Pit Beirer/KTM: «Ich rechne weiter mit 10 Grand Prix»

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Jerez-GP 2019: Pit Beirer (li.) mit KTM-Chef Stefan Pierer

Jerez-GP 2019: Pit Beirer (li.) mit KTM-Chef Stefan Pierer

Pit Beirer ist überzeugt, dass sich in den fünf Monaten bis September noch viel ändern kann. Deshalb schreibt er die Saison 2020 nicht ab. Der KTM-Rennchef nennt triftige Gründe für seine Zuversicht.

Pit Beirer, Motorsport-Direktor bei KTM, hat seinen Optimismus im Hinblick auf eine Fortführung der Motorsportsaison 2020 noch nicht verloren. Er hat zwar seinen Wunsch-Starttermin in den letzten zwei Wochen von Juli auf September verlagert, hofft aber trotzdem noch auf das Zustandekommen von zehn Grand Prix in diesem Jahr.

Aber es türmen sich vor einem Neustart viele Hindernisse auf. Reiseverbote, Abstandsregeln, Versammlungsverbote, Flugverkehr lahmgelegt, Beherbungsbetriebe für Touristen gesperrt, riesige Dunkelziffern von Infizierten, rasante Zuwächse an Infizierten und Todesfällen in wichtigen Nationen wie Japan, Australien und USA, Verbot von Risikosportarten – das sind nur die wichtigsten Maßnahmen, die Großveranstaltungen bis auf weiteres verhindern.

«Wir dürfen nicht riskieren, dass durch uns auch nur ein Mensch zusätzlich infiziert wird», ist sich Dorna-Chef Ezpeleta bewusst.

Pit Beirer versprüht im Exklusiv-Interview mit SPEEDWEEK.com deutlich mehr Zuversicht. 

Pit, du kennst diese strengen Maßnahmen alle. Du weißt, dass viele Ländern von der Abflachung der Kurve weit entfernt sind und andere Probleme haben als die Austragung eines Motorradrennens. Trotzdem bleibst zu zuversichtlich?

Ich will nicht, dass wir am 9. April die ganze Saison abhaken. Deshalb suchen ich Argumente, die den Motorsportler Hoffnung geben. Wir dürfen uns nicht den ganzen Optimismus kaputt machen lassen.

Ich sage gern: Ein Realist ist ein ausgelernter Optimist.

Ja, eh. Ich bin ja noch ausgesprochen jung, deshalb darf ich etwas ungestümer an die Sache herangehen.

Wenn der österreichische Bundeskanzler Kurz die Grenzen in Abstimmung mit der EU erst öffnen will, wenn es einen Impfstoff gegen Corona gibt, dann kann ich mir Rennen im September schwer vorstellen. Dann spielt es keine Rolle, dass niemand weiß, wann wieder Flieger aufsteigen und die Hotels aufsperren. Möchtest du persönlich im August wieder in ein voll besetztes Flugzeug einsteigen?

Vielleicht fahren wir im August noch mit dem Auto. Und im September fliegen wir wieder.

Natürlich ist die ganze Krise ein Wahnsinn. Und wir sind mittendrin im Sturm.

Wie viele Grand Prix kannst du dir 2020 noch vorstellen?

Ich halte an meiner Prognose fest, dass wir in dieser Saison in allen wichtigen Motorsport-Serien noch zehn Grand Prix über die Bühne bringen können. Wenn es gut läuft.

Die Reiseverbote und Grenzschließungen werden aber voraussichtlich auch im September noch Dutzende von Teammitgliedern und Fahrern an der Reise nach Italien, Spanien, Frankreich oder sonst wohin hindern. In Italien sind zum Beispiel 140.000 Menschen infiziert. Das sind nicht einmal 2,3 Prozent der Bevölkerung. Es laufen dort also noch 98 Prozent von Gefährdern herum, fast 60 Millionen.

Wir stehen in Mitteleuropa jetzt in vielen Ländern kurz vor dem Höhepunkt der Pandemie. Alle schmerzhaften Maßnahmen, die wir vor ein paar Wochen eingeleitet haben, beginnen jetzt Früchte zu tragen. Wir stecken jetzt mittendrin. Je nach Land steht die Abschwächung der Kurve knapp oder weniger knapp bevor.

Anfang April ist also genau das eingetreten, was uns alle Politiker und Mediziner vorhergesagt haben.

Wir sind nach den strengen Maßnahmen am absoluten Tiefpunkt, zum Teil körperlich, zum Teil moralisch, viele Firmen sind auch schon finanziell am Ende.

Natürlich ist die Stimmung jetzt nicht gerade rosig. Aber ich bin absolut nicht bereit, Anfang April ein ganzes Jahr wirtschaftlich aufzugeben.

Vom 9. April bis September gibt es noch ein gewisses Zeitfenster von fünf Monaten, in denen man die Dinge noch aussitzen könnte.

Man könnte in dieser Zeitspanne der Medizin und allen wichtigen Leuten Zeit geben, Dinge zu verbessern. Deshalb bin ich nach wie vor optimistisch, dass wir uns in der zweiten Jahreshälfte wieder ordentlich bewegen werden.

Die Virologen auf der ganzen Welt betonen aber: Wenn jetzt die Maßnahmen zu früh gelockert werden, wird die zweite Infektionswelle viel stärker als die erste. Der italienische Infektionsexperte Massimo Gallio vom Mailänder Spital «Sacco» hat ausgerechnet: Allein in Italien haben sich bereits 1 Million Menschen mit dem Virus angesteckt. Auch Prof. Dr. Dr. Hadlitsch sagt: Man muss die bestätigten Fälle überall mit dem Faktor 10 multiplizieren. Dann hat man die Dunkelziuffer der Infizierten.

Ich habe in dieser Woche mit Carmelo Ezpeleta selber Kontakt aufgenommen. Natürlich wird bei der Dorna über ein «Worst Case»-Szenario nachgedacht. Ich weiß aber auch, dass die Dorna mehr als 20.000 Testkits bestellt hat, damit sie irgendwann alle Mitarbeiter und das gesamte Fahrerlager-Personal testen zu können. 

Natürlich wird nicht passieren, dass die Grenzen plötzlich aufgehen, wir «Hurra» schreien und sofort wieder Grand Prix fahren wie in alten Zeiten. 

Aber wir müssen alle gemeinsam überlegen, wie wir ein organisiertes und abgespecktes Szenario auf die Beine stellen können, damit wir eines Tages wieder Rennen absolvieren können.

Natürlich geht es einerseits um die Unterhaltung, um die Leidenschaft und um den Sport. Anderseits bringt auch die Sportindustrie eine beachtliche Wirtschaftsleistung, sie sichert sehr viele Arbeitsplätze. Man hört ja überall, dass die Wirtschaft in absehbarer Zeit wíeder hochgefahren werden muss. 

Deshalb weigere ich mich, Anfang April ein ganzes Jahr aufzugeben. Ich reihe mich im April noch nicht in das Heer der Pessimisten ein. Absolut nicht.

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