Auf halber Strecke: Marc Márquez und sein Oberarm

Kolumne von Michael Scott
MotoGP
Marc Márquez vier Tage nach der ersten Oberarm-OP in der Honda-Box

Marc Márquez vier Tage nach der ersten Oberarm-OP in der Honda-Box

Am 3. Dezember unterzog sich der sechsfache MotoGP-Champion Marc Márquez der dritten Oberarm-OP seit seinem Jerez-Crash im Juli. Kolumnist Michael Scott mit einem persönlichen Kommentar zur Misere.

Die Nachricht kam nicht unbedingt mit Lametta oder blinkenden LED-Lichtern geschmückt, aber war in etwa so plausibel wie ein fliegendes Rentier. Honda ließ wissen: «Marc Márquez postoperative klinische Situation wird vom Ärzteteam in Madrid als ‚zufriedenstellend‘ angesehen.»

Vielleicht ist es zu oberflächlich. «Zufriedenstellend» ist, aus medizinischer Sicht, ein ziemlich flexibler Begriff. Das Problem ist: Auch Marcs Oberarm ist ziemlich flexibel – an einer Stelle, wo er es eigentlich nicht sein sollte.

Damit ist wirklich nicht zu spaßen. Im «Worst Case» kann es sogar das Karriereende bedeuten. Sicher ist, dass eine Rückkehr des achtfachen Weltmeisters zu alter Stärke für den Beginn der nächsten Saison stark zu bezweifeln ist. Damit sind auch Hondas Aussichten gering, die Vorrangstellung zurückzugewinnen, die sie dank Marc Márquez von 2013 bis 2019 innehatten – mit sechs der sieben Titel, die in dieser Zeit vergeben wurden.

Es sollte nicht so sein. Bei der Orthopädischen Chirurgie geht es, im allgemeinen Verständnis, um das Zusammenflicken der Knochen. Der Ablauf ist klar, zumindest theoretisch: Ein Knochen bricht, der Chirurg schneidet sich seinen Weg durch den angrenzenden Muskel, bohrt ein paar Pilotlöcher, schraubt eine Titanplatte über die Fraktur und näht wieder zu. Und schon ist der Patient wieder weg, so gut wie neu.

So läuft es für gewöhnlich ab, beispielsweise bei einem Schlüsselbeinbruch. Jeder erinnert sich an Jorge Lorenzo, im Übrigen immer noch der einzige Fahrer, der Marc Márquez im Kampf um einen MotoGP-Titel auf der Strecke geschlagen hat. Als sich der Mallorquiner in Assen 2013 das Schlüsselbein brach, flog er zu Dr. Xavier Mir nach Barcelona, ließ sich über Nacht zusammenflicken und saß zwei Tage später wieder auf seiner Yamaha. Er fuhr im Rennen sogar auf Platz 5.

Das war zweifellos auch die Absicht von Marc Márquez, nachdem er beim verspäteten Saisonauftakt in Jerez im Juli heftig abgeflogen war. Sein Motorrad traf ihm am rechten Oberarm, der Knochen ging entzwei. Er flog ebenfalls zu Dr. Mir nach Barcelona, landete auf dem OP-Tisch und stieg vier Tage später in Jerez wieder auf seine RC213V.

Die Aktion war heldenhaft, aber letztendlich war es auch zu viel des Guten. Der sechsfache MotoGP-Champion schaffte fast 30 Runden in den letzten zwei Freien Trainings des Andalusien-GP, musste im Qualifying aber das Handtuch werfen. Wenige Tage später stellte sich heraus, dass die Titanplatte Schaden genommen hatte. Offiziell passierte es beim Öffnen einer widerspenstigen Glastür.

Dr. Mir und seine Genossen zeigten sich überrascht und bedauerten den Fehlschlag – und sie wiederholten den Vorgang: Am 3. August wurde eine neue Titanplatte eingesetzt.

Die meisten hätten erwartet, dass der 27-jährige Spanier vor dem Ende der Saison sein Comeback geben würde, vielleicht schon nach ein paar Wochen. Aber die Warterei zog sich und – wie wir inzwischen alle wissen – kehrte er 2020 nicht mehr auf die Strecke zurück.

Dann, nur einige Tage nach dem Saisonfinale, platzte die Bombe: Eine dritte Operation am rechten Oberarm, dieses Mal wegen einer «Pseudarthrose» kündigte sich an.

Damit bezeichnet man eine ausbleibende Knochenbruchheilung, wenn es zu keiner knöchernen Überbrückung zwischen den abgebrochenen Knochenenden kommt und sich nur ein wenig Knorpel bildet – so entsteht ein beweglicher Knochenbereich.

Was muss man sich darunter vorstellen? Stützen Sie den Ellbogen auf den Tisch, heben Sie den Unterarm senkrecht nach oben und bewegen Sie ihn dann von einer Seite zur anderen. Sobald Sie zur Mitte kommen, würde er plötzlich auf die andere Seite fallen. Das ist nicht schön und nicht angenehm.

Ich spreche aus eigener Erfahrung, weshalb ich – zum Beginn dieser deprimierenden Márquez-Misere – geschrieben habe, dass er mit Glück für die finalen Rennen der Saison 2020 zurückkehren könnte. Diese Eischätzung basierte auf seiner Jungend und seiner Fitness. Es stellte sich aber heraus, dass auch ich hoffnungslos optimistisch war.

Als ich unter einer nicht zusammenwachsenden Oberarm-Fraktur litt, war ich schon doppelt so alt wie Marc. Dazu kam eine hauptsächlich sitzende Tätigkeit (Journalismus), ich war weit weg von fit und auch noch ein Raucher. Drei Operationen und zwei Knochentransplantate waren nötig, und ein volles Jahr, ehe die Knochenbildung zwischen den Enden endlich einsetzte. Und das auch erst, nachdem ich sechs Monate lang nicht mehr geraucht hatte.

Ich wurde vom staatlichen Gesundheitssystem in Großbritannien behandelt, einer fabelhaften Institution, aber im Grunde die Basisbehandlung im Vergleich zur maßgeschneiderten Spezialtherapie, die ein Champion wie Marc genießt – von der sogenannten Schockwellentherapie bis hin zur ständige Betreuung durch Top-Physiotherapeuten.

Das Ergebnis war bei mir dasselbe wie bei ihm: Der Erfolg blieb aus, die dritte OP stand an. Im Falle von Marc wurde sie von einem neuen Ärzteteam in der Ruber-Klinik von Madrid durchgeführt, der Eingriff dauerte ganze acht Stunden. Wie bei mir wurde ein Knochentransplantat von Beckenkamm und eine neue Titanplatte eingesetzt. Was, wenn es funktioniert, immer noch mit einer signifikanten Rekonvaleszenzzeit einhergeht.

Also verzeiht mir, wenn ich etwas privat werde und mit Marc fühle. Ich wünsche ihm das Beste für eine vollständige Genesung. Denn er befindet sich erst auf halber Strecke eines Alptraums.

Das sollten Sie auch tun. Er braucht sicher jede Unterstützung, die er kriegen kann.

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