Ducati: Wurde in die falsche Richtung entwickelt?

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Jack Miller mit aktiviertem «ride height adjuster»: Yamaha gewann 2020 sieben Rennen ohne dieses System

Jack Miller mit aktiviertem «ride height adjuster»: Yamaha gewann 2020 sieben Rennen ohne dieses System

Ducati hatte 2020 nie die Chance, in den Titelkampf einzugreifen. Die neue Desmosedici passte nicht zur neuen Reifengeneration von Michelin. Aber es gibt bei Ducati auch andere Schwachstellen.

Genau genommen ist es mit Ducati in den letzten vier Jahren in der MotoGP-WM immer weiter bergab gegangen. Denn Andrea Dovizioso gewann 2017 noch sechs Grand Prix und hielt den Titelkampf gegen Marc Márquez bis zum Finale in Valencia aufrecht, nicht zuletzt weil ihm Teamkollege Jorge Lorenzo beim vorletzten Rennen in Sepang laut Stallorder den Sieg überlassen musste. Dovi verlor den Titelkampf trotzdem um 37 Punkte. 2018 gelangen der Nummer 04 noch vier Siege, 2019 zwei, 2020 einer. Im Vorjahr verspielte Dovi den Kampf gegen Márquez um frappante 151 Punkte.

Mit der MotoGP-Saison 2020 kann Ducati Corse nicht zufrieden sein, denn ausgerechnet im ersten Jahr seit 2012 ohne Márquez schauten in der Fahrer-WM nur die Positionen 4 (Dovizioso), 7 (Miller) und 12 (Petrucci) heraus. Das vor zwei Jahren noch belächelte KTM-Werk brachte Pol Espargaró in der Fahrer-WM auf Platz 5, punktegleich mit Dovizioso.

Dabei steuerten immerhin sechs der 22 Stammfahrer eine Ducati Desmosedici.

Zur Erinnerung: Suzuki beschränkte sich auf zwei – und glänzte in der WM mit gleich vielen Siegen wie Ducati (2) und in der Fahrer-WM mit den Rängen 1 und 3 durch Joan Mir und Alex Rins.

Ducati hat sich also einerseits wacker gehalten, anderseits eine Riesenchance verspielt.

Denn selbst Gewinn der Konstrukteurs-WM von Ducati hat einen Schönheitsfehler: Er kam auf dem grünen Tisch zustande, weil Yamaha die 25 Punkte für den Jerez-Sieg wegen der illegalen Ventile aberkannt wurden.

Immerhin hat Ducati jetzt fünf Jahre hintereinander immer mit mindestens zwei Piloten GP-Siege errungen. Die Rückkehr zum Erfolg gelang 2016 mit dem Iannone-Sieg in Spielberg, Dovi legte damals in Sepang nach.

Aber fünf Aspekte lassen sich nicht verbergen:

1. Die Desmodedici ist auf manchen Strecken noch immer nicht konkurrenzfähig.

2. Die Desmosedici ist für Rookies nicht besonders benutzerfreundlich (Bagnaia: ein Podest in zwei Jahren).

3. Ducati tut sich schwer, Topfahrer bei Laune zu halten und nach späteren Trennungen das Gesicht zu wahren. Stoner, Lorenzo, Bautista und Dovizioso mögen als Beispiele gelten.

4. Der verdienstvolle Andrea Dovizioso wurde nach acht Jahren auf besonders unappetitliche Weise abserviert. Von gutem Stil war da nichts zu sehen.

5. Die Ducati-Ingenieure sollten auch vor der eigenen Türe kehren. Denn die Ducati des Jahrgangs 2020 war offenbar nicht viel besser als die GP19 aus dem Vorjahr.

Andrea Dovizioso stellte im November einmal trocken fest: «Außer den Reifen hat sich bei meinem Bike im Vergleich zu 2019 nichts verändert.»

Die Behauptung wird durch Fakten teilweise untermalt. Keinem der vier GP20-Werksfahrer Dovizioso, Petrucci, Miller und Bagnaia gelang eine Pole-Position, Zarco mit dem Vorjahres-Ducati (in Brünn) hingegen schon. Der Franzose schaffte auch einen Podestplatz – gleich viele wie das vielgerühmte Talent Bagnaia.

Die Experten sind sich nicht immer einig, warum die Ducati Desmosedici bisher nie wirklich über eine ganze Saison überlegen war.

Mag sein, dass Dovi nicht zu jedem Zeitpunkt fahrerisch in der Liga von Márquez, Viñales, einst Rossi und jetzt Morbidelli und Quartararo spielte und spielt. Aber er hat etliche Duelle gegen Márquez für sich entschieden, weil er in den letzten Kurven die Ruhe bewahrte.

Aber es fällt auf, dass sich viele Talente in den letzten Jahren vor einem Ducati-Vertrag hüteten, wenn sie auch von Yamaha, Honda, Suzuki und sogar KTM ein Angebot bekamen.

Offenkundig ist: Ducati setzt stark auf die Motorleistung des V4-1000-ccm-Motors, der auf der schnellen Piste von Spielberg fünf von sechs Siege davontrug.

Aber auf manchen Strecken ist das Package nicht benutzerfreundlich genug, es werden die Reifen zu stark beansprucht, in manchen Kurven wird zu viel Zeit verloren.

Konstrukteur Gigi Dall’Igna gilt als einfallsreich, als schlauer Fuchs, er hat schon viele Lücken im Reglement geschickt ausgenutzt, zum Beispiel 2014 mit dem Umstieg in die Open Class, die Ducati damals gegenüber Honda und Yamaha zwei Jahre lang viele Privilegien sicherte: Mehr Sprit, weichere Hinterreifen, mehr Motoren, mehr Testfahrten, Motoren-Entwicklung nicht eingefroren.

In den letzten Jahren hat Ducati mit dem «holeshot device» (Schnellstartvorrichtung, bekannt aus dem Motocross), mit den Abdeckungen an den Rädern, mit dem Hinterradspoiler (er kühlt angeblich den Hinterreifen, in Wirklichkeit sorgt er für Downforce) mit dem «ride height adjuster» (er senkt das Bike hinten beim Beschleunigen ab) und anderen technischen Spitzfindigkeiten für Furore gesorgt.

Ob sich diese Spitzfindigkeiten immer positiv auf die Rundenzeit auswirken, ist fraglich. Die Fahrer und Teams verlieren damit in den knappen vier freien GP-Trainings viel kostbare Set-up-Zeit. Und auf manchen Pisten bringt der «holeshot decice» nichts, weil sich die erste Kurve zu nahe bei der Startlinie befindet und das System dann nicht rechtzeitig stillgelegt werden kann. Jack Miller hat das 2019 in Silverstone leidvoll erfahren.

Honda wurde 2019 ohne Hinterradspoiler und ohne «holeshot device» haushoch überlegen Weltmeister. Auch Suzuki und Yamaha gewannen 2019 WM-Rennen ohne das «holeshot device».

Ich bin kein Techniker, aber mir ist aufgefallen: Johann Zarco bekam die Startvorrichtung in diesem Jahr verspätet, er war aber auch ohne dieses System und ohne die anderen Gadgets oft schnellster oder zweitschnellster Ducati-Pilot.

Die Erkenntnis, dass das Neue nicht immer das Bessere ist, setzte sich auch bei Honda und Yamaha durch: Bei beiden Werken stellten Nakagami und Morbidelli mit modifizierten 2019-Maschinen ihre Markenkollegen häufig in den Schatten.

Die meisten Fahrer sind sich einig: Der Erfolg 2020 führte über das Verständnis mit den Michelin-Einheitsreifen, für die die Franzosen einen Kompromiss für die Bedürfnisse aller sechs Hersteller finden müssen. Ducati gelang es 2020 einfach zu selten, das Desmosedici-Paket an die Reifen anzupassen.

Alle MotoGP-Sieger 2020

Jerez-1: Fabio Quartararo (Petronas Yamaha)
Jerez-2: Fabio Quartararo (Petronas Yamaha)
Brünn: Brad Binder (Red Bull KTM)
Spielberg-1: Andrea Dovizioso (Ducati Team)
Spielberg-2: Miguel Oliveira (Red Bull KTM Tech 3)
Misano-1: Franco Morbidelli (Petronas Yamaha)
Misano-2: Maverick Viñales (Monster Yamaha)
Catalunya: Fabio Quartararo (Petronas Yamaha)
Le Mans: Danilo Petrucci (Ducati Team)
Aragón-1: Alex Rins (Suzuki Ecstar)
Aragón-2: Franco Morbidelli (Petronas Yamaha)
Valencia-1: Joan Mir (Suzuki Ecstar)
Valencia-2: Franco Morbidelli (Petronas Yamaha)
Portimão: Miguel Oliveira (Red Bull KTM Tech3)

MotoGP-Pole-Positions 2020

Jerez-1: Fabio Quartararo (Yamaha)
Jerez-2: Fabio Quartararo (Yamaha)
Brünn: Johann Zarco (Ducati)
Spielberg-1: Maverick Viñales
Spielberg-2: Pol Espargaró (KTM)
Misano-1: Maverick Viñales (Yamaha)
Misano-2: Maverick Viñales (Yamaha)
Catalunya: Franco Morbidelli (Yamaha)
Le Mans: Fabio Quartararo (Yamaha)
Aragón-1: Fabio Quartararo (Yamaha)
Aragón-2: Takaaki Nakagami (Honda)
Valencia-1: Pol Espargaró KTM)
Valencia-2: Franco Morbidelli (Yamaha)
Portimão: Miguel Oliveira (KTM)

MotoGP-Pole-Positions 2020

Yamaha 9
KTM 3
Ducati 1
Honda 1
Suzuki 0
Aprilia 0

MotoGP-Podestplätze 2020

Yamaha 12
Morbidelli 5 (3x Platz 1, 1x Platz 2, 1x Platz 3)
Quartararo 3 (3x Platz 1)
Viñales 3 (1x Platz 1, 2x Platz 2)
Rossi 2 (1x Platz 3)

Ducati 9
Miller 4 (3x Platz 20, 1x Platz 3)
Dovizioso 2 (1x Platz 1, 1x Platz 3)
Petrucci 1 (2y Platz 1)
Zarco 1 (2x Platz 3)
Bagnaia 1( 2x Platz 2)

KTM 8
Pol Espargaró 5 (5x Platz 3)
Oliveira 2 (2x Platz 3)
Brad Binder 1 (2x Platz 1)

Suzuki 11
Mir 7 (1x Platz 1, 3x Platz 2, 3x Platz 16
Rins 4 (1x Platz 1, 2x Platz 2, 1x Platz 3)
Honda 2
Alex Márquez 2 (2x Platz 2)

Aprilia 0

Endstand Fahrer-WM nach 14 Rennen:

1. Mir 171 Punkte. 2. Morbidelli 158. 3. Rins 139. 4. Dovizioso 135. 5. Pol Espargaró 135. 6. Viñales 132. 7. Miller 132. 8. Quartararo 127. 9. Oliveira 125. 10. Nakagami 116. 11. Binder 87. 12. Petrucci 78. 13. Zarco 77. 14. Alex Márquez 74. 15. Rossi 66. 16. Bagnaia 47. 17. Aleix Espargaró 42. 18. Crutchlow 32. 19. Bradl 27. 20. Lecuona 27. 21. Smith 12. 22. Rabat 10. 23. Pirro 4.

Endstand Konstrukteurs-WM:

1. Ducati, 221 Punkte. 2. Yamaha 204. 3. Suzuki 202, 4. KTM 200. 5. Honda 144. 6. Aprilia 51.

Team-WM nach 14 Rennen:

1. Team Suzuki Ecstar 310 Punkte. 2. Petronas Yamaha SRT 248. 3. Red Bull KTM Factory Racing 222. 4. Ducati Team 213. 5. Pramac Racing 163. 6. Monster Energy Yamaha MotoGP 178. 7. Red Bull KTM Tech3, 152. 8 LCR Honda 148. 9. Repsol Honda Team 101. 10. Esponsorama Racing 87. 11. Aprilia Racing Team Gresini 54.

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