen wir: Die Medien erfüllen in Krisenzeiten wichtige Aufgaben. Sie sollen seriös und verantwortungsvoll aufklären und informieren, aber keine Panik verbreiten.

Die Panikmache und die Fake News können wir getrost den Sozialen Medien überlassen.

Zurück zum Motorsport.

Er ist momentan nicht lebensnotwendig. Jetzt steht die Gesundheit absolut im Vordergrund.

Aber jeder von uns erlebt im Alltag Menschen, die den Ernst der Lage noch nicht erkannt haben.

Da denke ich zum Beispiel an Eltern, deren Kinder nicht mehr in die Schule dürfen, aber dafür am Wochende in den überfüllten Supermarkt mitgeschleppt werden. Oder an Menschen, die mir beim Zahlen an der Kasse zehn Zentimeter an den Leib rücken. Oder an Menschen, die sich gestern noch in einzelnen Schweizer Skigebieten in enge Gondeln drängten und sich ärgerten, weil der Schweizer Bundesrat ab sofort alle Skigebiete gesperrt hat.

Natürlich wird die Wirtschaft in allen Bereichen dramatisch leiden. Aber wenn wir 1 bis 2 Meter Abstand halten sollen, müssen wir auf einige Hobbys vorübergehend verzichten und alle sinnvolle Vorschriften brav einhalten.

Nur dann werden die Rennserien irgendwann im Sommer wieder gestartet oder fortgesetzt.

Und viel wichtiger: Nur dann können Firmenpleiten und Arbeitslosigkeit in überschaubaren Grenzen gehalten werden. Und nur dann können wir unsere Angehörigen und Freunde vor der Pandemie schützen.

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